Hannes findet, dass es, wenn man Drogen kaufe, oder, wie er sagt, nicht-legale Substanzen erwerbe, doch recht ähnlich sei mit dem, was früher zu erleben gewesen sei, wenn man mit knapp achtzehn mal im Sexshop herumspaziert sei, die Hände in den Hosentaschen, natürlich zu den Hüftknochen hinaus gespreizt, so dass sie zwar versorgt waren, eine auch nur imaginäre Verbindung zwischen Händen und Schoss aber gleichwohl ganz ausgeschlossen war, und man dann, nachdem man beiläufig eine Videokassette oder ein A5-Magazin ergriffen hatte, bei der Kasse bezahlt hatte, als wäre man der Naturstammkunde dieses Etablissements überhaupt, dass es also, wenn man Drogen, oder eben unerlaubte Substanzen, kaufe, doch recht ähnlich sei. Man interessiere sich wie sonst nie für die Umwelt, und man werde paranoid, wie man es mit dem abartigsten Mittel, das gerade erhältlich sei, das Was-weiss-ich-noch-wie-das-hiess-ol, oder -yl, oder doch vielleicht -xylen, niemals werden könnte. Man fühle sich als der schändliche Mittelpunkt der Welt, auf den alle gucken und gaffen, und noch der normalste Griff nach dem Hut, ob er noch der Mode entsprechend auf dem Kopf aufsitze, werde schon bei der Ausführung zum Problem, zum Problematicum und zu einer Wissenschaft, wie er denn ausgeführt worden sei, und was das jetzt mit Bezug auf das konkrete Verhalten am fraglichen Ort auf sich haben könnte. Man integriere, so Hannes, den Rauschmittelfahnder gleich in sich, und man denke auch all dessen mögliche Gedanken, und man spüre dabei, wie er den Griff an den Hut, das Versorgen des Geldbeutels und den zwanghaft beiläufigen Blick über die Schulter auf den eigenen Rucksack in ihrer grundsätzlichen Sinnlosigkeit mit röntgenstrahlenhafter Klarheit analysiert und als Zusammenspiel der nervösen Reaktionen des zumindest resthaft sich seines getanen Unrechts bewussten Bürgers entlarvt. Was man auch immer tue, und vor allem: je mehr man überhaupt tue, desto mehr komme es einem vor, als sei allen anderen noch vor einem selber klar, dass man das Richtige vermieden und deshalb das Falsche getan habe. Genau wie damals, als man fürchtete, schon allein die Tatsache, dass die Videokassette mit den kleiderlosen Frauen und Männern sich nun in der Tasche befindet und dass das, zumindest im ersten Gespräch darüber, niemand aus dem persönlich bekannten Umfeld gutheissen oder auch nur gleichgültig übergehen würde, dass schon diese Tatsache einen zu den ungewöhnlichsten Verhaltensweisen zwang, nur um gewöhnlich zu wirken; genau wie damals, als fast alles verboten war, von dem man glaubte, dass es die Freiheit erst ausmache. – Du musst Dich verhalten, wie es sich gebührt, oder Du musst den Mut entwickeln, um danach ruhig die Strasse hinunter zu gehen, als wärst Du im Recht, als wärst Du der beste Mensch von allen (sagte hier Hannes’ Freund). Es ist wirklich nicht im geringsten konsequent und verständlich, wenn Du dauernd Situationen provozierst, in denen Du alle Ehre, wie sie sich heutzutage eben zusammensetzt und in Deinen Kreisen versteht, verlieren könntest, Du aber zugleich Dir selber nicht die Ehre erweisest, Dir einmal einzugestehen, dass Du mit dieser Ehre sehr gerne und ganz absichtlich auf ein gefährliches Spielfeld ziehst, und dass Du nicht wirklich den Verlust einberechnest: Wärest Du ehrlich, dann wärest Du ruhig. Und wenn es schief ginge, dann trügest Du die Folgen als einer, der sie gekannt, der sie gefürchtet, aber der sie in Kauf genommen hat. Dann wären die Folgen nichts Fürchterliches mehr, wenn sie denn kämen; und vor allem wären sie nichts mehr, das Dich davon abhielte, ruhig die Strasse hinunter zu gehen, denn wenn Du Dich wirklich für die Inkaufnahme entschieden hättest, dann gehörten sie als normales Problem, und nicht mehr als mit allen Mitteln zu verhindernder, letztlich aber tödlicher Ausnahmezustand zu Dir. – Das mag sein, nur verkennst Du das Spiel (sagte daraufhin Hannes): Sexshops reizen mich nicht, ich habe den grössten davon zuhause in meiner Breitbandleitung. Was mich zieht, ist die Berührung mit dem wirklichen Leben, jenseits von dem, was ich ohnehin schon habe. Ich weiss, dass es hart ist, das wirkliche Leben, das die anderen führen, und ich mache ja alles, damit meines nicht dahinkommt, aber je mehr ich das tue, desto mehr auch brauche ich diese Sicht aufs Brachiale, aufs unkontrolliert Flimmernde und Flackernde, aufs Steigen wie aufs Fallen. Ich könnte tausend Rauschmittelhändler haben, die mich auf diskretestem Weg versorgen, und doch wäre es gerade dies, was mir meinen Genuss verdärbe. Ich bin reich und abgesichert, und nichts kann mich gefährden – ausser, dass ich mich mit dieser Welt in zwanghafte Verbindung setze, die Sicherheit und Schutz nicht kennt. Wo sonst soll ich denn das Leben finden? – Hannes konnte sehr überzeugend sein, und noch mehr konnte man müde sein, wenn er erst einmal angefangen hatte, sich und seine Verhaltensweisen, geschweige denn seine Marotten, zu verteidigen (das sah Hannes’ Freund ein).
moccalover - 8. Aug, 02:25
Wenn mein Herz nicht mitzueilen vermag, sobald ich mich schneller als zu Fuss bewege, wo ist es dann jetzt, wo ich seit Jahren täglich mit dem Zug zwischen den Städten wechsle? Hat es sich bei meiner Verfolgung irgendwo auf dieser Strecke verloren, sieht mich zweimal am Tag vorbeirasen und versucht vielleicht ganz erschöpft für kurze Zeit, dem Zug hinterherzujagen? Bleibt es hier? Oder ist es des Nacheilens leid, und hat schon längst ein anderes Leben gefunden und besucht mich nur noch ab und an?
moccalover - 6. Aug, 23:15
Dass immer noch Sommerferien sind, habe ich an der Familie gemerkt. Unter meinem Fenster hat sie mit allen Utensilien unter den Armen, die es für eine Flussfahrt im Gummiboot braucht, die Strasse überquert. Das kommt an einem Mittwochabend nur während der Sommerferien vor.
Seit genau sieben Jahren schaue ich durch das Fenster, durch das ich mich jetzt hinauslehne. Ich habe den Bauch auf dem Fensterbrett aufgestützt, und eine Metallleiste presst sich in meine unteren Rippenenden. Ich schaue am Morgen vom Bett aus, wie das Wetter werden wird, und am Abend hoffe ich auf wohlgeformte, farbige Wolken. Ich bewundere Stürme, die ungeahnte Mengen von Regen fallenlassen, und ich schaue dem Wasser zu, wie es neben dem Fenster vom Dach herunterstürzt, und wie es von den Autos unten auf der Strasse durchpflügt wird und als Gischt auf kleinen Wellenkämmen davonspritzt, bis es schliesslich einen Platz in einem Abfluss gefunden hat und unterirdisch Richtung Fluss verschwindet. Und wenn es in einer Nacht so fest schneit, dass sogar diese breite, kaum je zur Ruhe kommende Strasse sich weiss überdeckt, schluckt der Schnee auf allen Dingen das Strassenlampenlicht und gibt es als warmes Leuchten wieder ab. Dieses Leuchten hat keine Herkunft und keine Richtung, sondern steht im Raum und erhellt alles in ihm, selbst die Luft, und es greift bis zu den tiefhängenden Wolken hinauf. Manchmal grabe ich meine Fenstersimspflanzen in diesem Licht vom Schnee frei, und manchmal rinnt mir dann beim Einschlafen geschmolzener Schnee vom Kopf auf mein Kissen.
Ich schaue durch das Fenster auf die Karawane der Feuerwehr, wenn sie brüllend stadteinwärts jagt, und höre es den Sirenen an, ob sie von der Feuerwehr, von der Polizei oder von der Sanität künden. Wenn der Nebel auf den Köpfen der Stadt klebt oder durch die Strassen weht und ich zum Himmel blicke, kann ich ab und zu den Bugscheinwerfer eines Flugzeugs sehen, der sich dank elektronischer Instrumente selbstgewiss in Richtung Landebahn bohrt. Und ich schaue den Menschen zu, die da unten auf die Reisebusse warten, weil sie nicht mehr hierbleiben wollen oder können. Sie haben Fussballspiele oder Verwandte oder einfach die Sehenswürdigkeiten besucht; vielleicht haben sie eingekauft, sind beschenkt oder bestohlen worden, vielleicht haben sie gebettelt. Oder sie sind von hier und wollen weg – in die Berge, ans Meer oder an Fussballspiele. Sie warten alle am gleichen Ort, benützen alle die gleiche Telefonzelle und die gleichen Toilettenkabinen; teilen sich alle die einzigen beiden Sitzbänke. Und wenn sie warten, sind sie nervös, oder sie diskutieren, lesen oder spielen, beobachten sich und ihr Gepäck, doch nur selten beobachten sie jene auf dem Platz, die nicht mit Bussen verreisen, sondern hierbleiben wollen und die besonders spät am Abend häufig verdrehte Sinne und Manieren haben.
Sind die Worte mir denn ausgegangen? Nein, gewiss nicht. Die Luft ist warm geblieben, auch wenn der Himmel schon schwarz ist und nur ganz unten am Horizont noch fahlgelblich ausglimmt. Es wird schwierig werden, einzuschlafen.
Nein, Worte sind da, und sie sprudeln mehr denn je. Aber sie sind andersartig und fliessen in andere Kanäle. Und so ordnen und reinigen sie auch andere meiner Gehirnareale, wenn ich sie ausspucken kann. Es sind andere Worte. Ich habe in den letzten Jahren viel geschrieben; allerdings wenig über mich oder sonst in einer Art, die mich selber in die Gedanken einbände. Ich habe Formulare ausgefüllt und Vortragsfolien beschrieben, ich habe meinem Computer, diesem Perpetuum mobile des ewigen leeren Blattes, Abertausende von Zeilen anvertraut, die manchmal keine zwei Minuten lang am Leben blieben, von denen aber einige wenige einen ganz eigentümlichen Weg durch die Welt gefunden haben. Ich habe vielleicht geschrieben: T. kommt nicht umhin, eine unverzügliche Überprüfung des Sachverhalts auch unter dem Grundsatz der Leistungsäquivalenz zu beantragen, und er wird im Falle der Verifizierung seines Standpunktes die erforderlichen weiteren Schritte einleiten. Ich hätte aber auch schreiben können: Terry konnte nun nicht mehr anders, als Estelle an ihren Handgelenken zu ergreifen, sie zunächst hinter die Türe und dann an seinen muskeldurchzogenen, jetzt ganz angespannten Körper zu ziehen um dann, als er die Wärme ihres Atems auf seinem Hals spürte, sein Gesicht gegen das ihre zu senken und sie sanft, aber eindringlich, zu küssen. Es kommt nur auf den Jargon an, man kann alles schreiben, wenn man muss und den Jargon beherrscht.
Wenn man aber immer nur muss, verdrängen diese Worte die anderen, viel scheueren, die nur ohne Gewaltanwendung aus dem Kopf herausquellen, wenn sie sich wagen. Sie fürchten sich vor den anderen Worten, die sich wichtigtuerisch damit brüsten, kommerziell verwertbar und überhaupt für die Welt bedeutsam zu sein. Sie kommen nur, wenn ich mich aus mir herauslöse, mich für einen Moment niederlege und meinen Gedanken ganz freies Spiel in ihrem Verhalten lasse, so dass sie jene Worte hervorbringen und vermählen, die sie wollen.
Letzthin habe ich mir vorgenommen, mich jeden Abend für zehn Minuten auf das Fensterbrett zu stützen und mich hinauszulehnen. Ich habe mich seither nicht strikte daran gehalten; mir scheint zuweilen, dass mit zunehmendem Alter es Anspruch und Wirklichkeit immer mehr gelingt, sich als ganz eigenständige Personen aufzuführen, die, wie manche alte Eheleute, nicht mehr viel miteinander zu tun haben, sich kaum noch kennen. Aber heute tue ich es wieder. Es ist ruhig, nur der Verkehr tönt, und auch die Schulklasse mit Fahrrädern, die eine Weile nach der Familie mit dem Schlauchboot über die Strasse zum Parkplatz gegangen war, ist längst verschwunden. Vielleicht wird jetzt im verdunkelten Zimmer eines Massenlagers getuschelt, vielleicht aber sind alle wieder zuhause und lassen die Tür einen Spalt breit offen, um besser einschlafen zu können.
Ich wollte am Anfang nicht fliehen, musste aber eine Pause machen. Und nun bin ich lange weggeblieben und weiss auch nicht, ob ich wieder hier bin, ob ich wieder hierher zurückkommen werde. Ich habe mich aus ganz vielen Gründen in den letzten Jahren kaum mehr aus mir herausgelöst, mich beiseite gelassen, um mich zu sehen. Ich habe mich nur noch benutzt und verwaltet und nicht mehr betrachtet. Das will ich wieder lernen, aber daran ist nichts, was sich vorhersehen und garantieren liesse.
Ich weiss nicht, wie das gekommen ist. Andere Dinge, die auch noch gedacht werden müssen, begleiten mich den ganzen Tag. Eine gewisse Enttäuschung über die Möglichkeiten eines konkreten und einzigen Lebens, gepaart mit einer seichten, bequemen Zufriedenheit über dieses konkrete einzige Leben, hat mich ergriffen und knebelt mich manchmal, so dass mich das schreckliche Gefühl beschleichen kann, nicht mehr nachdenken zu können. Ich will nicht Träume leben und möchte das auch nicht wollen. Aber immerhin mein Leben leben, das möchte ich manchmal, wenn ich den Kopf zum Fenster hinausstrecke, um dem Wetter, dem Verkehr und den Leuten zuzuschauen.
Einen Moment lang steht der laue Abendwind still, und ich glaube, die Wärme des Dachs und des Fensterbretts zu spüren, wie sie auf mich zuschwebt. Aus dem Fenster unterhalb steigt der Geruch der Wohnung meines Nachbarn empor. Ein bisschen süssliches Reinigungsmittel, ein bisschen abgestandener Tabakrauch.
moccalover - 6. Aug, 00:16
santo subito. Das sagen einige, und manche schreiben es auf Plakate. Andere reiben sich die Geldzählhände, natürlich. Aber wenngleich es weltpolitisch unwichtig ist, ob der Vatikan die Karenzfrist zwischen Hinschied und Einleitung eines Sanktifizierungsverfahrens langsam auf Null verkürzt oder nicht - hinter dieser Frist stehen wohlüberlegte, gute Gründe (ein Lenker, wie es auch der Papst ist, sollte wenn möglich nicht in Versuchung kommen, sich schon als lebendig-halbheilig zu betrachten), die man höchstens deshalb leichtfertig übergehen darf, weil es sich hier eben - wie gesagt - um ein weltpolitisch unwichtiges Thema handelt. Oder fast, zumindest.
Mir geht es nun aber darum, dass wir die Ideen hinter der Karenzfrist allgemein nutzbar machen und sämtliche öffentlichen (Medien!) Meinungsäusserungen verbieten sollten, die sich auf Stichworte wie "Zeitenwende", "Jahrhundert-XY", "Epochenende/-anfang", "Revolution", "Paradigmenwechsel" usf. stützen und die sich auf Ereignisse beziehen, die jünger als zehn Jahre sind. Ältere Ereignisse dürften von Historikerinnen und gewöhnlichen Männern auf der Strasse nach wie vor frei in Verbindung mit den verpönten Begriffen kommentiert werden. Das wäre doch etwas. Vielleicht noch nicht der beste, aber immerhin ein Vorschlag, für die Bekämpfung von eiligst abgegebenen, sef-fulfilling prophecies, die sich im Nachhinein als katastrophal erweisen.
moccalover - 25. Apr, 00:35
"Alles, was ich will, bist duuu!" Unentwegt äfft Max den Gesang nach, dessen Fetzen mit dem böigen Wind vom Kirmesplatz zum Strassencafé getragen werden. "Dabei", so unterbricht sich Max plötzlich, "fragt sich ja vor allem eines, werter Herr Schlagersänger - was willst du danach?" - "Das ist doch nicht so gemeint, Max, dieser Text soll doch nur den Menschen ein wenig von der Hoffnung geben, dass irgendwo da draussen das andere, das wahre Leben stattfindet." - "Sag ich ja, Gerd! Er lügt, der Minnensänger."
moccalover - 25. Apr, 00:03
Es gibt ein Phänomen, das man psychologische Auslagerung nennen könnte. Weil Menschen, mit denen man zu tun hat, gewisse Gemüts- und Gefühlszustände haben und pflegen, können manche nicht umhin, sich genau hierin einen Anlass zu nehmen, ebendiese Zustände nicht auszuleben, auch wenn sie das Bedürfnis dazu eigentlich verspürten. So kommt es, dass die einen aus der anderen Furcht, Trauer und Elend Kraft zu schöpfen vermögen, weil ihre eigene Furcht und Trauer, ihr eigenes Elend ihnen auf einmal obszön vorkommt und verschwindet. Und diese Kraft kann allen zugute kommen.
moccalover - 20. Apr, 22:12
Ich möchte jetzt wirklich nicht, dass du mich falsch verstehst, ich will mich überhaupt nicht hochheben, aber dieses Gefühl, dass ihr alle irgendwie um meinetwegen da seid, dass ihr euch um mich so kümmert, dass ihr alle euren Job um mich herum macht, das schmeichelt mir trotz aller eitlen Dummheit dieses Gefühles immer wieder, und darum kann ich nie aufhören mit den Shootings, sagte der Model-Mann. - Du kannst aufhören, sagte hierauf der Lichtassistent, wenn du nicht da wärst, würden wir unseren Job um einen anderen Beau herum machen.
moccalover - 20. Apr, 22:09
"Sie tat mir ein wenig leid. Man muss die Arme bewegen, wie diese Walker, man muss sich Stöcke vorstellen und sich von der Erde abstossen. Sie aber, sie joggte wohl, doch sie wusste nicht wohin mit ihren langen, dünnen Armen, und sie schwenkte sie auf Hüfthöhe hin und her, anstatt vor und zurück. Ich sehe rasch, ob eine dünn ist oder mager, und ihre Arme waren eben nicht dünn, sondern mager. Nur ihr Hintern war normal (richtig hübsch!), und mir war sofort klar, dass sie sich gerade deswegen hier quälte. Ich überholte sie dann. Sie trug eine Brille, das habe ich noch gesehen. Dieses Vergebene in unserem Tun, das hat mich für einen Moment lang berührt." Max giesst sich noch etwas Wasser nach, legt seine Füsse auf den Beistelltisch mit dem Radiorecorder und zündet sich eine Zigarette an. Gerd räumt in seiner akribischen Weise den Geschirrspüler ein und schweigt, so dass Max geräuschvoll Rauch ausbläst und weiterspricht: "Weisst Du... Menschen, die sich den Intimbereich ganz oder partiell enthaaren, wollen damit ihre Sexualität im Alltag erleben, sie in den Alltag tragen. So wie manche immer und überall masturbieren müssen. Das ist so." Gerd wäscht sich lang die Hände, um sämtliche Spuren der Berührung mit der Spülmitteltablette abzuwischen, und dreht sich langsam um. "Mal ganz abgesehen davon, dass du wieder einmal nicht vom F-Thema wegkommst - hast du dir einmal überlegt?" - "Was überlegt?" - "Hast du dir das einmal überlegt? Deine Alltagstheorien mögen ja von bewundernswerter analytischer Schärfe, ja, sie mögen gar einer höheren Weisheit teilhaftig sein. Aber letztlich sind sie vor allem eines - unnütz. Ach, übrigens, rasierst du dich denn allmorgendlich, um dich deiner Männlichkeit zu vergewissern?" - "Natürlich."
Max raucht vergnügt weiter, und nach jedem Zug nimmt er einen kleinen Schluck vom dunklen Puglieser. "Diese Theorien, Gerd, sind sehr nützlich, sie dringen in den unbewussten Bereich, haken sich da fest und prägen deine Weltsicht. Und schon kennst du in diesem Chaos einen neuen, sicheren Hafen." Er grinst Gerd schelmisch an, währenddem er die Zigarette ausdrückt. - "Bist Du jetzt eigentlich zufrieden?" fragt plötzlich Gerd. "Ich wollte damit doch nicht zufrieden werden, ich wollte bloss die Dinge zurecht rücken. Es ging nicht, das sah sie genau gleich. Wie könnte ich zufrieden sein, ich bin eigentlich traurig darüber; ich hatte die Beziehung ja gewollt, wir beide haben sie gewollt.“ – „Ja, ihr habt gewollt, ihr habt es so sehr gewollt, und vielleicht habt ihr nur gewollt; darum ist es so lange gegangen.“ – „Du bist ungerecht. Ich mochte nie einen Menschen so gerne riechen, so gerne spüren.“ – „Das kann dir mit fast jedem passieren, wenn du nur willst. Gerade du bist der Prototyp des gefühlstechnischen Opportunisten. Übrigens: wenn das stimmt, was du da sagst, dann muss es dir ja sehr schwer gefallen sein, sie über Monate hinweg derart kaltzustellen; und wenn ich dich recht kenne, dann bemitleidest du dich auch noch ob dieser Bürde.“ – „Ja, das ist so, und ich werde mich bessern, sobald ich kann, lieber Gerd!“ – „Bleib bloss bescheiden, du schaffst das ohnehin nicht.“ – „Ich kann mich doch jetzt nicht einfach gut fühlen? Ich muss ja auch etwas lernen aus dieser Geschichte, sonst wiederholt sich das immer wieder.“ – „Musst du dich dafür so anschwärzen? Du willst immer der Engel sein, und dann schaffst du es nicht. Du willst der Superliebhaber, Superfreund sein, und dann schaffst du es nicht. Kein Übernahmeverschulden, Euer Ehren, da dem Beklagten schlicht die Fähigkeiten zum Einlösen des Versprochenen für jedermann offenkundig abgingen!“ – „Danke, du bist sehr lieb zu mir.“ – „Das hast du im Grunde gar nicht verdient. Sie ist eine Perle, weisst du das eigentlich? Du hast sie tausendmal anrennen lassen, du hast sie gemieden, wenn es nur ging.“ – „Das war erst ganz am Schluss, sie hat zuerst geblockt; damals, als ich noch wie ein Hampelmann um sie herumzappelte. Und, gut, ich habe sie dann kopiert. Kinderspielchen, jawohl.“ – „Hör einfach auf mit deiner Selbstkasteiung, und es wird schon viel besser. Lass deine Kinderromantik beiseite, verführe die Damen nicht mit Schauspiel, und es wird richtig gut. Ehrlich, Max, du brauchst sie wirklich nicht alle.“ – „Ich bin mir sicher, dass wir in absehbarer Zeit Sensoren-Pads auf den Handinnenflächen tragen, mit denen wir die wichtigsten Funktionen unserer Kleidung und unserer Handgeräte steuern können. Wir werden uns rasch daran gewöhnen.“ – „Ich bin mir sicher, dass du in absehbarer Zeit daherkommen und von einer neuen Mitarbeiterin des Haarpflegesalons erzählen wirst, die dir den Kopf derart zärtlich massiert habe, dass du sie zum Nachtessen habest überreden müssen.“
moccalover - 18. Apr, 23:52
Niemand hat gestern meinem Mobiltelefon gesagt, dass es mich nicht wecken solle. Es konnte nichts dafür.
Ich fliege ja nicht wirklich häufig, und es fehlt mir gemeinhin auch nicht. Wohin sollte ich denn die ganze Zeit fliegen, warum in hochgezüchteten Räumen meine Zeit verleben. Und fast ist mir, als könnte dieser anstachelnde Zauber des blitzartigen Versetztseins sich verflüchtigen, flöge ich zu häufig. Wenn ich aber, wie gestern, im Zug aus Zürich hinausfahre, an abgestellten Fernzügen entlang und der Abendsonne entgegen, die sich daran macht, sich sanft auf die dunklen Rücken des Jura zu legen - und wenn ich dabei die Vielfalt der industriellen Niemandsländer, der Schrebergärten und der Leuchtbuchstaben im Schnelldurchlauf auf mich einwirken lasse, wenn dann ein noch gut erkennbares Flugzeug seine Nase steil in den hellen Himmel streckt, so wärmt mich doch der Wunsch, wieder einmal wegzufliegen. Und wenn es nur wäre, um mich durcheinander zu bringen. Und wenn es nur gälte, das Licht eines schönen Abends zu verlängern.
Vor der Haustüre dann, nachdem ich im Bahnhof beim Studium der Gesichter und des Verhaltens der Fans beider Gruppen nicht recht schlüssig geworden war, traf ich einen Fan (er trug ein rotweisses Halstuch, und seine weiter weg herumstehenden Freunde auch), der, im Türrahmen halb liegend verkeilt, zwar nicht schlief, aber sichtlich die Augen nicht mehr offenzuhalten vermochte. Ich sprach ihn leicht amüsiert an und machte ihn darauf aufmerksam, dass er sich für den kurzen Moment, in dem ich die Türe öffnen und das Haus betreten würde, selber halten müsse, damit er nicht mit dem Kopf auf den Steinboden falle. Er stand sogleich auf, nachdem er mich blinzelnd gemustert hatte, und entschuldigte sich artig lallend. "Du musst dich doch nicht entschuldigen, ich will dir keine Umstände machen!" Ich konnte endlich mein Bedürfnis stillen: "Und, was habt ihr gemacht?" - "Hmmm, weiss nicht mehr." - "Was, du weisst nicht mehr, ob ihr den Cupfinal gewonnen oder verloren habt?" "Nein, weiss nicht mehr. Zweieins, glaube ich."- "Und für wen, das weisst du nicht mehr?" - Jetzt drehte er einen Kreis auf dem Gehsteig, um sein Gleichgewicht zu halten. "Nein... nein, wirklich nicht. ... Ist ja auch wursssss...t." Ich drehte mich in der Türe noch einmal um. "Recht hast du, es ist ganz gleichgültig. Nun denn, einen schönen Abend noch, und gute Heimkehr!" - "Ja, danke, und schlaf dann gut!"
Vielleicht reicht es, im Kopf kurz wegzufliegen.
moccalover - 18. Apr, 23:50
Als Kind denkt man ja, es sei bieder und spiessig, es sei höchst feige und allzu genügsam, sich damit zufrieden zu geben, ein „anständiges“ Leben zu führen. Und später merkt man vielleicht, wie schwer einem schon das nur fallen kann.
moccalover - 18. Apr, 23:38
Heute ist Ostern. An Weihnachten hat meine Mutter gesagt, ich sei schwererziehbar gewesen. Damals schrieb man das noch zusammen. Bis dahin hatte sie sich stets - hilflos lächelnd - der Formel 'es war nicht ganz einfach' bedient. Und nun sprach sie es aus, als sei's ein derber Witz, doch ich sah ihr wohl an, wie es sie erleichterte, es ihr und mir einzugestehen. Die Weihnachtsrunde buchte das Ganze auf den familieneigenen Sarkasmus, man mag da ironische Übertreibungen allgemein sehr. Ich jedoch sass meiner Mutter am nächsten und sah ihre ernsten Augen über dem gezwängt heraufgebogenen Mund. Ich war zuerst erschrocken, sogleich aber ebenso erleichtert, wie sie es sein musste. Ich hätte nie erwogen, es ihr übel zu nehmen, dafür hatte sie viel zu sehr recht, und wirklich bemerkt hat es ausser mir niemand, dass sich da eine Art Paradigmenwechsel ausdrückte. Ich war ihr dankbar, dass sie dieses Stigma annahm, so dass ich das meine nicht mehr länger zu verstecken bräuchte. Ich spürte Anerkennung, wenngleich diese nur bitter schmecken konnte. Rotwein, wir tranken Rotwein an dem Tisch, denjenigen, den Grossvater jeweils aus den Burgunderferien importiert. Vielleicht machte er unsere Herzen einen Moment lang ein wenig freier. Schwer erziehbar - ja, das hätte ich immer als Kompliment betrachtet. Und durch die Mauer hinter meinem Bett höre ich nun eine praktizierende Schreitherapiegruppe. Mehr Rotwein.
moccalover - 16. Apr, 20:57
Ich hatte bestimmt kein Mitleid erwecken wollen. Gut, ich war nicht gerade allwetterfest gekleidet, denn ich trug bloss eine Windjacke, und der Regen fiel dicht und fast waagerecht. Aber ich war nicht weit von zuhause, die Jacke hielt das Nötige ab, und ich hatte mich in den Windschatten einer breitstämmigen Platane gelehnt, die für mich die gröbsten Regenböen auffing. So konnte ich verweilen, bis das unstete Wetter sich plötzlich wieder eines anderen besinnen würde. So konnte ich das Schauspiel aus seiner Mitte heraus verfolgen. Mit nassen, zugekniffenen Lidern schaute ich zum Himmel und auf den Fluss, auf dessen milchiggrüner Oberfläche der Wind wilde Regenbilder malte. An einem der Häuser auf der anderen Seite der Strasse, die ich mit meinem Blick ab und an abwechslungshalber streifte, fiel mir ein geöffnetes Fenster im Erdgeschoss auf. Der Raum dahinter war so dunkel wie der Himmel und der Tag. Ich musste immer wieder zu dem Fenster schauen, die Flügel bewegten sich im Wind und schlugen gegeneinander. Ihr klares Geräusch hob sich vom weichen Rauschen der Tropfen hart ab und erschreckte mich. Ich schaute lange auf den Fluss und auf die Regenschwaden – und auf einmal stellte ich mir vor, dass ich eingeladen werde, in diesen dunklen Raum, dass da eine südländische Grossfamilie wohne, dass man mich zu Tische bitte. Ich drehte mich erneut nach dem Fenster um und sah darin eine dünne, schwarzhaarige Frau in weiten Kleidern stehen. Sie lehnte weit heraus, blickte zu mir herüber, gestikulierte, und ich zuckte lächelnd ein paar Mal mit den Schultern und schielte bedeutungsvoll zum Himmel. Sie sagte ein paar Dinge, die ich nicht verstand, und sie drehte sich dabei auch immer wieder nach hinten, in den dunklen Raum, aus dem dumpf eine Männerstimme drang. "Sie können gerne hier kommen, wenn Sie mögen!" verstand ich nun. "Danke!" erwiderte ich reflexartig, blieb aber ruhig stehen. Sie hatte meinen Dank als Annahme aufgefasst (vielleicht hatte ich leicht genickt) und blickte mich erwartend an. Was kann man tun, wenn man sich etwas rein Phantastisches ausdenkt, und es passiert im nächsten Augenblick? Ich jedenfalls war nicht darauf vorbereitet, dass auch nur im Entferntesten ein Teil dieser Phantasie wahr werden könnte. "Ach, wissen Sie, es ist sicher bald vorüber, und ich bin ja gut geschützt. Aber Ihre Einladung ist sehr lieb, und ich werde gern kommen, wenn es noch übler wird." Sie fragte noch einmal nach, liess dann aber ab und verschwand in der Wohnung. Das Verschwinden habe ich erst später bemerkt, ich hatte mich davor schon abgewandt und wieder den Fluss fixiert. Der Regen fiel nach einer Weile endlich schwächer, und ich machte mich wieder auf den Weg. Die Frau war nicht mehr erschienen.
moccalover - 16. Apr, 20:55
Es wäre schlimm gefehlt, etwas nicht haargenau betrachten zu wollen, bloss weil man es vielleicht schlecht findet.
moccalover - 16. Apr, 19:14
Das Bauchgefühl gehört beachtet. Das hört man, und das glaube ich nun auch ein wenig. Nicht etwa deshalb, weil es recht hätte, weil es richtiger läge als andere Meinungen, weil es der Wahrheit insgesamt näher käme. Sondern, weil es sich durch nichts beirren lässt, immer wieder gleich kommt, einem immer und immer wieder in dieselbe Richtung drängt, in dieselben Gefühlswelten führt, zu denselben unbewussten Überzeugungen und Urteilen bewegt. Und weil es sich immer mit dem Lächeln desjenigen, der es schon immer besser wusste, in unsere Welt einmischt, unsere Welt nach seinem Geschmack prägt und uns seine Sicht der Dinge aufzwingt, tut Gutes für sich, wer dem Bauchgefühl die ihm gebührende Ehre erweist.
moccalover - 10. Mär, 21:04
Barbara will alles richtig machen. Ganz besonders möchte sie ihren ehemaligen Freund nicht erschrecken, der viel zu rasch abgesprungen ist und mit dem sie immer noch so viel erleben will, um ihn erst einmal richtig kennen zu lernen. Es bestehen gute Chancen, denn in den zwei Jahren seither haben sich beide verändert, und sie trafen sich jetzt an neuem Ort. Sie sind offenbar wieder neugierig aufeinander geworden (oder sind es einfach geblieben). Nur ein paar Wochen noch, dann hat er die Prüfungen hinter sich, die sie beaufsichtigen und korrigieren muss, und dann können sie es wagen, sich zu treffen, sich mit Blicken, Begriffen, Erinnerungen und weiteren Gefühlsäusserungen abzutasten und dazu Grüntee zu trinken. Er hat sich in ihren Augen sehr rätselhaft verhalten, hat ihr versichert, wie schwer es sei, sie als Prüfungsaufsicht zu wissen. Er hat betont, dass er ihr nicht wieder hätte begegnen wollen, und auf Nachfrage hat er eingeräumt, dass das sich natürlich nur im Hinblick auf diese Prüfungen so verhalte. Und dann sass er, bedingt durch administrative Zufälle, in der ersten Reihe vor ihrem Gesicht. Ja, so sagt sie mir erst ganz zum Schluss, ja, sie haben schon einen Termin ausgemacht, ein paar Wochen nach dem Prüfungsabschluss. Es wird gutkommen, wenn er noch oder wieder will, was ich nicht weiss, weil ich ihn nur aus ihren Schilderungen heraus kenne. Doch ich fürchte, dass es der grösste und zugleich beliebteste Fehler sein könnte, alles richtig machen zu wollen, wenn es um das Balzverhalten geht. Anstrengung ist nicht problematisch, sondern Verstellung, und vor allem die Angst, einen Zeitpunkt zu verpassen, einen Tonfall zu verfehlen, einen Witz zu verhauen. Wer dem Schicksal gleichzeitig derart misstraut (und nicht darauf vertrauen kann, dass es, wenn es solle, so oder so gut ende, dass das Schicksal uns auch als gewöhnliche Menschen fördert) und dazu blind irgendwelchen Regeln folgt (man muss es genau so und so machen, sonst hat man keine Chance), bindet sich einen dicken Stock zwischen die Füsse. Wenn wir den anderen nicht auch ohne Feuerwerk beeindrucken, dann ist der überheblich, oder einfach uninteressant für uns. Wer nicht einmal mag, wie wir uns in diesem Ausnahmezustand verhalten, der wird uns nie richtig mögen, der wird wahrscheinlich gar nie richtig mögen. Barbara wird alles richtig machen, weil sie gar nicht recht merkt, wie sie keinen ihrer Vorsätze umzusetzen vermag und ihm so offen wie nur möglich gegenübertreten wird. Was er gemacht haben wird, erfahre ich vielleicht einmal.
moccalover - 10. Mär, 21:01
Er hat diese typischen, von blassrötlichen Schwellungen umrandeten Glubschaugen, die jene Kinder haben, denen man den Mangel an Lebensfähigkeit, ihre Unverträglichkeit mit der Welt, ansieht. Das macht ihn so eklig, es macht ihn so schwächlich und dümmlich. - Wie kannst du bloss so weit nach unten greifen, wie kannst du so primitiv werden? Was kümmert dich diese Kleinigkeit, das ist so niederträchtig. Du bist doch sonst so zurückhaltend in Meinung und Ausdruck. Warum musst du jetzt auf seinen Augenringen herumhacken? - Es tut mir leid, ich muss es tun, sonst würde ich mich in ihn verlieben.
moccalover - 10. Mär, 20:54
Du erhellst meine Nacht.
Du erweichst meine Schritte.
Du schluckst allen Lärm.
Du besänftigst die Rauheit.
Du schmückst meine Haare.
Du erweckst meine Sinne.
Danke, Schnee.
moccalover - 5. Mär, 00:48
Von
yester kam viel früher als gestern schon ein Stöckchen. Voilà.
4 Jobs in/aus meinem Leben:
~ Eisen binden auf dem Bau
~ Umfragen an der Haustür
~ Univ. Ass.
~ Nächtliches Abfallsammeln auf Open Air Festival
4 Filme, die ich immer wieder sehen kann:
~ Happiness
~ In The Mood For Love
~ The Sweet Hereafter
~ The Man Who Wasn't There
4 Orte, an denen ich immer in derselben Stadt in Niedersachsen gelebt habe:
Hä?
4 TV-Serien, die ich sehr gern sehe, wenn ich sie sehe, wenn ich Zeit habe und Lust und so rein gar nichts anderes zu tun:
~ South Park
~ Simpsons
~ Es gab da mal im ORF eine abgedrehte Sendung, gemacht aus Mitschnitten irgendwelcher Sendungen und einem wahnsinnig bissigen, zynischen und zugleich coolen Kommentar aus dem Off. Wenn jemand weiss, wie das hiess bzw. heisst: Das meine ich.
4 Orte, an denen ich Urlaub gemacht habe:
~ Bleiken bei Oberdiessbach
~ Kangerlussuaq in Grönland
~ Kühtai im Tirol
~ Joensuu im finnischen Wald
4 meiner Lieblingsgerichte:
~ Rösti mit Speck, Zwiebeln und Käse überbacken
~ Linguine mit Pilzrahmsauce
~ Käsenockerln
~ Gebrannte Mandeln
4 Webseiten, die ich täglich besuche:
~ bluewin.ch
~ nzz.ch
~ bger.ch
~ sf.tv
4 Orte, wo ich jetzt lieber wäre:
siehe oben (Urlaub)
moccalover - 3. Mär, 00:13
Windböen peitschten Schneevorhänge durchs gelbe Licht der Strassenlampen. Touristen scheuen schlechtes Wetter nie, hauchte
Nina in ihren Schal, der ihren Mund und die Nase verhüllte. Wo sind sie nun alle? Sonst lächeln sie doch immer, wenn sie den Bussen entsteigen, obwohl ihnen niemand gesagt hat, dass man von November bis Mai ganz sicher nicht hierher kommen soll. Umso besser, dachte Nina, so ist wenigstens die Glühweinbude geschlossen, und ich bin mit der Bärin alleine. Sie zog die Schultern hoch und drückte sie gegen ihren eingepackten Hals. So überquerte sie die Brücke, wo der Wind stärker blies als in den Gassen, und kam beim Bärengraben an. Sie stützte sich mit den Ellenbogen auf die Sandsteinmauer und blickte in das runde, dunkle Loch hinunter. Die Bärin hatte sich schon hingelegt, doch sie hob, als Nina sich über die Mauer beugte, rasch ihren Kopf und schnupperte blinzelnd durch die kalte Luft. Nina schluckte trocken und dachte an den Portwein vom Vorabend.
Ich habe die Eierschwämme weggeworfen. Und nicht nur die, sondern auch all meine Parfums. – Das hast du nicht! Die Bärin war erschrocken aufgesprungen. – Doch, ich brauche die nicht mehr. – Aber die waren doch teuer, und fein? – Ja, sagte Nina kraftlos, aber das ist alles so vergeblich, ich habe sie zusammen mit dem Nagellack auf seinen Hemden, die er noch bei mir hat, ausgeleert. Dann habe ich alles angezündet und am Schluss die Asche weggeworfen. – Kind, du bist wohl übergeschnappt! Eine solche Aufregung, nur wegen einem Mann. – Bitte, Bärin, du kannst doch nicht so herzlos zu mir sein. Du weisst, dass das nicht irgendein Mann ist. Ich habe dir erzählt, wie alles kam und ging. Sag nicht, du könnest nicht sehen, wie nahe mir das geht. – Oh ja, das sehe ich, doch meine ich ja gerade, du verhaltest dich unverhältnismässig. Wie ich weiss, welche Schmerzen du hast, so wusstest du immer, dass das so kommen würde. Du hast Recht, ich kenne tatsächlich die ganze Geschichte.
Nina schwieg lange; ihre Augen waren nach oben gedreht und fixierten die Schneeflocken, die durch die Lichtkegel tanzten. Sie verlor für einen Moment das Gefühl für den Boden und glaubte, die Flocken seien Sterne, an denen sie vorüberflog. Ihre Hände mussten die Mauerkante fest umklammern, damit sie in der Vereinnahmung durch den beobachteten Tanz nicht Gleichgewicht und Halt verlor. Der Wind liess den Blechverschlag der Glühweinbude rhythmisch klappern, der Verkehrslärm ertrank im Schnee. Bist du vielleicht ein bisschen stinkig, weil es schon lange so kalt und nass ist? Nina blickte wieder nach unten und suchte nach den Umrissen der Bärin.
Ich bin nicht stinkig. Du bist vergesslich. Ich will frei sein, ich will leben, ich will geniessen, das sagtest du doch damals. Ich will alles, was mir gefällt, darauf hast du damals geschworen. Und du hast dir alles genommen. Du wolltest nicht auf mich hören, damals mit zwanzig, zweiundzwanzig. Nun kommt eben Teil zwei des Teufelspakts, auf den ich dich so oft ungehört hinwies, in die Vollstreckung. – Sei doch nicht so dunkel, Bärin. Nina schluckte wieder, diesmal einen dicken Speichelklumpen, der entfernt noch nach Portwein schmeckte. – Ich will ja auch gar nicht siegestrunken herumklugscheissern. Ich muss einfach betonen, dass wir das alles wirklich schon so oft durchgekaut haben. Die Männchen, die spielen ihr eigenes Spiel. Und glaube mir, dass mir nichts lieber wäre, als an deinem Platz zu stehen und dann allein nachhause zu gehen; raus aus dem Käfig, weg von hier und diesen Aufschneidern und Pennern. Und deine Menschenmännchen, die sind nicht anders. Du wolltest dich auf ihr Spiel einlassen? Bitte sehr! Jetzt bist du älter und müder und möchtest vielleicht am Ende gar selber kleine Bärchen hegen. Das musst du alleine durchstehen, jedenfalls musst du damit rechnen. Mach dich nicht krank, sie sind ja vielleicht gute Wesen, aber du kannst von ihnen nicht mehr verlangen, als sie zu leisten vermögen. Du hast ihnen allen die ganze Zeit über die Sicherheit gegeben, dass nichts wirklich verbindlich ist, dass nichts wirklich ein Problem sein könnte, dass du immer alles selber für dich regeln könntest. Ich habe dir gesagt, dass das nicht stimmt. Nicht für dich, und nicht einmal für die Männlein. – Das mag sein, und trotzdem bin ich wütend. Nur weil man weiss, dass ein Unglück kommt, muss man nicht schweigen, wenn es eintrifft. Sei nicht so selbstgerecht! – Das Unglück ist nicht gross, Alleinsein muss doch herrlich sein. Ich stelle mir das jedenfalls so vor. Es bringt nichts, nur bei jemand zu sein, um nicht alleine zu sein; das ist doch beleidigend. Für dich und für die Männlein.
Mach's gut, Bärin, ich muss jetzt gehen, mir ist kalt. Wenn du schon für das Alleinsein bist, so werde ich trotzdem bald wiederkommen. Ich denke an dich. Nina formte ihre Lippen schnell zu einem Kuss und drehte sich vom Graben weg, setzte Fuss für Fuss in die knirschende Schneedecke und machte sich auf den Weg zu ihrem Bett. Sie lächelte noch ein paar Mal, weil sie an die Besorgnis der Bärin denken musste und sich darin geborgen fühlte.
moccalover - 2. Mär, 23:07
Es war ein Student erschossen worden. Von hinten; mitten in der Bibliothek der Geschichtsfakultät, mitten am Tag, mitten ins Herz. An einem Tag, an dem eigentlich nichts Besonderes hätte geschehen sollen. Die Feiertage waren schon lange vorüber gewesen, und der Karneval noch weit weg. Die meisten waren in dieser Zeit am Skifahren, und niemand hätte an diesem grauen Tag jemand angerufen, nur um einfach ‚Hallo’ zu sagen. Der Kopf des Studenten war auf das aufgeschlagene Griechischwörterbuch gefallen, und aus dem Mund war roter Schleim geflossen. Der Knall des Schusses hatte die in der Mittagsstille lesenden Kommilitonen gelähmt; hier wurde normalerweise jedes Rascheln und Knacken mit genervten Blicken gestraft. Für etwas so Lautes aber, wie die Explosion von Schiesspulver es verursacht, hatte niemand Eingeübtes zur Verfügung, und im ersten Moment blickte niemand von seinen Büchern auf. Jeder war erstarrt, als hätte man ihn in seiner Versunkenheit hinterrücks geschlagen. Der Mörder war, nachdem der Student röchelnd in sich zusammengebrochen war, keine Sekunde länger bei seinem Opfer verharrt. Er hatte sich umgedreht und den Raum steif und rasch durchschritten, so dass er durch die Türe verschwunden war, ehe die ersten sich aus der Starre lösten und ihre Gesichter angstvoll zum toten Studenten richteten.
Später gab es ein paar Beschreibungen von einem, der es gewesen sein könnte, doch niemand war sich sicher, ob er den Mörder oder doch bloss irgendjemand hatte umhergehen sehen. Es schien, als hätte an diesem Ort der Ruhe und akademischen Konzentration mit einem solchen Lärm, einem solchen Ereignis, derart nicht gerechnet werden können, dass auch im Nachhinein, mit dem Wissen darum, was man erlebt hatte, niemand sich vorstellen konnte, eines Mörders Weg gekreuzt zu haben, eines Mordes Zeuge geworden zu sein.
Der Student, der nach den Erkenntnissen der medizinischen Fakultät erst nach drei Minuten dem Lungendurchschuss wirklich erlegen war, hatte ein unauffälliges Leben geführt, das konnte man bald darauf in den Zeitungen lesen. Er war nicht mit vielen bekannt gewesen; alle, die ihn gekannt hatten, hatten manchmal beim Schlangestehen vor der Kaffeemaschine mit ihm ein bisschen geschwatzt und dabei gemeint, dass er andere Leute haben musste, die ihn besser kannten. Nichts deutete darauf hin, dass der Student irgendjemandem einen Grund oder auch nur die Gelegenheit gegeben haben könnte, ihm Böses zu wünschen.
Die Strafverfolgungsbehörden konnten den Fall nicht klären, doch die meisten hatten sich mit der Zeit einer der vielen Meinungen angeschlossen, die überall kursierten und schlüssig erklärten, wie es zu dem Unerhörten gekommen war. Man hörte von burschenschaftlichen Mutproben, von politisch-wirtschaftlichen Implikationen, fatalen Liebesgeschichten, unheilvollen medialen Vorbildern, Geistesverwirrung und Terrorismus. Und selbst für jene, die sich nicht auf eine Meinung festlegen mochten, war selbstverständlich, dass eine der herumgebotenen Versionen zutreffen musste. Niemand konnte sich dem allgegenwärtigen Raten und Werweissen entziehen. Es wurden Reden gehalten und Appelle ausgesprochen, Massnahmen erlassen und Gremien erschaffen. Flugblätter wurden verteilt und Forderungen aufgestellt, Mahnwachen organisiert und Schlägereien ausgetragen. Eine Messingtafel wurde in die Betonwand der Bibliothek geschraubt, sie fasst das Ereignis zusammen und bittet um Demut. Verschiedene Vereinigungen und Zusammenschlüsse entstanden mit der Zeit, die ihren Zweck in der einen oder anderen Weise auf die Ermordung des Studenten bezogen. Und weil die Ergebnislosigkeit der polizeilichen Ermittlungen allgemeine Ratlosigkeit hervorrief, setzte sich nach und nach die Auffassung durch, dass gar nicht so wichtig sei, weshalb der junge Mann letztlich sterben musste, sondern, dass aus allen möglichen Gründen fruchtbare Lehren zu ziehen seien.
moccalover - 2. Mär, 23:05
Max sah sich unter- und überfordert zugleich: Mit einer Frau allein soll ich mich begnügen? – Ich allein soll es zustande bringen, eine Frau, eine einzige auch nur, glücklich zu machen?
moccalover - 2. Mär, 23:04
Ich spüre es, sagte Max letzthin zu Gerd, ich spüre es, und es stimmt mich vorfreudig und zuversichtlich. Die Frauen werden sich endlich befreien. – Wovon denn sollten die sich heutzutage noch befreien, wandte da Gerd gelangweilt ein. Sie haben sich aus ihrer Vormundschaft befreit, sie sind den Küchen und Waschküchen entflohen, und sie befreien sich immer öfter sämtlicher Körperbehaarung. Die Männer, die Frauen zu etwas zu zwingen vermögen, sterben nach und nach aus. Wovon, werter Max, sprichst du denn in aller Welt? – Von diesen dummen Kleidern spreche ich. Die Frauen werden all das enge Zeugs auf einen Haufen werfen und verbrennen. Sie werden listig geschwungene Tücher tragen, die ihren wundervollen Körpern die Form geben, die sie verdienen; sie werden schweben in wehenden Stoffen, die ihre Bewegungen atmen lassen. Und dann werden sie sich endlich wirklich frei bewegen können. Und es wird endlich ein bisschen wahr sein, wenn sie denken, dass sie sich bloss für sich selber schön kleiden. – Nun, sicher wird die Mode sich wieder ändern. Ich wäre schon lange dafür, ein Bundesamt für Mode einzurichten. Die könnten die Zyklen festlegen, in denen dies Rad sich um seine Achse dreht, und man wüsste ganz genau, dass die Jacke, die man einmottet, in sieben Jahren wieder behördlich beglaubigt wieder angesagt sein wird. – Einverstanden, Gerd, aber das enge Zeugs gehört trotzdem verboten. – Lassen wir es lieber, ich finde gerade, dass Du schändlich heuchlerisch sprichst, mein lieber Max. Ich kenne neben dir keinen, dessen Blick auch nur annähernd so verstohlen wie geniesserisch Dekolletes und Gesässbacken studiert. Ich muss fast befürchten, du erliegest da einem Taliban-Reflex. Was du nicht erträgst, was dich zu heiss macht, gehört weggesperrt und verboten. Du musst locker bleiben, heutzutage muss man damit eben umgehen können. – Du bist ungerecht. Schöne Frauen sind in jeder Kleidung schön, das weisst du genau. – Mach es nicht noch schlimmer, Max, ich müsste dich nur ein kleines bisschen weniger kennen, und schon müsste ich annehmen, dass du jetzt chauvinistisch wirst: … Oh, bitte, verschont mich vor diesen ach so schrecklichen Bauchfalten zwischen Pulloverrand und Hosenbund... Sei vernünftig, Max, das ist sehr überheblich, was du da sagst. – Kein Kommentar, wenn du so drauf bist, kann ich mich nur immer mehr verstricken, du legst es darauf an, so dass es mir nichts nützt, dass ich Recht habe und du notgeile Gespenster siehst. Nur soviel: Mich quält kein Anblick, und sei er noch von ganz anderer Sorte. Aber ich habe dieses Spiel satt, bei dem keine der beiden Parteien sich wohlfühlen kann.
moccalover - 2. Mär, 23:02