heute.

Heute ist Ostern. An Weihnachten hat meine Mutter gesagt, ich sei schwererziehbar gewesen. Damals schrieb man das noch zusammen. Bis dahin hatte sie sich stets - hilflos lächelnd - der Formel 'es war nicht ganz einfach' bedient. Und nun sprach sie es aus, als sei's ein derber Witz, doch ich sah ihr wohl an, wie es sie erleichterte, es ihr und mir einzugestehen. Die Weihnachtsrunde buchte das Ganze auf den familieneigenen Sarkasmus, man mag da ironische Übertreibungen allgemein sehr. Ich jedoch sass meiner Mutter am nächsten und sah ihre ernsten Augen über dem gezwängt heraufgebogenen Mund. Ich war zuerst erschrocken, sogleich aber ebenso erleichtert, wie sie es sein musste. Ich hätte nie erwogen, es ihr übel zu nehmen, dafür hatte sie viel zu sehr recht, und wirklich bemerkt hat es ausser mir niemand, dass sich da eine Art Paradigmenwechsel ausdrückte. Ich war ihr dankbar, dass sie dieses Stigma annahm, so dass ich das meine nicht mehr länger zu verstecken bräuchte. Ich spürte Anerkennung, wenngleich diese nur bitter schmecken konnte. Rotwein, wir tranken Rotwein an dem Tisch, denjenigen, den Grossvater jeweils aus den Burgunderferien importiert. Vielleicht machte er unsere Herzen einen Moment lang ein wenig freier. Schwer erziehbar - ja, das hätte ich immer als Kompliment betrachtet. Und durch die Mauer hinter meinem Bett höre ich nun eine praktizierende Schreitherapiegruppe. Mehr Rotwein.
yester - 16. Apr, 22:47

Es ist eine Art um Entschuldigung zu bitten, für eigene Fehler, für die eigene "nicht immmer leichte" Art. Vielleicht, vielleicht irre ich aber auch und es ist der abschließende Stein eines hohen und massiven Bauwerkes.

moccalover - 18. Apr, 21:41

Nun, ja, ich möchte mich tatsächlich entschuldigen; jedoch nicht in dem Sinne, dass ich einen Fehler sähe. Viele, abertausende schlimme, kleine Fehler, aber ich möchte nicht die Schuld auf mich alleine nehmen, und genau genommen möchte ich gar keine Schuld verteilen.

Das mit dem Bauwerk hingegen müssten Sie mir genauer erklären.
yester - 18. Apr, 21:46

Ich sah die Entschuldigung auf der Seite der Mutter.

Das Bauwerk könnte ein Haus sein, in dem es kein Kinderzimmer mehr gibt, keine Spielsachen und niemand grösser oder kleiner ist als der andere.
moccalover - 18. Apr, 23:54

Danke, nun sehe ich besser, was Sie meinen. Das sehe ich auch so, und deshalb hat es so wohl getan. Ein Eingestehen von Fehlern kann viel sein.
wvs - 18. Apr, 01:45

Die Dankbarkeit ....

einer Mutter gegenüber endet an dem Tag, an dem sie die - unsichtbare - Grenze überschreitet:
Von da an ist das Kind - wenn auch unter Schmerzen geboren - nicht mehr in ihrer Schuld .... Freiheit!

Ich weigerte mich vor einigen Monaten an das Krankenlager zu gehen, weil ich die Absicht ahnte:
Ich sollte exculpieren.
Nein.
So einfach ist das nicht.
Wiegt doch die Lossagung der Mutter viel schwerer als jede andere Lossagung wäre ....

moccalover - 18. Apr, 21:45

Da haben Sie recht, und soweit ich Sie verstehe, pflichte ich Ihnen bei, dass das Kind sich entwickeln sollte, und nicht die Mutter sich lossagen. Aber: Sie sollten sie exculpieren, habe ich das richtig gelesen? Dann kann ich verstehen, dass Ihnen das schwerfällt, und dass das unter dem Druck äusserer Umstände gar unmöglich werden kann. Hingegen: Ein Freund, der früh seinen Vater verlor, machte mir grossen Eindruck, als er einmal beschwor, wie schlimm es sei, wenn man dem Menschen, der nun tot ist, im Moment seines Todes noch gezürnt habe. Man kriege es nicht mehr weg.
wvs - 19. Apr, 01:29

" .. Man kriege es nicht mehr weg."

Stimmt - aber ist das nötig? Ein Mangel entsteht doch daraus nur, wenn man sich seiner Sache nicht absolut sicher ist .... in diesem Fall bin ich mir jedoch absolut sicher.

Ich bedauere aber - in soweit ist die Aussage in sich korrekt - nicht mehr mit meinem Vater gesprochen und nicht mehr Fragen gestellt zu haben .... da habe ich ein sehr ausgeprägtes Gefühl eines Mangels!
(Und das, obwohl es da auch verschiedentliche Auffasungsunterschiede
- unüberbrückbare Auffasssungsunterschiede - gab ....)
moccalover - 20. Apr, 22:17

ein Mangel entstehe nur dann, wenn man sich seiner Sache nicht absolut sicher sei? Ja und nein, aber das ganz betont aus meiner Sicht. Es stimmt, dass das Gefühl, absolut im Recht zu liegen, einem vor vielem Zweifel und Hadern bewahrt. Und dieses Gefühl, da will ich mich nicht in Ihre Angelegenheiten mischen, ich spreche da allgemein, kann zutreffend oder weniger zutreffend sein, von aussen betrachtet, aber wichtig ist nur, dass man es fest hat. Nein sage ich aber gleichzeitig deswegen, weil mich der Freund, den ich oben erwähnte und der übrigens nicht christlicher "Herkunft" ist, darauf brachte, dass es schon an sich schlecht für einen sein kann, Groll zu hegen (auch wenn man im Recht ist oder sich darin fühlt), und dass die Chancen, den Groll abzulegen, beim Tod der verhassten Person sehr viel kleiner werden. Es geht nicht ums Gutfinden von Taten, sondern um das Hinnehmen. Vergebung, nicht Gutheissung.

Und in Bezug auf Ihre persönliche Situation kann ich sehr gut nachvollziehen, soweit Sie schildern. Ideale und deren Umsetzung sind ja zweierlei Paar Schuhe.

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