Naechtlichtaeglich
Niemand hat gestern meinem Mobiltelefon gesagt, dass es mich nicht wecken solle. Es konnte nichts dafür.
Ich fliege ja nicht wirklich häufig, und es fehlt mir gemeinhin auch nicht. Wohin sollte ich denn die ganze Zeit fliegen, warum in hochgezüchteten Räumen meine Zeit verleben. Und fast ist mir, als könnte dieser anstachelnde Zauber des blitzartigen Versetztseins sich verflüchtigen, flöge ich zu häufig. Wenn ich aber, wie gestern, im Zug aus Zürich hinausfahre, an abgestellten Fernzügen entlang und der Abendsonne entgegen, die sich daran macht, sich sanft auf die dunklen Rücken des Jura zu legen - und wenn ich dabei die Vielfalt der industriellen Niemandsländer, der Schrebergärten und der Leuchtbuchstaben im Schnelldurchlauf auf mich einwirken lasse, wenn dann ein noch gut erkennbares Flugzeug seine Nase steil in den hellen Himmel streckt, so wärmt mich doch der Wunsch, wieder einmal wegzufliegen. Und wenn es nur wäre, um mich durcheinander zu bringen. Und wenn es nur gälte, das Licht eines schönen Abends zu verlängern.
Vor der Haustüre dann, nachdem ich im Bahnhof beim Studium der Gesichter und des Verhaltens der Fans beider Gruppen nicht recht schlüssig geworden war, traf ich einen Fan (er trug ein rotweisses Halstuch, und seine weiter weg herumstehenden Freunde auch), der, im Türrahmen halb liegend verkeilt, zwar nicht schlief, aber sichtlich die Augen nicht mehr offenzuhalten vermochte. Ich sprach ihn leicht amüsiert an und machte ihn darauf aufmerksam, dass er sich für den kurzen Moment, in dem ich die Türe öffnen und das Haus betreten würde, selber halten müsse, damit er nicht mit dem Kopf auf den Steinboden falle. Er stand sogleich auf, nachdem er mich blinzelnd gemustert hatte, und entschuldigte sich artig lallend. "Du musst dich doch nicht entschuldigen, ich will dir keine Umstände machen!" Ich konnte endlich mein Bedürfnis stillen: "Und, was habt ihr gemacht?" - "Hmmm, weiss nicht mehr." - "Was, du weisst nicht mehr, ob ihr den Cupfinal gewonnen oder verloren habt?" "Nein, weiss nicht mehr. Zweieins, glaube ich."- "Und für wen, das weisst du nicht mehr?" - Jetzt drehte er einen Kreis auf dem Gehsteig, um sein Gleichgewicht zu halten. "Nein... nein, wirklich nicht. ... Ist ja auch wursssss...t." Ich drehte mich in der Türe noch einmal um. "Recht hast du, es ist ganz gleichgültig. Nun denn, einen schönen Abend noch, und gute Heimkehr!" - "Ja, danke, und schlaf dann gut!"
Vielleicht reicht es, im Kopf kurz wegzufliegen.
moccalover - 18. Apr, 23:50
Ich hatte bestimmt kein Mitleid erwecken wollen. Gut, ich war nicht gerade allwetterfest gekleidet, denn ich trug bloss eine Windjacke, und der Regen fiel dicht und fast waagerecht. Aber ich war nicht weit von zuhause, die Jacke hielt das Nötige ab, und ich hatte mich in den Windschatten einer breitstämmigen Platane gelehnt, die für mich die gröbsten Regenböen auffing. So konnte ich verweilen, bis das unstete Wetter sich plötzlich wieder eines anderen besinnen würde. So konnte ich das Schauspiel aus seiner Mitte heraus verfolgen. Mit nassen, zugekniffenen Lidern schaute ich zum Himmel und auf den Fluss, auf dessen milchiggrüner Oberfläche der Wind wilde Regenbilder malte. An einem der Häuser auf der anderen Seite der Strasse, die ich mit meinem Blick ab und an abwechslungshalber streifte, fiel mir ein geöffnetes Fenster im Erdgeschoss auf. Der Raum dahinter war so dunkel wie der Himmel und der Tag. Ich musste immer wieder zu dem Fenster schauen, die Flügel bewegten sich im Wind und schlugen gegeneinander. Ihr klares Geräusch hob sich vom weichen Rauschen der Tropfen hart ab und erschreckte mich. Ich schaute lange auf den Fluss und auf die Regenschwaden – und auf einmal stellte ich mir vor, dass ich eingeladen werde, in diesen dunklen Raum, dass da eine südländische Grossfamilie wohne, dass man mich zu Tische bitte. Ich drehte mich erneut nach dem Fenster um und sah darin eine dünne, schwarzhaarige Frau in weiten Kleidern stehen. Sie lehnte weit heraus, blickte zu mir herüber, gestikulierte, und ich zuckte lächelnd ein paar Mal mit den Schultern und schielte bedeutungsvoll zum Himmel. Sie sagte ein paar Dinge, die ich nicht verstand, und sie drehte sich dabei auch immer wieder nach hinten, in den dunklen Raum, aus dem dumpf eine Männerstimme drang. "Sie können gerne hier kommen, wenn Sie mögen!" verstand ich nun. "Danke!" erwiderte ich reflexartig, blieb aber ruhig stehen. Sie hatte meinen Dank als Annahme aufgefasst (vielleicht hatte ich leicht genickt) und blickte mich erwartend an. Was kann man tun, wenn man sich etwas rein Phantastisches ausdenkt, und es passiert im nächsten Augenblick? Ich jedenfalls war nicht darauf vorbereitet, dass auch nur im Entferntesten ein Teil dieser Phantasie wahr werden könnte. "Ach, wissen Sie, es ist sicher bald vorüber, und ich bin ja gut geschützt. Aber Ihre Einladung ist sehr lieb, und ich werde gern kommen, wenn es noch übler wird." Sie fragte noch einmal nach, liess dann aber ab und verschwand in der Wohnung. Das Verschwinden habe ich erst später bemerkt, ich hatte mich davor schon abgewandt und wieder den Fluss fixiert. Der Regen fiel nach einer Weile endlich schwächer, und ich machte mich wieder auf den Weg. Die Frau war nicht mehr erschienen.
moccalover - 16. Apr, 20:55
Er hat diese typischen, von blassrötlichen Schwellungen umrandeten Glubschaugen, die jene Kinder haben, denen man den Mangel an Lebensfähigkeit, ihre Unverträglichkeit mit der Welt, ansieht. Das macht ihn so eklig, es macht ihn so schwächlich und dümmlich. - Wie kannst du bloss so weit nach unten greifen, wie kannst du so primitiv werden? Was kümmert dich diese Kleinigkeit, das ist so niederträchtig. Du bist doch sonst so zurückhaltend in Meinung und Ausdruck. Warum musst du jetzt auf seinen Augenringen herumhacken? - Es tut mir leid, ich muss es tun, sonst würde ich mich in ihn verlieben.
moccalover - 10. Mrz, 20:54
Du erhellst meine Nacht.
Du erweichst meine Schritte.
Du schluckst allen Lärm.
Du besänftigst die Rauheit.
Du schmückst meine Haare.
Du erweckst meine Sinne.
Danke, Schnee.
moccalover - 5. Mrz, 00:48
Ich gehöre ja auch zu denen, die das eine sagen und dann doch das andere tun. Zum Beispiel hätte ich früher, wäre ich je explizit darauf angesprochen worden, mit flammender Begeisterung (verdeckt durch begeistert vorgetragene Abscheu) kundgetan, dass ich nie Anzüge tragen würde. Denn die Anzüge, und besonders die weissen Hemdkragen, die werden von den Bösen und den Ignoranten getragen. Anzüge sind natürlich tatsächlich ein zur Pflicht, ein zur Alltäglichkeit verkommener, übertriebener Luxus. Eine Hülle aus viel zu feinem Stoff, die vor körperlicher Arbeit zurückscheuen lässt und dabei zur Schau stellt, dass man es sich leisten kann, heikel zu sein. Getragen zu den verschiedensten Zwecken, doch immer mit der Absicht, ein bestimmtes (und doch nicht allzu bestimmbares) Bild abzugeben.
Nun, heute trage ich aus verschiedenen Gründen immer häufiger Anzüge, und zunächst muss ich zugeben, dass ich das mittlerweile auch gerne tue und es seine Besonderheit für mich im Übrigen weitgehend verloren hat. Ich komme nicht einmal umhin zu sagen, dass es sich bei den Anzugskombis mit Ausnahme der Krawatten um überaus bequeme und angenehm zu tragende Kleidungsstücke handelt. Natürlich bin ich noch nicht ganz weggerückt von meinen früheren Aversionen, und wenn ich Jeans trage, kommt die Abneigung auch wieder stärker hervor. Dann blicke ich immer noch ein wenig verächtlich auf die Herren im feinen Tuch, die sich wohl für etwas Besseres halten (besonders wenn sie, die doch die Harten spielen, rosafarbene Krawatten tragen).
Anzüge sind heikel, verzeihen keine Spritzer und keine légère Sitzhaltung; sie erinnern sich an alles und wollen mit aller Sorgfalt behandelt werden. Diese Arroganz, viel zu teuren Stoff auf der Strasse herumzutragen, kann mich heute noch nerven. Das aber, wie gesagt, nur dann, wenn ich billiggekleidet unterwegs bin (was ich immer noch oft bin). Wenn ich selber in der Schale stecke, dann halte ich mir immer entgegen, dass ich das schliesslich nicht zum Spass täte.
Ganz gewöhnt habe ich mich an die Kluft noch nicht. Man ist in diesem Zusammenhang vor vielerlei Probleme gestellt. Man bedarf längerer Zeit als sonst, um sich anzuziehen. Man will sich Mühe geben, zu dienstleistungserbringenden Menschen besonders freundlich zu sein, weil man befürchtet, dass zuvor viele Anzugträger besonders arrogant waren. Man kann sich die Nase auch dann nicht mit dem Ärmel abwischen, wenn gerade niemand zusieht (man würde das auf den feinen Stoffen leicht entdecken). Man muss gerade sitzen, weil der Anzug nur so bequem ist, nur so keine übermässigen Rümpfe zurückbehält, und weil einem alles andere einfach unpassend vorkäme. Man muss die Farbtöne sehr sorgfältig aufeinander abstimmen, weil die meisten heute wissen oder ahnen, dass die dominante Farbe der Krawattenstreifen sich in einer der Hemdfarben wiederfinden oder mit einer harmonieren sollte. Man kann sich zum Mittagessen nicht einfach auf einen Stein setzen, zum See hinausblicken und am Schluss die Finger an den Oberschenkeln abwischen. Anzüge verzeihen nicht, und wenn man sich nicht unzählige davon leisten kann, tut man gut daran, diese Regel (und viele weitere) zu respektieren. Anzüge verlangen überhaupt viel; zumal dann, wenn man sie nie ganz emotionslos betrachten konnte.
Zu alledem kommt nun noch das, was ich zu Beginn schon ansprach: Währenddem ich überzeugt bin, dass ein Mensch einheitlich (das heisst: gleich unter allen Umständen) sein und handeln sollte, und ich auch glaube, dass mir die Befolgung dieses Anspruches recht gut gelinge, merke ich doch (und kann es mir nicht verheimlichen), dass meine Kleider mich verändern. Ich werde nie das Gefühl los (und der sanfte Druck der Krawattenschlinge um meinen Hals hindert mich daran, dieses Gefühl auch bloss eine Sekunde zu vergessen), dass der Anzug mich fordert, dass ich besonderen Verhaltensregeln genügen müsse, wenn ich ihn trage.
Als halbe Ausrede mag hier dienen, dass mir die Welt tatsächlich auch anders begegnet, wenn ich (wie unsere östlichen Nachbarn gern sagen) g’sackelt daherschreite. Sie sind freundlicher, distanzierter, und manchmal auch formeller. Viele mögen sich beim Anblick der feinen Kleidung ob meines wohl noch immer jung scheinenden Gesichtes vielleicht wundern, doch befürchte ich dann, dass sie mir gerade deswegen besondere Künste oder Verdienste zuschreiben, wenn ein Junge schon so daherkommt. Oder, und das fürchte ich weitaus häufiger, dass sie mich für einen Aufschneider halten. Beides jedenfalls spornt mich nur an, mich besonnen und korrekt zu bewegen. Als müsste ich einen ganzen Staat repräsentieren, will ich die Erwartungsvollen nicht enttäuschen - und die düsteren Vermutungen der Argwöhnischen (die in mir vielleicht einen neureichen, der Biederkeit verfallenen Drogenhandelsgeschäftsleiter sehen) will ich gleichzeitig Lügen strafen.
Ohne dass ich das je gewollt hätte, noch guthiesse noch zu verteidigen vermöchte, verhalte ich mich in Anzügen (also recht oft) so, wie ich mir standesgemässes Verhalten aus meinem Blickwinkel heraus eben vorstelle. Und ja: Ich habe heute ein beinahe unverschämt hohes Trinkgeld gegeben, als könnte ich mir das leisten. Und wurde mir bewusst, einmal mehr auf billigste Weise ein liebes Lächeln gekauft zu haben. Dabei war ich wirklich guter Laune und freute mich über die angenehme Bedienung.
moccalover - 24. Jan, 23:30
Heute war wieder einmal ein Hut-Tag, ein ganz eindeutiger zudem. Es gibt Hut-Tage und andere Tage. Welcher der beiden Sorten ein bestimmter Tag angehört, hängt weder vom Wind noch vom sonstigen Wetter ab. Darüber bestimmt vielmehr das Gefühl, das mich zwischen Aufstehen und Anziehen erfüllt, wenn ich halbnackt und fröstelnd von der Toilette aufstehe und mir langsam gewahr werde, was am Vortag war, und was an diesem Tag zu erleben und erledigen sein wird. Wenn das Gefühl mir sagt, dass ich mein Gesicht weder um des Gestern noch um des Heute willen zeigen mag, dann überfällt es mich sogleich mit dem Wunsch, mich soweit möglich einzupacken. So werden Tage am frühen Morgen schon zu Hut-Tagen.
Lustig ist nur, dass ich an den Hut-Tagen meines Hutes wegen häufiger (und auch ein wenig intensiver) angesehen werde, wenn die Menschen in der Fussgängerzone an mir vorübergehen oder wenn ich im Zug einen freien Platz suche. Was ich mit dem Hut abwehren will, wird durch denselben erst recht angelockt. Doch das schreckt mich an Hut-Tagen gleichwohl nicht, da ich weiss, dass der Hut allein Auslöser für all die staunend musternden Blicke ist. Mag er mir zu gross sein, oder einfach schlecht sitzen. Die Blicke gelten nicht mir; sie wollen nichts von mir, ausser meinen Hut begucken. Jedenfalls bin ich überzeugt davon, solange ich den Hut trage.
moccalover - 23. Jan, 20:11
Das erste, was heute Morgen zu meinem Bewusstsein durchdrang, war eine weibliche Stimme. Ich wurde mit dieser Stimme wach, weil sie plötzlich in meiner noch halb geträumten Wahrnehmung auftauchte, und weil sie mich bei der langsamen Erlangung meiner Sinne begleitete. Ich bemerkte nach und nach, dass die Töne eine Stimme waren und die Stimme sinnhafte Worte ausstiess. Und ich bemerkte schliesslich, dass ich über all die Zeit gewusst hatte, dass ich die Stimme kannte. Es war, als läge die Frau neben mir im Bett. Sie sprach ruhig und ernsthaft.
Es ist sehr lange her, dass ich das letzte Mal von dieser Stimme geweckt wurde, weil ihre Besitzerin neben mir geschlafen hatte und vor mir aufgewacht war. Das war nie ein häufiges Erlebnis, denn damals waren wir noch zu jung, um mehr als bloss zu ein paar besonderen Gelegenheiten beieinander zu übernachten.
Seither ist die Stimme hörbar tiefer und wärmer geworden; sie erinnerte mich an einen alten, samtenen Bordeauxwein. Seither habe ich die Stimme nur noch sehr selten gehört, und nie mehr im Bett, am frühen Morgen. Ich war alleine letzte Nacht, aber sie, sie präsentiert neustens Regionalreportagen im Radio, daher konnte sie aus meinem Wecker heraustönen. Ich habe ihre Stimme mit heimlicher Freude genossen und mich stolz als ganz besonderer Zuhörer gefühlt.
moccalover - 12. Jan, 22:36
Wo, wo nur mag dieser Drang herkommen, der mich so häufig erfasst – dieser besitzergreifende Gedanke daran, genau das zu tun, was mir Anstand und Sitte gleichmässig absolut verbieten? Was bloss amüsant sein könnte, wird mir zur Qual; aus lauter Angst, es könnte der unsichtbare Gedanke in meinen Augen aufscheinen, oder er könnte sich gar in einer Tat materialisieren.
Die älteste Erinnerung, die ich daran habe, geht auf meinen gefühlskalten Trompetenlehrer zurück, den ich auch wegen seines Rauchermundgeruchs hasste und dessen grösstes Lob sich auf ein aus dem Hals gedrücktes ‚brauchbar’ beschränkte (natürlich spielte ich nie besser, das sehe ich heute ein, doch so viel Wahrheit schuldete er mir nicht; er wurde privat bezahlt). Er hatte nie Hoffnungen, die sich mit mir verbanden, er verwaltete mich bloss.
Und ich, der ansonst brave Zwölfjährige mit Motivationsschwierigkeiten, was die Regelmässigkeit des Übens und das Üben überhaupt betraf, stellte mir oft vor, was wohl wäre, wenn ich diesem Musikpädagogen in seiner immergleich militärisch-trockenen Laune plötzlich aus dem Nichts heraus – gerade, als wir unsere Hände zum Abschied schütteln und ich meinen Blick vor dem Gehen senken müsste – meine Meinung erklärte: Du verdammtes Arschloch, du. Halt endlich deinen hässlichen Mund, ich finde dich äusserst erbärmlich, du stinkender Affe. Was passieren könnte, wenn ich unvermittelt das langjährig eingeübte Spiel aus resignierter Kritik und resigniertem Schweigen in den Zäunen bürgerlicher Höflichkeit unterbräche und das täte, womit er nicht rechnen musste.
Und über all die damals ewigen Jahre, in denen ich noch den schweren Instrumentenkoffer zur Musikstunde trug, bis ich endlich sechzehn war, konnte ich mir nie auch nur ein einziges Mal vorstellen, wie die derart eskalierte Situation sich weiterentwickeln könnte. Ich hatte schlichtweg keine Ahnung, ob er verdattert dasitzen, mir eine scheuern, das Ganze ignorieren oder in aller zusammenklaubbarer Vernunft ‚so nicht!’ murmeln würde. Das einzige, worüber ich sicher war – und genau deswegen faszinierte mich auch das Gedankenspiel; mir lag im Übrigen nichts daran, dass er meine Meinung so direkt erführe –, war die Erkenntnis, dass es für solche Situationen kein Protokoll, keine Regeln mehr gäbe. Man befände sich im Raum des freien Falls, oder der freien Improvisation (wie er sie mir in der Jazzmusik nie beibringen konnte).
Ich weiss wohl, dass es immer Schüler gab und geben wird, die keinerlei Skrupel verspüren, ihren Lehrern so zu begegnen – früher wurden sie in alle Farben geprügelt, und seit der Abschaffung solcher Massregeln muss sich eine neue pädagogische Reaktion erst noch allgemein durchsetzen. Für mich aber wäre solches undenkbar gewesen, ausser Frage, im eigentlichen Sinne unerhört: Ich galt nie als flegelhaft, sondern beugte mich in Schule und Gesellschaft ängstlich allen Förmlichkeiten, um wenigstens aus diesem Nichtauffallen, aus der sittlichen Unantastbarkeit, Freiheit zu schöpfen. Daher bezog mein Gedankenspiel mit ein, dass mein Trompetenlehrer nicht damit rechnen, darauf gefasst sein konnte, dass ich etwas derart Unanständiges, Verletzendes, äussern könnte, und dass er daher in seinem gesamten Kulturverständnis erschüttert werden würde. Und den schwerelosen Raum, in dem wir alsdann gestanden hätten, hätte ich zu gerne einmal erkundet; doch ich konnte mich stets beherrschen.
Wenn ich heute mit Herren, die deutlich älter sind als ich, und die Würde tragen oder getragen haben, am Apéro-Stehtisch plaudere, mit ihnen diniere oder bloss Kaffee trinke, kommt dieser schelmenhafte und ketzerische Gedanke häufig wieder. Ist die Vorstellung harmlos, so stelle ich mir mitunter zwanghaft vor, wie ich den, der mir gegenübersitzt, ohne Vorankündigung, innig und mit grosser Kraft auf den Mund und in den Mund küssen könnte. (Das geschieht meist dann, wenn ich den Mann für das, was er ist und sagt, schätze und ich ihn mag, weil er in mir die Gegenstücke zur väterlichen Liebe weckt.) Schon dies bereitet mir grosse Mühe dabei, zugleich mit meinen Gedanken auch in der Linie unseres Gesprächs zu bleiben. Ist der Gedanke böser (was bei ebenso lieben Menschen geschehen kann), so suggeriert er mir, ich solle eine Ausführung meines Gegenübers, die sich durch besonders bestechende Eloquenz kennzeichnet, mit der einen oder anderen Vulgärbezeichnung für Körperausscheidungen oder sekundäre Geschlechtsmerkmale quittieren. Oder er rät mir gar, mitten im Gourmetlokal auf einmal aufzustehen, meine eigenen Organe zu entblössen und die Gemütlichkeit des Gesprächs dergestalt zu vernichten.
Ich habe das alles noch nie getan, und ich halte es trotz aller Angst für unwahrscheinlich, die Kontrolle inskünftig zu verlieren. Aber dieser Gegendrang - dieser Wille zur Zerstörung mühselig errichteter sozialer Papierhäuser durch loderndes Feuer, der dann am liebsten kommt, wenn ich die Steifheit meines Rückens vergessen und mich wohlzufühlen begonnen habe, gerade wenn auf höchstem Niveau die rare Kunst der angeregten Konversation gelingt - der beschäftigt mich. Dieser Spiegel, dieser Schatten des Anstands, diese Rache meiner Psyche, werde ich wohl aus meinem Bewusstsein nicht mehr vertreiben können.
moccalover - 9. Jan, 23:02
Man wird sagen können, und dafür stilles Zunicken ernten, dass die Leute sich rasch daran gewöhnten; damals, als das absolute Verbot des Rauchens auf sämtliche Eisenbahnwagen ausgedehnt wurde. Genauso, wie man im Lift schon lange nicht mehr daran dachte, eine Zigarette anzustecken, und man es auch bei einem Bewerbungsgespräch wie selbstverständlich unterliess, genauso dachte man im Zug schon bald nicht mehr ans Rauchen, das nur noch unter freiem Himmel zu sehen war. Immer mehr spürte man, so wird man sagen können, dass Züge kein Ort sind, an dem man rauchen kann, denn man roch nichts mehr, und man sah niemanden rauchen. Und an solchen Orten war man ohnehin im Allgemeinen sehr vorsichtig geworden; man war damals sehr empfindlich für die Blicke anderer. Man wird sagen können, dass man vielleicht seine Gewohnheiten ein wenig verlagerte und bald ganz einfach nicht mehr daran dachte. Schriftsteller und Kolumnisten hätten während einiger Zeit noch nostalgisch den Verlust beklagt, dass man nun nicht mehr den feinen Rauchfäden zusehen könne, die vor dem grossen Fenster emporstiegen, wie sie bei all der vorbeischiessenden Landschaft ihre eigenartige Ruhe bewahrten. Andere wiederum hätten noch eine Zeit lang entnervt davon geschrieben, wie sich nunmehr die klassische Kundschaft der Raucherabteile mit all ihren Besonderheiten über den ganzen Zug gleichmässig verteilte. Doch bald darauf, wird man sagen können, sei es ruhig geworden.
In Österreich stifteten letzthin Raucherabteile in schweizerischen Eurocitywagen Verwirrung, da die Aschenbecher noch nicht verklebt waren, die Piktogrammzigarette an der Wand über der Tür indes schon rot durchgestrichen war. Einer nahm sich sein Recht in seinem Land, rauchte viel und liess die Kopfhörer scheppern; er erzürnte sogleich andere, die im Vertrauen aufs Verbot schräg vor ihm Platz genommen hatten. Dass in einem Provinzbahnhof zwei Polizisten einstiegen, ein paar Pässe kontrollierten und den stetig Rauchenden durchsuchten, im Computer nachschlugen und schliesslich mitnahmen, hatte jedoch sicherlich andere Gründe.
Ich habe heute im Zug während vierzig Minuten ein berühmtes Energiegetränk gerochen, das sich mein Wagennachbar einflösste. Und in Spitälern sind die meisten Mitarbeitenden weiss angezogen; nur beim Putz- und Küchenpersonal gibt es grössere und kleinere farbliche Abweichungen. Selbst der Lift wird im Spital desinfiziert, es riecht da wie an den Händen eines Zahnarztes bei der Arbeit. Im Krankenhaus sind alle auf einer Plastikplakette angeschrieben, welche das moderne Logo des Spitals trägt. Man erfährt ihren Namen und ihre Funktion. Sie lächeln häufig, wenn man durch die Gänge geht; sie erledigen eine Vielzahl anspruchsvoller Berufe und sind sehr freundlich, wenn sie im Zimmer vorbeischauen. Sie haben alle ihre Geräte und Techniken, und sie sagen immer, was sie mit einem machen werden; immer fragen sie, ob sie das dürften. Sie stehen Schlange, treten einer nach dem anderen ins Zimmer und verrichten ihren Dienst am Körper, und manchmal auch an der Seele. Sie erdenken sich sogar, mehr Butter an die Nudeln zu geben für einen Körper, der verhungern will.
moccalover - 21. Dez, 20:51
Ich bin in einer Stadt gewesen, die mich am frühen Morgen mit Leuchtreklamen begrüsste, als ich aus dem Bahnhof trat. Die Farblichtbuchstaben waren weit weg. Sie hingen an den Mauern, standen auf den Dächern hinter dem riesigen Platz, den die wuchernden Verkehrswege in Beschlag genommen haben. Die Buchstaben waren riesig und gut lesbar. Sie sagten: ‚Ich bin hier, und ich beleuchte die Wolken am Himmel, denn ich will, dass du mich siehst!’ Haushohe Plakate, die für Ausstellungen altehrwürdiger Bilder warben, wurden vom Boden aus von Scheinwerfern beleuchtet. Und in deren Lichtkegeln tanzten kleine Schneeflocken der Kunst zu Ehren Ballett.
Ich bin in einer Stadt gewesen, die sich immer selbst genügte; sie trug ihren Stolz manchmal zurecht, und manchmal zuunrecht, doch sie liess sich nie beirren. Das machte sie gemütlich, grau, unaufgeregt und selbstsicher. Zugleich sah und spürte ich allerorten in sich selbst versunkene Betriebsamkeit; einen seltsamen, höchst uneitlen Ehrgeiz, Neues zu erforschen und aus Steinbergen Häuser zu bauen. Auch heute soll die Stadt, will man ihr glauben, in den neuesten Feldern des Allerneusten hoffnungsbeladene Saaten platziert haben. Und wie immer schon sucht die Stadt das Schöne und Kunstvolle. Nirgendwo sonst in Europa kriegt man so viel Förderung, bekannte mir einst eine angehende Kunstmanagerin. Überall ist hier Kunst, ein jeder ist ein Künstler.
Und in all dieser Kunst schritt ich nach dem Kinobesuch, der zum erwarteten Magengrubenhieb geworden war, in dunkler Strasse verrussten und verklebten Kellerfenstern entlang; ab und zu konnte ich noch in Quartierkneipen blicken, deren Biermarkenschilder erloschen waren. Der Himmel, der das ewige Stadtlicht reflektierte, war heller als mein Gehsteig. Ich blickte unvermittelt zu meinen Füssen, welche gerade über einen nassen Hochglanzprospekt mit weisser Damenwäsche schritten. Von da an fühlte ich mich alleine.
Weiter vorne blieb ich vor einer mit Bauschranken abgesperrten Häuserlücke stehen. Eine Strassenlampe und der Mond beleuchteten das städtische Nichts, auf dem ein Haus gestanden hatte, und ein neues wieder stehen würde. Braune Erde, ein paar verdorrte Pflanzen und ein Haufen mit Bauschutt. In der Mitte des Hohlraumes stand ein alter Ohrensessel mit schwarzen Schimmelstreifen auf dem Stoffüberzug. Er war genau auf den Betrachter, der von der Strasse her hereinschaut, ausgerichtet. Man konnte erahnen, dass seine Positionierung Absichten verraten sollte. Und ich glaubte, dass er seine Ruhe selbst dann nicht verloren hätte, wenn sämtliche Häuser um uns herum eingestürzt wären.
Diese Stadt schmerzt mich bei Kurzbesuchen; ich habe hier gelebt, doch nun blickt sie mich bloss kühl an wie einen dümmlich herumstaunenden Touristen. Wenn du immer nur so hastig vorbeikommst, sagt sie mir, dann kannst du mich mal, hörst du? So gerne wohnte ich wieder hier, oder da - und könnte wieder in Ruhe den Details folgen, die sich von Besuch zu Besuch in Massen ändern. Der grauglänzende, farbabweisende Anstrich auf dem Brückenbeton, wo ich noch politische Graffiti gelesen hatte. Die neuen Hinweiskleber in der Strassenbahn in fremdartigen Sprachen. Die neuen Kellner in meinem Café, die die früheren nicht einmal mehr kennen. Die Baustelle auf dem grossen Platz, die sich weitergefressen hat und nun plötzlich altbekannte Wege auf Umleitungen drängt. Und so gerne würde ich das Licht der Wintersonne, das in den engen Gassen an allen unerwarteten Orten auftaucht, immer wieder sehen.
moccalover - 20. Dez, 00:53