Dienstag, 24. Januar 2006

neues.

Ich habe heute etwas Neues erlebt. Was, das ist höchst unwichtig, es ist nicht grossartig noch geringfügig. Aber ich habe dabei sofort gespürt, dass es neu war, noch nie erlebt war. Ich habe das sogleich erkannt; mit der Sicherheit, mit der man den Geruch von Zitronenputzmittel erkennt.

betrachtungen im anzug.

Ich gehöre ja auch zu denen, die das eine sagen und dann doch das andere tun. Zum Beispiel hätte ich früher, wäre ich je explizit darauf angesprochen worden, mit flammender Begeisterung (verdeckt durch begeistert vorgetragene Abscheu) kundgetan, dass ich nie Anzüge tragen würde. Denn die Anzüge, und besonders die weissen Hemdkragen, die werden von den Bösen und den Ignoranten getragen. Anzüge sind natürlich tatsächlich ein zur Pflicht, ein zur Alltäglichkeit verkommener, übertriebener Luxus. Eine Hülle aus viel zu feinem Stoff, die vor körperlicher Arbeit zurückscheuen lässt und dabei zur Schau stellt, dass man es sich leisten kann, heikel zu sein. Getragen zu den verschiedensten Zwecken, doch immer mit der Absicht, ein bestimmtes (und doch nicht allzu bestimmbares) Bild abzugeben.

Nun, heute trage ich aus verschiedenen Gründen immer häufiger Anzüge, und zunächst muss ich zugeben, dass ich das mittlerweile auch gerne tue und es seine Besonderheit für mich im Übrigen weitgehend verloren hat. Ich komme nicht einmal umhin zu sagen, dass es sich bei den Anzugskombis mit Ausnahme der Krawatten um überaus bequeme und angenehm zu tragende Kleidungsstücke handelt. Natürlich bin ich noch nicht ganz weggerückt von meinen früheren Aversionen, und wenn ich Jeans trage, kommt die Abneigung auch wieder stärker hervor. Dann blicke ich immer noch ein wenig verächtlich auf die Herren im feinen Tuch, die sich wohl für etwas Besseres halten (besonders wenn sie, die doch die Harten spielen, rosafarbene Krawatten tragen).

Anzüge sind heikel, verzeihen keine Spritzer und keine légère Sitzhaltung; sie erinnern sich an alles und wollen mit aller Sorgfalt behandelt werden. Diese Arroganz, viel zu teuren Stoff auf der Strasse herumzutragen, kann mich heute noch nerven. Das aber, wie gesagt, nur dann, wenn ich billiggekleidet unterwegs bin (was ich immer noch oft bin). Wenn ich selber in der Schale stecke, dann halte ich mir immer entgegen, dass ich das schliesslich nicht zum Spass täte.

Ganz gewöhnt habe ich mich an die Kluft noch nicht. Man ist in diesem Zusammenhang vor vielerlei Probleme gestellt. Man bedarf längerer Zeit als sonst, um sich anzuziehen. Man will sich Mühe geben, zu dienstleistungserbringenden Menschen besonders freundlich zu sein, weil man befürchtet, dass zuvor viele Anzugträger besonders arrogant waren. Man kann sich die Nase auch dann nicht mit dem Ärmel abwischen, wenn gerade niemand zusieht (man würde das auf den feinen Stoffen leicht entdecken). Man muss gerade sitzen, weil der Anzug nur so bequem ist, nur so keine übermässigen Rümpfe zurückbehält, und weil einem alles andere einfach unpassend vorkäme. Man muss die Farbtöne sehr sorgfältig aufeinander abstimmen, weil die meisten heute wissen oder ahnen, dass die dominante Farbe der Krawattenstreifen sich in einer der Hemdfarben wiederfinden oder mit einer harmonieren sollte. Man kann sich zum Mittagessen nicht einfach auf einen Stein setzen, zum See hinausblicken und am Schluss die Finger an den Oberschenkeln abwischen. Anzüge verzeihen nicht, und wenn man sich nicht unzählige davon leisten kann, tut man gut daran, diese Regel (und viele weitere) zu respektieren. Anzüge verlangen überhaupt viel; zumal dann, wenn man sie nie ganz emotionslos betrachten konnte.

Zu alledem kommt nun noch das, was ich zu Beginn schon ansprach: Währenddem ich überzeugt bin, dass ein Mensch einheitlich (das heisst: gleich unter allen Umständen) sein und handeln sollte, und ich auch glaube, dass mir die Befolgung dieses Anspruches recht gut gelinge, merke ich doch (und kann es mir nicht verheimlichen), dass meine Kleider mich verändern. Ich werde nie das Gefühl los (und der sanfte Druck der Krawattenschlinge um meinen Hals hindert mich daran, dieses Gefühl auch bloss eine Sekunde zu vergessen), dass der Anzug mich fordert, dass ich besonderen Verhaltensregeln genügen müsse, wenn ich ihn trage.

Als halbe Ausrede mag hier dienen, dass mir die Welt tatsächlich auch anders begegnet, wenn ich (wie unsere östlichen Nachbarn gern sagen) g’sackelt daherschreite. Sie sind freundlicher, distanzierter, und manchmal auch formeller. Viele mögen sich beim Anblick der feinen Kleidung ob meines wohl noch immer jung scheinenden Gesichtes vielleicht wundern, doch befürchte ich dann, dass sie mir gerade deswegen besondere Künste oder Verdienste zuschreiben, wenn ein Junge schon so daherkommt. Oder, und das fürchte ich weitaus häufiger, dass sie mich für einen Aufschneider halten. Beides jedenfalls spornt mich nur an, mich besonnen und korrekt zu bewegen. Als müsste ich einen ganzen Staat repräsentieren, will ich die Erwartungsvollen nicht enttäuschen - und die düsteren Vermutungen der Argwöhnischen (die in mir vielleicht einen neureichen, der Biederkeit verfallenen Drogenhandelsgeschäftsleiter sehen) will ich gleichzeitig Lügen strafen.

Ohne dass ich das je gewollt hätte, noch guthiesse noch zu verteidigen vermöchte, verhalte ich mich in Anzügen (also recht oft) so, wie ich mir standesgemässes Verhalten aus meinem Blickwinkel heraus eben vorstelle. Und ja: Ich habe heute ein beinahe unverschämt hohes Trinkgeld gegeben, als könnte ich mir das leisten. Und wurde mir bewusst, einmal mehr auf billigste Weise ein liebes Lächeln gekauft zu haben. Dabei war ich wirklich guter Laune und freute mich über die angenehme Bedienung.

nah.

„Ich wollte einfach ihre Nähe spüren. Ich hatte überhaupt kein Bedürfnis nach mehr als nur diesem Gefühl der warmen, wohlriechenden Nähe; bloss für ein paar Stunden, nicht länger. Ich wollte sie umarmen, keinesfalls jedoch küssen; ich wollte sie spüren, nicht aber berühren. Ich war mir sicher, nie unter auch nur vergleichbar starkem Verlangen gestanden zu haben.“ – „Ich glaube dir kein einziges Wort, Max, du magst ein guter Rhetoriker sein, und auch deine poetische Ader ist nicht weit davon entfernt, mehr als nur poetische Kapillare genannt werden zu dürfen. Aber ich glaube dir nicht, du warst einfach scharf, oder du hast dich vorübergehend verliebt, das ist alles. Wenn man scharf ist, und wenn man zugleich kultiviert ist, dann verhüllt man es in schöne Worte und fühlt sich dabei mitunter erhaben. Und wenn man verliebt ist, schwört man sich sogar selber, nie, aber auch gar nie, mit dem Objekt des Liebesdranges körperlich werden zu wollen. Mehr noch als von seiner eigenen Existenz ist man dann überzeugt, dass es der rauen Körperlichkeit überhaupt nicht bedürfe, nicht dieses Mal, denn dieses sei besonders und stehe über allem Irdischen.“

Max blickte durch die ehemalige Schaufensterscheibe auf die Strasse, wo der Feierabendverkehr abschwoll. Der Asphalt war nass und widerspiegelte die farbigen Lichter der Autos und der Ampeln. Max hob den Kopf, suchte im Spiegelbild der Scheibe nach der Bedienung hinter der Bar und nickte ihr zu, dass sie kommen solle. Er bestellte mürrisch zwei weitere Gläser ungefiltertes Bier und blickte wieder durch die Scheibe, ohne dass er Gerd bei alledem angesehen hätte.

„Ich wollte nur in dieser Nacht, in der ich nicht zum Schlafen kam, jemanden bei mir haben, an den ich mich abgeben könnte und der mich auch aufnähme“, begann Max wieder, immer noch zur Scheibe gewandt. „Ich wollte auf keinen Fall plötzlich allein sein, und nach der langen Nacht, in der wir nur gekocht haben und uns so rasch kennenlernten, lag für mich nichts näher, als in ihre Arme zu liegen. Glaubst du, ich würde dir von all dem erzählen, wenn mich das nicht so beschäftigte?“ – „Ich glaube dir wohl, dass es dich beschäftigt, zumal es ja nun bald vier Monate her sein wird.“ – „Eben, und es würde mich nicht beschäftigen, wäre es blosse Geilheit gewesen, denn diese klingt bekanntlich binnen Stunden wieder ab. Und hätte ich mich verliebt, hätte ich sie in den letzten vier Monaten wahrscheinlich angerufen, dann unzählige Male getroffen und schliesslich geheiratet; und auf jeden Fall hätte ich sie zumindest dreimal angerufen.“ – „Nun, ich will dich auch nicht festnageln, deine Alibis sind gut konstruiert. Von meiner Meinung bringst du mich aber trotzdem nicht ab. Ich bleibe dabei, du hast ein kindliches Verhältnis zu den Frauen, und du wirst deine Gefühle nie recht verstehen können.“

Max leerte sein Glas mit ruhigen, grossen Schlücken und stellte es theatralisch auf den Filz, so dass die Tischplatte ein trockenes Klopfen von sich gab. „Wenn wir nicht… ich würde dich… Ach, was soll es, ich mag dich ja trotzdem. … Du, du hast kein Gefühl, du bist das. Du verstehst dich nur auf ganze Noten, und das auch ausschliesslich in Dur. Und wenn du auch recht haben magst mit all deinen Mutter-Sohn-Theorien, es ändert nichts. Ich wollte nur für einen Moment lang spüren, dass es wirklich stimmt, dass wir alle Menschen sind und als solche nicht so weit voneinander entfernt, wie man manchmal meinen könnte. Ich wollte bloss in der Zeit zwischen Nacht und Morgen, in der nichts gilt und alles vergessen wird, diese Nähe erleben. Darum weiss ich auch nicht, warum ich es Anna hätte erzählen sollen.“ Auch jetzt sah Max nicht zu Gerd, sondern hielt seinen Blick starr auf seinen rechten Zeigefinger gerichtet, mit dem er aus dem Glas den Bierschaum strich und zu seinem Mund führte. „Ja, es stimmt, sie war damals beruflich sehr ausgelastet. Lassen wir es, Gerd, komm, wir gehen noch eins weiter.“

Montag, 23. Januar 2006

hut.tag.

Heute war wieder einmal ein Hut-Tag, ein ganz eindeutiger zudem. Es gibt Hut-Tage und andere Tage. Welcher der beiden Sorten ein bestimmter Tag angehört, hängt weder vom Wind noch vom sonstigen Wetter ab. Darüber bestimmt vielmehr das Gefühl, das mich zwischen Aufstehen und Anziehen erfüllt, wenn ich halbnackt und fröstelnd von der Toilette aufstehe und mir langsam gewahr werde, was am Vortag war, und was an diesem Tag zu erleben und erledigen sein wird. Wenn das Gefühl mir sagt, dass ich mein Gesicht weder um des Gestern noch um des Heute willen zeigen mag, dann überfällt es mich sogleich mit dem Wunsch, mich soweit möglich einzupacken. So werden Tage am frühen Morgen schon zu Hut-Tagen.

Lustig ist nur, dass ich an den Hut-Tagen meines Hutes wegen häufiger (und auch ein wenig intensiver) angesehen werde, wenn die Menschen in der Fussgängerzone an mir vorübergehen oder wenn ich im Zug einen freien Platz suche. Was ich mit dem Hut abwehren will, wird durch denselben erst recht angelockt. Doch das schreckt mich an Hut-Tagen gleichwohl nicht, da ich weiss, dass der Hut allein Auslöser für all die staunend musternden Blicke ist. Mag er mir zu gross sein, oder einfach schlecht sitzen. Die Blicke gelten nicht mir; sie wollen nichts von mir, ausser meinen Hut begucken. Jedenfalls bin ich überzeugt davon, solange ich den Hut trage.

altefreunde.

Alte Freunde waren früher nicht unbedingt schon Freunde. Manche von ihnen (und vielleicht sind es gar die meisten) werden ganz direkt zu solchen; unvermittelt steht man ihnen als alter Freund gegenüber, ohne dass sie je eines Freund gewesen wären. Sie waren vielleicht entfernt bekannt, sie waren vielleicht weit über uns (oder umgekehrt), oder man sah sie oft, ohne sie zu kennen. Man mochte sie vielleicht nicht, man interessierte sich vielleicht kaum füreinander, oder man hatte einfach nie die Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen. Später dann, wenn die Wege längst gänzlich entflochten schienen und man sich plötzlich gleichwohl kreuzt, ist einem die Vergangenheit mit einem Mal ferner, als der andere es damals je war. Nach all der Zeit, die so viele Beziehungen verschleppt, versenkt und verschluckt hat, wird das Gemeinsame, das damals so allgemein und beliebig erschien, zur geteilten, wertvollen Erinnerung. Der Andere, dessen Existenz man zu jener Zeit höchstens am Rande oder aus der Ferne wahrgenommen hat, wird auf einmal zum geliebten Symbol für ein vergangenes Stück Leben. Man ist vertraut, schon nur weil das, was weit zurück liegt, immer auch den Intimbereich berührt.

Donnerstag, 12. Januar 2006

stimme am morgen.

Das erste, was heute Morgen zu meinem Bewusstsein durchdrang, war eine weibliche Stimme. Ich wurde mit dieser Stimme wach, weil sie plötzlich in meiner noch halb geträumten Wahrnehmung auftauchte, und weil sie mich bei der langsamen Erlangung meiner Sinne begleitete. Ich bemerkte nach und nach, dass die Töne eine Stimme waren und die Stimme sinnhafte Worte ausstiess. Und ich bemerkte schliesslich, dass ich über all die Zeit gewusst hatte, dass ich die Stimme kannte. Es war, als läge die Frau neben mir im Bett. Sie sprach ruhig und ernsthaft.

Es ist sehr lange her, dass ich das letzte Mal von dieser Stimme geweckt wurde, weil ihre Besitzerin neben mir geschlafen hatte und vor mir aufgewacht war. Das war nie ein häufiges Erlebnis, denn damals waren wir noch zu jung, um mehr als bloss zu ein paar besonderen Gelegenheiten beieinander zu übernachten.

Seither ist die Stimme hörbar tiefer und wärmer geworden; sie erinnerte mich an einen alten, samtenen Bordeauxwein. Seither habe ich die Stimme nur noch sehr selten gehört, und nie mehr im Bett, am frühen Morgen. Ich war alleine letzte Nacht, aber sie, sie präsentiert neustens Regionalreportagen im Radio, daher konnte sie aus meinem Wecker heraustönen. Ich habe ihre Stimme mit heimlicher Freude genossen und mich stolz als ganz besonderer Zuhörer gefühlt.

Dienstag, 10. Januar 2006

einordnen.

John ist Rechtsanwalt; darum muss er immer zunächst noch ein unumgängliches Telefonat erledigen, wenn man ihn in seinem Büro besucht, um ihn zu einer Verabredung abzuholen. Man fragt sich bei ihm manchmal, ob er eine bestimmte Handlung aus Freundschaft oder doch zur Karriereförderung vornimmt. Ich glaube nicht, dass er, wenn er sich selber betrachtet, die beiden Zwecke zu trennen vermöchte, dass diese Trennung in ihm überhaupt existiert. Und daher glaube ich, dass es auch müssig wäre, eine solche Unterscheidung von aussen her auf ihn anzuwenden. Ich habe mich also sehr gefreut, als er mich an meinem Geburtstag anrief.

nie zu nahe.

Nie darf man jemand von allzu nahe betrachten, oder in allzu hellem Licht.

Die übermässige Nähe verwirrt und verzerrt, das gleissende Licht quält die Narben und tötet die Phantasie.

Es bringt nichts, das Stück Fleisch zu erkennen, das wir sind.

Montag, 9. Januar 2006

duftluft.

Herr Tobler würde sich eine solche Sprachschöpfung wohl verbitten; doch man könnte durchaus sagen, dass er manchmal einer Art Geruchsvoyeurtum nachgeht. Es geht ihm dabei nicht darum, im Gedränge einer samstagnachmittäglichen Fussgängerzone das Parfüm einer Dame zu riechen, die ihm in der Not direkt vor die Füsse gestanden ist. Unter diesen Umständen kann er sich nicht auf solche Dinge konzentrieren; die Vielfalt der Gesichter, Gerüche und Geräusche in Menschenmengen bettet ihn zumeist in Duseligkeit. Herr Tobler achtet aber oft darauf, in der Eisenbahn einen Korridorsitz zu nehmen. Sobald der Zug fährt, die Reisenden ihr Gepäck verstaut und sich gesetzt haben, beginnt die Luft im Wagen sich zu beruhigen, und bald steht sie fast still, als ob das leise Surren der Lüftungsanlage sie schläfrig werden liesse.

Die Anlage saugt so fein, dass sie die Gerüche erst nach einer kurzen Weile schwächt, bevor sie sie zum Verschwinden bringt. Daher muss Herr Tobler jeweils warten, bis im Wagen die letzten warmen Speisen mit Lammfleisch aufgezehrt und einigermassen verdaut worden sind. Danach wird die Luft still und homogen, ausser, wenn Menschen durch die Wagenmitte schreiten. Immer dann, wenn diese schon drei Schritte an Herrn Tobler vorübergegangen sind, wird sein Gesicht vom Luftwirbel erfasst, der dem menschlichen Gang hintennach eilt. Auf diesen Moment hat er sich vorbereitet, indem er ausatmete. Sobald der feine Luftzug ihn erreicht, atmet er ganz vorsichtig und sanft ein, studiert den Geruch in der Nasenspitze wie einen alten Bordeaux auf dem Gaumen.

Natürlich mag er Frauengerüche besonders gerne, denn Kinder riechen häufig nach weichem Zwieback, und von Männern breitet sich zumeist dasselbe Rasierwasser aus, oder es sind bei ihnen nur die Faulsäuren schlecht getrockneter Jacken wahrnehmbar. Ihn interessiert eigentlich nur der Körpergeruch, nicht ein aufgetragener Duftstoff, doch bei Gesichtscremes gegen trockene Haut kann er sich nur sehr selten ganz verweigern. Das ist vielleicht so, weil er sich Frauen seit jeher nur in engstem Zusammenhang mit Cremes aller Art vorstellen kann. Er befürchtet manchmal sogar, dass das, was er zweifelsfrei als genuinen und zudem betörenden Frauengeruch festgestellt hat, vielleicht doch bloss das Ergebnis einer Kombination von Düften ihm noch unbekannter Pflegemittel und Kosmetika sei.

Manchmal sitzt Herr Tobler den ganzen Nachmittag über im freskenüberhangenen Lesesaal der Stadtbibliothek und liest, unter all den lernenden Studenten, einen geschichtlichen Roman über Intrigen in verblichenen Kaiserdynastien, oder eine Geschichte mit Protagonisten, die über ihr Leben sinnieren. Er las einmal bei einem Autor von der abstrakten, freien Zukunft, die der Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenensein gegen die konkrete, bestimmte, unveränderbare Zukunft eintauschen muss. Und weil er über seine eigene abstrakte Zukunft nicht hatte verhandeln wollen, weil sie ihm dann einfach abhanden kam, fühlt er sich bei Studenten wohl, bei diesen Inbegriffen des hinausgezögerten Könnte-Seins.

Zwischen den Zweierlesepulten gibt es auch in der Bibliothek einen Mittelgang, in dem Durchschreitende die Luft aufwühlen und für kurze Zeit mit ihrem Geruch anreichern. Manche riechen nach gekochtem Öl und altem Zigarettenrauch; andere wiederum nach ihrem Kopfkissen oder ihrem Feinwaschmittel. Hat Herr Tobler Glück, so setzt sich eine fein duftende Studentin neben ihn (er kommt vorsichtshalber schon in der Mittagspause, wenn noch die meisten Pulte ganz unbesetzt sind; so muss nicht er um einen Platz bitten), wobei er hier (es geht ja um den ganzen Nachmittag) auch mit guten Parfüms Vorlieb nimmt. Er streicht ab und zu eine besonders gute Passage seines Buches mit grünem Leuchtstift an, um sie später wieder zu finden; obwohl er weiss, dass er sie nie mehr suchen wird, dass er das nur hier tut und nur, um sich dem wissenschaftlichen Tun um ihn herum anzugleichen.

Damit sich seine Nase nie zu sehr an den Duft seiner Nachbarin gewöhnen kann, wischt er sie regelmässig gründlich mit einem Tuch ab und schnuppert dann von neuem; unhörbar langsam durch die Nase, mit dem Gesicht tief in den Textzeilen. Er liest nie sehr viel, denn in der Ruhe, die ihm hier verordnet ist, bringt ihm der andauernde Duft der Nachbarin mit all seinen Facetten Gedanken und Erinnerungen, die ihn forttragen.

drang.

Wo, wo nur mag dieser Drang herkommen, der mich so häufig erfasst – dieser besitzergreifende Gedanke daran, genau das zu tun, was mir Anstand und Sitte gleichmässig absolut verbieten? Was bloss amüsant sein könnte, wird mir zur Qual; aus lauter Angst, es könnte der unsichtbare Gedanke in meinen Augen aufscheinen, oder er könnte sich gar in einer Tat materialisieren.

Die älteste Erinnerung, die ich daran habe, geht auf meinen gefühlskalten Trompetenlehrer zurück, den ich auch wegen seines Rauchermundgeruchs hasste und dessen grösstes Lob sich auf ein aus dem Hals gedrücktes ‚brauchbar’ beschränkte (natürlich spielte ich nie besser, das sehe ich heute ein, doch so viel Wahrheit schuldete er mir nicht; er wurde privat bezahlt). Er hatte nie Hoffnungen, die sich mit mir verbanden, er verwaltete mich bloss.

Und ich, der ansonst brave Zwölfjährige mit Motivationsschwierigkeiten, was die Regelmässigkeit des Übens und das Üben überhaupt betraf, stellte mir oft vor, was wohl wäre, wenn ich diesem Musikpädagogen in seiner immergleich militärisch-trockenen Laune plötzlich aus dem Nichts heraus – gerade, als wir unsere Hände zum Abschied schütteln und ich meinen Blick vor dem Gehen senken müsste – meine Meinung erklärte: Du verdammtes Arschloch, du. Halt endlich deinen hässlichen Mund, ich finde dich äusserst erbärmlich, du stinkender Affe. Was passieren könnte, wenn ich unvermittelt das langjährig eingeübte Spiel aus resignierter Kritik und resigniertem Schweigen in den Zäunen bürgerlicher Höflichkeit unterbräche und das täte, womit er nicht rechnen musste.

Und über all die damals ewigen Jahre, in denen ich noch den schweren Instrumentenkoffer zur Musikstunde trug, bis ich endlich sechzehn war, konnte ich mir nie auch nur ein einziges Mal vorstellen, wie die derart eskalierte Situation sich weiterentwickeln könnte. Ich hatte schlichtweg keine Ahnung, ob er verdattert dasitzen, mir eine scheuern, das Ganze ignorieren oder in aller zusammenklaubbarer Vernunft ‚so nicht!’ murmeln würde. Das einzige, worüber ich sicher war – und genau deswegen faszinierte mich auch das Gedankenspiel; mir lag im Übrigen nichts daran, dass er meine Meinung so direkt erführe –, war die Erkenntnis, dass es für solche Situationen kein Protokoll, keine Regeln mehr gäbe. Man befände sich im Raum des freien Falls, oder der freien Improvisation (wie er sie mir in der Jazzmusik nie beibringen konnte).

Ich weiss wohl, dass es immer Schüler gab und geben wird, die keinerlei Skrupel verspüren, ihren Lehrern so zu begegnen – früher wurden sie in alle Farben geprügelt, und seit der Abschaffung solcher Massregeln muss sich eine neue pädagogische Reaktion erst noch allgemein durchsetzen. Für mich aber wäre solches undenkbar gewesen, ausser Frage, im eigentlichen Sinne unerhört: Ich galt nie als flegelhaft, sondern beugte mich in Schule und Gesellschaft ängstlich allen Förmlichkeiten, um wenigstens aus diesem Nichtauffallen, aus der sittlichen Unantastbarkeit, Freiheit zu schöpfen. Daher bezog mein Gedankenspiel mit ein, dass mein Trompetenlehrer nicht damit rechnen, darauf gefasst sein konnte, dass ich etwas derart Unanständiges, Verletzendes, äussern könnte, und dass er daher in seinem gesamten Kulturverständnis erschüttert werden würde. Und den schwerelosen Raum, in dem wir alsdann gestanden hätten, hätte ich zu gerne einmal erkundet; doch ich konnte mich stets beherrschen.

Wenn ich heute mit Herren, die deutlich älter sind als ich, und die Würde tragen oder getragen haben, am Apéro-Stehtisch plaudere, mit ihnen diniere oder bloss Kaffee trinke, kommt dieser schelmenhafte und ketzerische Gedanke häufig wieder. Ist die Vorstellung harmlos, so stelle ich mir mitunter zwanghaft vor, wie ich den, der mir gegenübersitzt, ohne Vorankündigung, innig und mit grosser Kraft auf den Mund und in den Mund küssen könnte. (Das geschieht meist dann, wenn ich den Mann für das, was er ist und sagt, schätze und ich ihn mag, weil er in mir die Gegenstücke zur väterlichen Liebe weckt.) Schon dies bereitet mir grosse Mühe dabei, zugleich mit meinen Gedanken auch in der Linie unseres Gesprächs zu bleiben. Ist der Gedanke böser (was bei ebenso lieben Menschen geschehen kann), so suggeriert er mir, ich solle eine Ausführung meines Gegenübers, die sich durch besonders bestechende Eloquenz kennzeichnet, mit der einen oder anderen Vulgärbezeichnung für Körperausscheidungen oder sekundäre Geschlechtsmerkmale quittieren. Oder er rät mir gar, mitten im Gourmetlokal auf einmal aufzustehen, meine eigenen Organe zu entblössen und die Gemütlichkeit des Gesprächs dergestalt zu vernichten.

Ich habe das alles noch nie getan, und ich halte es trotz aller Angst für unwahrscheinlich, die Kontrolle inskünftig zu verlieren. Aber dieser Gegendrang - dieser Wille zur Zerstörung mühselig errichteter sozialer Papierhäuser durch loderndes Feuer, der dann am liebsten kommt, wenn ich die Steifheit meines Rückens vergessen und mich wohlzufühlen begonnen habe, gerade wenn auf höchstem Niveau die rare Kunst der angeregten Konversation gelingt - der beschäftigt mich. Dieser Spiegel, dieser Schatten des Anstands, diese Rache meiner Psyche, werde ich wohl aus meinem Bewusstsein nicht mehr vertreiben können.

winterschnelldurchlauf.

Nun zier dich nicht, damit gewinnst du nichts, nicht einmal dich selbst. Komm her, zeig deinen Kopf. Man müsste Bilanz ziehen, man müsste sich eingehend befragen, man müsste endlich wieder den Platz finden, von dem aus man beobachten kann und was zu sagen hat, man müsste immer besser werden; sagst du. Dein Kopf ist ja ganz wirr, deine Stirn glüht beinahe; beruhige dich doch endlich, jetzt, wo du Zeit dafür hast. Du musst nicht den ganzen Berg auf einmal verschieben wollen, sonst stehst du ewig an der Wand. Na, komm, steh auf und gehe ein paar Schritte. Ein bisschen selber musst du schon stehen, im Liegen bist du zwar unschuldig, aber auch unbemerkbar, irgendwie unbedeutend.

Vorhin, eine Weile nach dem frühen Sonnenuntergang, ist vom Fluss her Nebel aufgezogen; er ist durch die Strassen gezogen und an den Häuserwänden emporgestiegen, bis er über den Dächern gefror und in staubfeinen Körnern zu Boden fiel und nicht schmolz. Innerhalb einer Viertelstunde war alles, der gefrorene Strassenboden mit den Salzspuren, die kahlen Bäume, die farbigen Autos und die überfüllten Metallabfallkübel, mit weissem Puderzucker überdeckt. Der Teerbelag wurde glitschig, und alle mussten ihren Schritt verlangsamen. Es gibt immer weniger Wasser in den Flüssen, Himmel und Boden sind erstarrt, und der Winter soll noch lange dauern. Manche sagen, sie mögen den Schnee nicht in der Stadt, nur auf den Pisten; und jetzt mag selbst ich ihn nicht mehr, denn er ist von fast überallher vertrieben worden und liegt nur noch als steifgefrorene und von Staub und Splitt schwarz überdeckte Moräne an der Bordsteinkante. Sektkorken und pinkfarbene Handzettel liegen da und dort darauf. Der gefallene Nebel wird das Grau für ein paar Stunden vertreiben, ehe er wieder verschwunden ist.

Die Zeit war nicht geil; ich selber aber ab und zu gleichwohl. Vielleicht kein Wunder, dass mir, wenn mir alles vergeblich wird, wenn mich von überallher die Nutzlosigkeit angähnt, nur Geilheit und Bequemlichkeit übrig bleiben. Und danach kommt nur mehr ein ratloser Blick auf die Bauchdecke, wenn ich merke, dass der Hunger durch Essen nicht mehr zu besiegen ist. Der Bauch hebt und senkt sich mit den Atemzügen, und die Brust erzittert unter den Herzschlägen; doch das ist alles, was mich bewegte.

Ich glaube, irgendeinmal wurde es dann auch Weihnachten. Selten habe ich sie so wenig kommen sehen; selten habe ich so erfolgreich verdrängt. Vielleicht aber auch lagen einfach schon viel zu lange die Nüsse und Mandarinen in der Fruchtschale, blinkten schon viel zu lange die Rentierfiguren aus den Fenstern, als dass ich, endlich im Dezember angekommen, darin noch etwas Besonderes hätte entdecken können. Es gab am Heiligabend natürlich dieselben Schnittwurstsorten wie immer, nur der Preis der Lyoner war wieder gestiegen. Eine kalte, bescheidene Platte, in der unsere Verhältnisse vor dreissig Jahren eingefroren worden sind. Heute könnte man sich natürlich jedes beliebige Fleisch in grossen Mengen leisten.

Die meisten Leute, die mit uns in der Kirche sassen und bekannte Lieder sangen, wuchsen in genau solchen Zeiten auf, als noch nicht alles möglich, bestellbar, erhältlich, erreichbar war. Sie hatten damals Wünsche an Weihnachten; wir kennen vorab Ansprüche und Wahrscheinlichkeiten. Sie freuten sich über Fleisch, sie liebten des Bratens Fettschichten, sie sorgten sich nicht. Zusammen lauschten wir zwischen den Gesängen den Erzählungen von den guten Dingen im Kleinen und im Grossen, die die schlechten besiegen würden; wir hörten, dass wir ausserordentlich grosses Glück gehabt hätten, und das seit nunmehr über zweitausend Jahren. Und ich dachte mir, vielleicht müsse das einfach so sein, dass man sich zwar das ganze Jahr nichts einbildete und die Gifte der Welt spie und schluckte, dass man sich aber wenigstens daran trösten konnte, an Weihnachten wenigstens ernsthaft versichert zu bekommen, dass man eigentlich Glück hatte.

Und ein paar Stubentage darauf feierte man das neue Jahr; ein Datum, dem längst insgeheim mehr ideelle und faktische Bedeutung zukommt als Weihnachten und Ostern zusammen. Ich habe muffig und gelangweilt gefeiert, weil ich müde war vor lauter Angst, durch Muffigkeit an langweiligem Silvester ein schlechtes Jahresomen zu setzen. Zumindest bringt das Neujahr eine Öffnung, währenddem die Zeit davor dem Abschluss gilt. Wie vieles schiebt man auf das kommende Jahr, wenn das gehende nicht mehr lange lebt, wie müssig erscheint jeglicher Anfang, wenn Sonne und Kalender sich dem Tief- oder Endpunkt nähern.

Früher, bevor diese kurzlebige Zeit anfing, hatten die Dinge noch Gewicht, noch einen Wert. Das hörte ich im Radio, als ich über die Neujahrstage nicht mehr machen mochte, als in der Küche zu sitzen und dem Programm zuzuhören. Vielleicht ist es auch einfach schwerer zu erkennen, was heute von Gewicht ist. Wer soll es heute wissen, wo man viel mehr erfahren kann, als je einer wissen könnte? Man weiss, dass man im Moment leben soll, doch hat es sich als sehr schwierig erwiesen herauszufinden, welche kurz- und langfristigen Strategien einem im Moment selber die grösste Befriedigung verschaffen. Überhaupt muss die Klage von der Kurzlebigkeit so alt sein wie die Veränderung überhaupt. Und doch spürt man es allenthalben – das wenigste von dem, was schnell kommt und wieder geht, kann Gewicht akkumulieren, Bedeutung erhalten. Und was von Maschinen oder Computern tausendfach hergestellt werden kann, atmet nur kalt; wir schätzen es nie wirklich und werfen es nötigenfalls ohne jegliche Traurigkeit weg. Gewicht hat vielleicht noch eine Begegnung mit Superstars, oder ein noch extremer ausgefallener Urlaub; aber auch das bald nicht mehr. Wir fliegen also durch den leeren Raum, und wir suchen nach Gewichten, die unser Herumflirren verlangsamen könnten. Als Trost bleibt nur die Hoffnung, dass die Gegenwart immer unsicher war, und die Gewichte immer erst später, für die Geschichtsschreibung, gegossen wurden.

Ich schritt und fuhr in letzter Zeit durch viele Bahnhöfe, durch die kalter Wind zog und in denen alle Leute mit Koffern und Einkaufstaschen beladen waren, Kopfhörer trugen und mit Telefonen hantierten. Ich nahm einmal mehr das kleine, weisse Frotteetuch aus dem Schlafwagen mit und fragte mich, ob man es nicht doch vielleicht auf dem Bett liegenlassen müsste. Ich fragte mich auch ständig, wie ich so viel hatte schreiben können. Ich fragte mich das genau so, wie ich immer überzeugt bin, etwas nicht mehr zu können, wenn ich es in dem Augenblick gerade nicht tue. Dabei wollte ich bloss die Frage vermeiden, warum plötzlich alles so vergeblich und lachhaft scheinen musste. Diese Vergeblichkeit hat immerhin den Vorteil eines süssen Fatalismus, auf dem ich reiten und viele Dinge tun kann; doch hat sie keinen Biss, sie hebt nichts hervor.

Ich habe so oft die Dinge betrachtet, und ich habe unter ihrem Schweigen gelitten. – Du hast nicht mehr zu ihnen gesprochen, das bestraften sie noch immer mit Stille. Lassen wir es, du wirst dich schon aufrichten, ich bin vielleicht auch manchmal ein bisschen streng zu dir. Es ist ein strenger Winter.

nur.

Nur ein klitzekleines Ding, nur ein Etwas, das gerade eben kein Nichts mehr ist und noch nicht einmal eine Farbe hat, nur einen nackten Punkt, das hätte ich oft zeichnen wollen. Doch selbst das wäre mir noch als eitler Tand erschienen.

Mittwoch, 21. Dezember 2005

zugfenstergedanken.

Man wird sagen können, und dafür stilles Zunicken ernten, dass die Leute sich rasch daran gewöhnten; damals, als das absolute Verbot des Rauchens auf sämtliche Eisenbahnwagen ausgedehnt wurde. Genauso, wie man im Lift schon lange nicht mehr daran dachte, eine Zigarette anzustecken, und man es auch bei einem Bewerbungsgespräch wie selbstverständlich unterliess, genauso dachte man im Zug schon bald nicht mehr ans Rauchen, das nur noch unter freiem Himmel zu sehen war. Immer mehr spürte man, so wird man sagen können, dass Züge kein Ort sind, an dem man rauchen kann, denn man roch nichts mehr, und man sah niemanden rauchen. Und an solchen Orten war man ohnehin im Allgemeinen sehr vorsichtig geworden; man war damals sehr empfindlich für die Blicke anderer. Man wird sagen können, dass man vielleicht seine Gewohnheiten ein wenig verlagerte und bald ganz einfach nicht mehr daran dachte. Schriftsteller und Kolumnisten hätten während einiger Zeit noch nostalgisch den Verlust beklagt, dass man nun nicht mehr den feinen Rauchfäden zusehen könne, die vor dem grossen Fenster emporstiegen, wie sie bei all der vorbeischiessenden Landschaft ihre eigenartige Ruhe bewahrten. Andere wiederum hätten noch eine Zeit lang entnervt davon geschrieben, wie sich nunmehr die klassische Kundschaft der Raucherabteile mit all ihren Besonderheiten über den ganzen Zug gleichmässig verteilte. Doch bald darauf, wird man sagen können, sei es ruhig geworden.

In Österreich stifteten letzthin Raucherabteile in schweizerischen Eurocitywagen Verwirrung, da die Aschenbecher noch nicht verklebt waren, die Piktogrammzigarette an der Wand über der Tür indes schon rot durchgestrichen war. Einer nahm sich sein Recht in seinem Land, rauchte viel und liess die Kopfhörer scheppern; er erzürnte sogleich andere, die im Vertrauen aufs Verbot schräg vor ihm Platz genommen hatten. Dass in einem Provinzbahnhof zwei Polizisten einstiegen, ein paar Pässe kontrollierten und den stetig Rauchenden durchsuchten, im Computer nachschlugen und schliesslich mitnahmen, hatte jedoch sicherlich andere Gründe.

Ich habe heute im Zug während vierzig Minuten ein berühmtes Energiegetränk gerochen, das sich mein Wagennachbar einflösste. Und in Spitälern sind die meisten Mitarbeitenden weiss angezogen; nur beim Putz- und Küchenpersonal gibt es grössere und kleinere farbliche Abweichungen. Selbst der Lift wird im Spital desinfiziert, es riecht da wie an den Händen eines Zahnarztes bei der Arbeit. Im Krankenhaus sind alle auf einer Plastikplakette angeschrieben, welche das moderne Logo des Spitals trägt. Man erfährt ihren Namen und ihre Funktion. Sie lächeln häufig, wenn man durch die Gänge geht; sie erledigen eine Vielzahl anspruchsvoller Berufe und sind sehr freundlich, wenn sie im Zimmer vorbeischauen. Sie haben alle ihre Geräte und Techniken, und sie sagen immer, was sie mit einem machen werden; immer fragen sie, ob sie das dürften. Sie stehen Schlange, treten einer nach dem anderen ins Zimmer und verrichten ihren Dienst am Körper, und manchmal auch an der Seele. Sie erdenken sich sogar, mehr Butter an die Nudeln zu geben für einen Körper, der verhungern will.

bettfreundschaft.

Ich muss wieder Freundschaft schliessen mit meinem Bett. Ich muss ihm die Zeit widmen, die es von mir will. Ich muss es sachte umarmen, und ich muss im Frieden zu ihm gehen, wenn ich schlafen will. Ich muss annehmen, was es mir an Gedanken und Träumen geben will. Ich muss es heiter begrüssen, dann werde ich es heiter verlassen.

Denn der beste Moment ist der vor dem Einschlafen, in dem die Gedanken noch verständlich, aber nicht mehr beherrschbar sind - in dem neue und verquere Gedanken herumschwirren in der Müdigkeit und sich manchmal im Geäste des Vorhandenen verfangen. Dass diese Gedanken so oft gleich wieder zerfallen, sich so rasch verflüchtigen und verlieren, ist diesem Moment zwischen den Welten geschuldet, das darf nicht verstören.

Dienstag, 20. Dezember 2005

weihnachtsansprache.

Sie mögen es vermutet haben, verehrte Leserinnen und Leser. Ich bin kein Freund von Weihnachten, noch mag ich die Vorwirkungen dieser Veranstaltung besonders. Warum Sie das gemerkt haben sollten, fragen Sie? Sie unterschätzen ganz einfach, wie sehr ich das Gefühl habe, offen zu Ihnen zu sprechen, wenn ich hier schreibe. Nicht, dass ich das schon irgendwie angedeutet hätte, doch dachte ich einfach, dass Sie aus meinem zeitweiligen Gezeter auf Weihnachtshass [meine Schreibsoftware unterstreicht dieses Wort nicht einmal mit rotgewellten Linien!] geschlossen haben könnten.

Ich kann Ihnen nicht alles auf einmal schildern, was mich dazu führt, eines der höchsten Feste im Christenkalender nicht zu mögen; das wäre langweilig. Und am Schluss würde ich womöglich entdecken, dass ich gar keine hinreichenden Gründe für meine Abweisung zusammenkriege, dass ich mich dafür gar nicht zu rechtfertigen vermag (obwohl ich niemanden davon überzeugen möchte) – und das ginge mir nun wirklich gegen den Strich.

Wenn ich Ihnen nun eine Ansprache bzw. Anschreibe halte, dann bloss deswegen, weil ich es mir nicht verkneifen kann, mich scham- und gewissenlos der schon fortgeschritten korrodierten Symbolik dieses Anlasses ‚Weihnachten’ (auch noch) zu bedienen. Ich stelle mich klammheimlich in den kümmerlichen Rest des Glanzes dieser für uns alle kindlich-emotional aufgeladenen Wortkombination und danke Ihnen ganz einfach für Ihre Zuneigung zu diesem Blog. Sie geben mir viel.

Das wäre eigentlich alles. Das wäre auch für diesen Text ein schöner Schluss gewesen, finde ich. Nun habe ich ihn aber verpasst. Aber eines wollte ich Ihnen ohnehin noch sagen. Man spart sich ja das, vor dessen Aussprache man sich fürchtet, gerne für den Schluss. Und man hofft vielleicht auch, dass ein schöner Schluss kommt, und dass man es dann immer noch nicht gesagt hat, dass man noch einmal davongekommen ist. Oder dass man das Gegenüber wenigstens so lange duselig geredet hat, bis es alles entgegennimmt. Aber das wäre ein anderes Thema.

Sie wissen mittlerweile, dass ich nicht immer mit gleicher Intensität schreiben kann, und ich danke ihnen ganz besonders auch dafür, dass Sie mir das nachsehen.

ohrensessel.

Ich bin in einer Stadt gewesen, die mich am frühen Morgen mit Leuchtreklamen begrüsste, als ich aus dem Bahnhof trat. Die Farblichtbuchstaben waren weit weg. Sie hingen an den Mauern, standen auf den Dächern hinter dem riesigen Platz, den die wuchernden Verkehrswege in Beschlag genommen haben. Die Buchstaben waren riesig und gut lesbar. Sie sagten: ‚Ich bin hier, und ich beleuchte die Wolken am Himmel, denn ich will, dass du mich siehst!’ Haushohe Plakate, die für Ausstellungen altehrwürdiger Bilder warben, wurden vom Boden aus von Scheinwerfern beleuchtet. Und in deren Lichtkegeln tanzten kleine Schneeflocken der Kunst zu Ehren Ballett.

Ich bin in einer Stadt gewesen, die sich immer selbst genügte; sie trug ihren Stolz manchmal zurecht, und manchmal zuunrecht, doch sie liess sich nie beirren. Das machte sie gemütlich, grau, unaufgeregt und selbstsicher. Zugleich sah und spürte ich allerorten in sich selbst versunkene Betriebsamkeit; einen seltsamen, höchst uneitlen Ehrgeiz, Neues zu erforschen und aus Steinbergen Häuser zu bauen. Auch heute soll die Stadt, will man ihr glauben, in den neuesten Feldern des Allerneusten hoffnungsbeladene Saaten platziert haben. Und wie immer schon sucht die Stadt das Schöne und Kunstvolle. Nirgendwo sonst in Europa kriegt man so viel Förderung, bekannte mir einst eine angehende Kunstmanagerin. Überall ist hier Kunst, ein jeder ist ein Künstler.

Und in all dieser Kunst schritt ich nach dem Kinobesuch, der zum erwarteten Magengrubenhieb geworden war, in dunkler Strasse verrussten und verklebten Kellerfenstern entlang; ab und zu konnte ich noch in Quartierkneipen blicken, deren Biermarkenschilder erloschen waren. Der Himmel, der das ewige Stadtlicht reflektierte, war heller als mein Gehsteig. Ich blickte unvermittelt zu meinen Füssen, welche gerade über einen nassen Hochglanzprospekt mit weisser Damenwäsche schritten. Von da an fühlte ich mich alleine.

Weiter vorne blieb ich vor einer mit Bauschranken abgesperrten Häuserlücke stehen. Eine Strassenlampe und der Mond beleuchteten das städtische Nichts, auf dem ein Haus gestanden hatte, und ein neues wieder stehen würde. Braune Erde, ein paar verdorrte Pflanzen und ein Haufen mit Bauschutt. In der Mitte des Hohlraumes stand ein alter Ohrensessel mit schwarzen Schimmelstreifen auf dem Stoffüberzug. Er war genau auf den Betrachter, der von der Strasse her hereinschaut, ausgerichtet. Man konnte erahnen, dass seine Positionierung Absichten verraten sollte. Und ich glaubte, dass er seine Ruhe selbst dann nicht verloren hätte, wenn sämtliche Häuser um uns herum eingestürzt wären.

Diese Stadt schmerzt mich bei Kurzbesuchen; ich habe hier gelebt, doch nun blickt sie mich bloss kühl an wie einen dümmlich herumstaunenden Touristen. Wenn du immer nur so hastig vorbeikommst, sagt sie mir, dann kannst du mich mal, hörst du? So gerne wohnte ich wieder hier, oder da - und könnte wieder in Ruhe den Details folgen, die sich von Besuch zu Besuch in Massen ändern. Der grauglänzende, farbabweisende Anstrich auf dem Brückenbeton, wo ich noch politische Graffiti gelesen hatte. Die neuen Hinweiskleber in der Strassenbahn in fremdartigen Sprachen. Die neuen Kellner in meinem Café, die die früheren nicht einmal mehr kennen. Die Baustelle auf dem grossen Platz, die sich weitergefressen hat und nun plötzlich altbekannte Wege auf Umleitungen drängt. Und so gerne würde ich das Licht der Wintersonne, das in den engen Gassen an allen unerwarteten Orten auftaucht, immer wieder sehen.

prinzipien.

Konrad ist ein Mensch, der Angst hat. Angst vor der Welt. Er wird bald heiraten; heute war er zur Erledigung der Formalitäten auf dem Standesamt. Angst vor der Welt kommt in allen Schichten vor, wahrscheinlich gleichmässig verteilt. Auch vor seiner aus gleicher Schicht stammenden Zukünftigen hat er Angst; jedenfalls dann, wenn sie besorgt zu ihm in die Küche ruft, wo er gerade etwas zu sehr mit dem Geschirr klappert: „Ach, Konni, lass das doch, ich mach’s dann schon!“ Aber diese Angst ist ihm um vieles lieber als andere Ängste, die draussen, ausserhalb dieses lichterkettenbehangenen Villenquartiers, lauern und über ihn lachen.

Man merkt Konrad seine Angst nicht an; alles liesse darauf schliessen, dass er sich wohl fühlt und er in der beruflichen Position, die er seit Jahren nicht aus den Augen lässt, sich irgendwann einmal in Zufriedenheit würde baden können. Doch das ist nicht gesichert. Denn letztlich geht es ihm nicht um diese bestimmte Einordnung in seiner Berufskaste und der allgemeinen Gesellschaft, sondern nur darum, die Ansprüche, die er um sich herum und in sich drinnen spürt, aufzufangen und zum Schweigen zu bringen. Konrads Vater ist an einer Stelle angelangt, welche seine ausserordentliche Fähigkeiten und seine Hochintelligenz ex officio beglaubigt; Konrad selber hingegen ist nur ganz gewöhnlich intelligent. Er fragt nicht gerne nach, das kommt ihm nicht in den Sinn. Er weiss, dass er das, was er weiss, meist nur gehört oder gelesen hat, doch er mag nie nachfragen.

Wenn Konrad erzählt, lehnt er sich zurück in die Breite des Sofas und streckt beide Arme zur Seite hin von sich. Er klatscht mit den Handflächen auf die Lehne, legt seinen Kopf nach hinten und blinzelt über die unteren Lider hinweg. Er spricht über die Schlechtheit von Politikern und Staatsbediensteten; er legt dar, warum er mit dem und jenem in seinem Umfeld brechen musste. Er hat strenge Prinzipien, und das nicht ohne Gründe, wie er sagt. Viele Menschen haben bereits gegen diese Grundsätze verstossen, und darum musste er sich von ihnen abwenden. Manche haben sich vielleicht selber widersprochen und plötzlich mit der geschlafen, die sie vorher blöd fanden. Manche haben vielleicht ihm etwas versprochen und ihn dann trotzdem enttäuscht. Manche haben vielleicht einfach den Fehler gemacht, ganz anders zu sein als er, oder ihn nicht besonders zu mögen. Alle sind sie in seinen Berichten ein wenig wie dumme Meerschweinchen; sie können alle etwas nicht, das er hingegen kann.

Konrad fürchtet sich auch vor Menschen, die von weit herkommen oder deren Ahnen von weit herkamen. Auch wenn sie ihm in seinem Büro nur spätabends, als Putzkräfte entgegentreten. Er fürchtet sich auch vor denen, die nichts haben und herumlungern. Er weiss das zwar nicht, denn immer schon stand er breitbeinig, hier an diesem Platz. Aber er traut niemandem und fürchtet um seinen Platz, weil er weiss, dass er diesen vererbt bekommen hat, und weil er in sich spürt, dass er nichts dafür konnte. Konrad liebt sein kleines Wohnzimmer mit den roten Ledermöbeln, mit der baldigen Ehegattin und mit dem Diplom im Glasrahmen, in dem seine Prinzipien und Regeln ihn vor der Verletzung seiner Gefühle bewahren.

Montag, 12. Dezember 2005

dekret.

Erlauben Sie, mein König, dass ich Ihnen das Dekret nochmals verlese, bevor Sie es signieren. – Nein, nein, ich kenne es wohl, Herr Justizminister, ich kenne es sehr gut. Es verbietet allen Männern auf meinem Hoheitsgebiete, zu Tag und zur Nacht, jegliches Trinken geistiger Getränke, unter der Androhung schwerer Strafen, die bis zur Verbannung reichen können. – Oh ja, mein König, Sie haben das genau erfasst. Darf ich Ihnen noch einen Whisky reichen, bevor Sie unterzeichnen? – Ja, bitte, sehr gerne, lassen Sie nur nachschenken! Sagen Sie, Herr Minister, genau genommen (und ich habe mir das wirklich lange überlegt!), müsste man nicht fast behaupten, dass mit diesem Dekret auch mir das Trinken verboten werden könnte? Schliesslich befinde ich mich ja auch zumeist auf meinem Territorium, wenn ich nicht gerade auf Seereise bin. – Mein König, Sie zeigen Hang zu groteskestem Scherz; natürlich kann dieses Gesetz nicht auf Sie angewandt werden. Sie sind doch damit überhaupt nicht gemeint! … Sie sind ja auch kein Trinker, Sie trinken kultiviert. – Nun, ich sehe, was Sie meinen, Herr Minister, Sie sind ein weiser Mann. Sie treffen haarfeine Unterscheidungen, die aber dann doch bloss ihr Juristen versteht. … Ich aber sage Ihnen: Wir leben hier in einem Rechtsstaat, und ich dulde nicht, dass der König irgendwelche Privilegien geniesst. Und darum fordere ich Sie auf: Ändern Sie diesen Rechtssatz, ich möchte nicht anders behandelt werden als mein Volk. – Natürlich, mein König, wir werden eine neue Vorlage ausarbeiten, welche bloss das verwahrloste Trinken unter Strafe stellt. – Ich wusste es, ich wusste es, dass Sie es besser können, Herr Justizminister! Gehen Sie, und empfangen Sie Ihre gerechte Belohnung.

danneinmal.

Meine schwarzen Fingernagelenden? Mein Missmut, meine Arroganz? Meine Ziellosigkeit, meine Mittelmässigkeit? Meine Zufälligkeit, meine Hinfälligkeit? Mein Mundgeruch, meine Bequemlichkeit, meine Unzufriedenheit? Meine Zweifel, meine Ängste, meine Endlichkeit? – Egal, scheissegal, all das wird verschwunden sein, oder nicht mehr wichtig sein. Wenn ich nur mal in den Medien, wenn ich nur mal berühmt gewesen sein werde.

Donnerstag, 8. Dezember 2005

pfefferminztee.

Von allen Seiten her muss Herr Tobler Blicke in Kauf nehmen; sein quadratischer Tisch steht mitten im Raum. Normalerweise sitzt er am grossen Fenster. Nun war nur dieser Tisch noch ganz frei. Denn – jemanden an den grossen Tischen mit den vielen freien Plätzen anzusprechen, das hat Herr Tobler sich nicht gewagt. Er weiss, dass die Leute, die dort sitzen, sich nicht wirklich kennen, doch zugleich scheint ihm eindeutig, dass sie sich eben doch alle irgendwie bekannt sein müssen. Er hingegen hat keinerlei Anknüpfungspunkte zu bieten.

Er ist gerade mit dem Zug angekommen und hatte eigentlich keine Lust mehr darauf, Leute zu sehen, mochte aber auch nicht heimgehen. Ein altgedienter Erstklasswagen seines Zuges hatte Klebezettel an den Fenstern getragen: „Deklassiert“. Und Herr Tobler war in stiller Vorfreude auf den geschenkten Zusatzgenuss zur Eingangstüre marschiert, doch die Plätze waren alle besetzt gewesen von anderen Zweitklasspassagieren, die ihre Eroberung sichtlich genossen. Herr Tobler ist in einen fast leeren Zweitklasswagen ausgewichen und hat sich während der ganzen Fahrt in gekrümmter Haltung im Sitz versteift.

Er liest schon in der zweiten Zeitung, und ab und zu blickt er kurz zur Kellnerin, ohne den Kopf anzuheben. Sie sieht meist woanders hin, auf die Hebel und Gläser, auf ihr Portemonnaie oder in die Augen der Zahlenden. Doch ein paar Mal schon hat sie kurz zu ihm zurückgeschaut. Nicht freundlich, nicht unfreundlich, nicht einmal gleichgültig und vielleicht ein wenig fragend. Normalerweise hätte Herr Tobler es sich bequem gemacht, hätte sich zurückgelehnt und laut geraschelt beim Blättern der Zeitungsseiten. Er hätte sich heimisch gefühlt und stundenlang auf den Gehsteig hinausgestarrt. Normalerweise hätte er eintretenden Gästen freundlich in die Augen geschaut und ihnen vielleicht gar zugenickt. Nicht so heute, er fühlt sich klein und möchte gehen, doch er hat ja noch nicht einmal seinen Tee bestellen können.

Wenn er einfach aufstände und ginge, ohne konsumiert zu haben, sähe das allzu merkwürdig aus, findet er. So kann er erst recht nicht schon wieder weg; Herr Tobler ist sich sicher, dass längst alle im Raum dem fortdauernden Versäumnis der Kellnerin diskret und gespannt zusehen. Sich bemerkbar zu machen, das kommt ihm heute nicht einmal in den Sinn. Die Kellnerin ist von einer Schönheit, die ihn zuerst erschreckt und dann eingeschüchtert zurücklässt.

Und nun kommt sie auf ihn zu, lächelt verlegen und fragt: „Haben Sie noch gar nichts bestellen können?“ - „Nein, doch ich hätte ganz gerne eine Tasse marokkanischen Pfefferminztee, also ich meine, einen mit marokkanischer Minze, Pfefferminze, drin. Bitte.“ – „Ach, das tut mir leid, ich dachte die ganze Zeit, Sie hätten schon längst erhalten! Entschuldigen Sie vielmals, das ist mir sehr peinlich.“ Sie lächelt lieb und versöhnlich. Normalerweise hätte Herr Tobler das genossen. Doch weil er sie nur ausdruckslos ansieht, sagt sie: „Kommt sofort…“ und geht zur Theke zurück.

Was redest du da, sagt Herr Tobler in Gedanken zu ihr, mir ist es peinlich, mir alleine. Du lächelst dich ohnehin verlegen durch den Tag. Aber ich, ich habe mich gefangennehmen lassen, habe deine kleine Unachtsamkeit bar jeglicher Vernunft als Beweis meiner Nichtigkeit, meiner Ohnmacht und als tiefe Verletzung erlebt. Ich bin nicht böse auf dich, was kannst du schon dafür. Aber lass mich bitte in Ruhe, ich mag dir nicht verzeihen. Das schiene mir ganz und gar lächerlich, ist es doch nicht die mangelhafte Dienstleistung, die mich so schmerzt. Das wäre noch das Geringste. Normalerweise würde ich mit dir scherzen, würde vielleicht über uns lachen, doch nicht heute.

auf der strasse.

Das Geld liegt nicht auf der Strasse, sagt man, doch das Vertrauen der Menschen, das lag gestern da, auf dem staubigen Asphalt. Es war von den grossen Plakatwänden, die all unsere Strassen säumen und auf die es sich vor kurzem noch geflüchtet hatte, heruntergefallen. Wir mussten bloss zugreifen, alles Vertrauen lag vor unseren Füssen. Wir bückten uns, nahmen es auf und drückten es an unsere warme Brust. Es war heilfroh, sich an die Innenseite unserer Mäntel hängen zu können. Wir gingen in ein gemütliches Lokal, bestellten Bier und wollten reden. Es war schön, das Vertrauen bei sich zu spüren. Plötzlich hatten wir die Weltregierung inne, wir konnten über alles gebieten; es ging ganz einfach und rasch, ohne den kleinsten Widerstand – man war offenbar allseits erleichtert über unsere Machtergreifung. Wir gerieten bald in eifrige Hochstimmung, doch weil wir noch zwei, drei Biere tranken, und weil uns dann nicht so recht einfallen wollte, was wir nun tatsächlich tun sollten, haben wir es dann verschlafen. Im Schlaf nahm man uns das Zepter, das sich da noch kaum hatte wärmen können, wieder aus der Hand. Man merkte es am Morgen, überall in den Strassen standen nun Soldaten.

heute?

Wo war ich heute? Hat mich jemand umarmt, oder war das gar nicht heute? Habe ich heute überhaupt einmal an heute gedacht – oder nur an morgen? Bin ich heute meinem Ziel, bin ich irgendeinem Ziel näher gekommen? Habe ich ein Ziel, dem man näher kommen kann? War heute weniger alltäglich als der Alltag? Bin ich jemand anderer, wenn mich die Vertrautheit befremdet? Lerne ich manchmal aus meinen Fehlern? Welche Bilder haben Macht über mich? Wäre ich fähig, ein anderes Leben zu führen?

ohne bildung.

„Ohne Bildung werde ich Terrorist!“ war auf einem Demonstrationstransparent zu lesen. Offensichtlich ist die Bildung schon jetzt nicht mehr gewährleistet; zumal nicht jene über den Terrorismus.

Mittwoch, 30. November 2005

stockwurf.

Frauchen hat's geworfen, moccalover hat's gefangen: Das Stöckchen, das ihm aufträgt, den fünften Satz des dreiundzwanzigsten Beitrags hervorzukramen. Nun, natürlich dachte ich damals, beim Verfassen dieses dreiundzwanzigsten Beitrags, noch nicht an die heutige Situation, und so hat dieser Beitrag keine fünf Sätze, und nicht einmal einen, den ich zitieren möchte. Daher erlaube ich mir, auf den zweiundzwanzigsten zu greifen und zu zitieren: "Ich musste es schon um sechs Uhr gehört haben, als mich der Radiowecker zum ersten Mal störte, doch das war nicht wirklicher als jedwede Erinnerung an einen Traum aus seichtem Schlaf. "

kommen sie.

Schön, dass Sie zu uns gekommen sind! Nur zu, treten Sie ein und lassen Sie sich betören; ja, wahrlich, wir haben schlichtweg alles! Und ganz bewusst sagen wir nicht: was Ihr Herz begehrt, denn Sie wissen gar nicht, wie bescheiden Ihr Herz in all seinen Wünschen eigentlich noch ist – verglichen mit dem, was es alles haben könnte. Nun, Sie können das alles wirklich haben, wir haben nichts weniger als das Alles selber hier zu uns geholt. Natürlich nur für Sie, weil es uns eine Freude ist, Ihnen Glück und Erfolg zu bereiten. Sie dürfen sich ruhig etwas gönnen, und zwar tagtäglich, denn Sie haben ja nur sich, nicht wahr. Ihr Herz wird Sie lieben dafür, und Sie können auch noch mehr kriegen, denn wir haben einfach alles. Bei uns ist alles im Glanz, bei uns duftet’s immer frisch und neu. Unsere Regale sind überfüllt, Lücken werden binnen Minuten aufgefüllt, und überall haben wir Ihnen Promotionsboxen in die Regalgassen gestellt, damit Sie sich nie langweilen müssen. Da und dort werden Sie auch auf freundliche Hostessen unserer Lieferantenpartner treffen, die Ihnen an einem Informationsstand gerne ihre neuen Produkte präsentieren. Wir sind stets bemüht, aus Ihrem Einkauf ein Erlebnis zu machen; wir sehen Sie gerne länger bei uns verweilen, deshalb haben wir auch das Bistro eingerichtet, in dem Sie gemütlich in unserer Hauszeitschrift oder in unseren Katalogen blättern können. Um Ihre Kinder und um die Grossmutter kümmern wir uns selbstredend auch; wir haben spezielle Programme zur Animation aller Altersgruppen. Möchten Sie vielleicht lieber einen Film über unser Sozialengagement, unsere Kulturstiftung und natürlich über unsere neusten Produkte sehen? Bravo, denn Sie stehen ohnehin gerade vor dem hausinternen Vorführsaal. Und sonst können Sie diesen Film auch kaufen; diese Woche noch kriegen Sie ihn übrigens mit drei Prozent Rabatt, wenn Sie vier Ihrer Bekannten von den Vorteilen unserer Clubkarte überzeugen können (was ja nun wirklich ein Kinderspiel ist). Zu Ihrer Sicherheit haben wir übrigens da oben überall elektronische Späher angebracht, unser Ordnungsteam guckt durch diese Kameras, damit Sie sich bei uns nicht sorgen müssen vor den bösen und wüsten Gestalten dieser Welt. Wir lesen den Namen von Ihrer Kreditkarte und lassen ihn auf dem Kassenbildschirm aufscheinen; so kommt es, dass Sie stets persönlich verabschiedet werden. Geben Sie zu, Sie schätzen das, wenn unsere hübsche Kassenstudentin Sie dazu auffordert, bald wieder einmal vorbeizuschauen. Vielleicht fiel Ihnen noch gar nie auf, dass wir die Sprachregelung unserer Mitunternehmerinnen und Mitunternehmer hinsichtlich des Kundinnen- und Kundenkontaktes alle Tage variieren, monatlich komplett überarbeiten und den neusten Anstands- und Modetrends angleichen. Wir wollen bei Ihnen sein, ja, ganz persönlich bei Ihnen, und wir wollen Ihnen das geben, was Sie sich erträumen. Bei uns sollen Sie Ihre Traumlandschaften wiederfinden, bei uns sollen Sie Kind, Mann und Frau zugleich und in Reinform sein. Bei uns sollen Sie sich nichts ausreden oder abschlagen müssen. Wir schreiben uns alle edlen und hehren Prinzipien dieser Welt auf die grossen Fahnen, draussen auf dem Parkplatz. Wir haben immer das Passende parat; und Sie dürfen sich ganz sicher sein, dass wir die Prinzipien alle ohne grössere Mühe auch unter einen Hut bringen, ohne darauf verzichten zu müssen, jedes Jahr die Kassen noch voller zu füllen. Wir beraten Sie kompetent und umsichtig, wir sind für Sie da; wir sprechen Ihre Sprache und erklären Ihnen alles gut verständlich. Und falls trotz all unserer Vorkehren jemals etwas nicht weit über Ihren Ansprüchen liegen sollte, so seien Sie zunächst versichert, dass Ihnen hieraus keinesfalls ein Schaden erwachsen wird, und seien Sie daran erinnert, dass wir uns ständig von neuem anspornen, die Bemühungen um die Qualität unserer Produkte und Dienstleistungen noch weiter ins Unermessliche hineinzusteigern. Ohnehin erklären wir Ihnen auf Faltblättern gerne unsere Welt, unsere Entscheidungen und unsere Philosophie. Wir geben Ihnen fürs Leben gern Tipps für Ihr Leben, und wie Sie es noch schöner ausschmücken können. Sie als unsere Kundin oder unserer Kunde sind uns schliesslich am wichtigsten. Wir existieren für Sie, wir handeln für Sie.

ausflug.

Krass die Provinz, schrieb einer auf das Häuschen an der Bushaltestelle. Der Schneefall wird immer mehr zum Nieselregen, und der nassschwarze Teer der Strasse schluckt viel von dem wenigen Licht, das die Sonne durch den Nebel drückt. Neben mir eine junge Frau, die ganz verlegen wurde, als ich Sie nach dem nächsten Bus fragte; und die, offensichtlich erfreut darüber, jemand Unbekannten zu sehen, immer wieder ans andere Ende der Wartebank zu mir herüberschielt. Für drei Minuten hat man die überzuckerten Berge hinter der Ebene im violetten Abendlicht sehen können; vorher war die Sonne hinter dem Hochnebel, und danach ist sie hinter den Bergen verschwunden. Ich war hier auf dem Konkursamt, das in einem dreistöckigen Betonwohnblock aus den Siebzigern untergebracht ist und in einer niedrigen Vierzimmerwohnung Platz hat. Ich habe im dunklen Spannteppichbüro Akten durchgesehen und doch nur an die leere Weite der Ebene gedacht, an den Schnee auf den Feldern, an die sorgsam verteilten Obstbäume und Heuscheunen, um die Nebelschwaden sich rankten. Der Konkursamtsleiter, das roch man schon im Korridor, rauchte unentwegt Zigarren; er trug zu alter Jeans einen Pullover mit brusttief geöffnetem Reissverschlusskragen, aus dem seine blanke, gebräunte Haut hervorschien. Er riet mir von allem ab, was zu tun möglich wäre. Er war abgeklärt, vielleicht abgelöscht. Der Bus fährt heran, währenddem die Wälder in der Ferne vom Grünblau ins Schwarz wechseln. Der Busfahrer ist sehr freundlich und mahnt aussteigende Schulkinder an möglicherweise Liegengebliebenes. Die Ränder der Ebene verschwinden in der Nacht, und mein Blick kann sich ob dem aufziehenden Dunkel nur mehr an den Bergkanten festhalten.

disput.

Du verdammtes, egoistisches Wohlstandsgör, du pumpst dich allabendlich mit Rauschmitteln aus der Welt hinaus. Du willst mir etwas erklären? Schweig bitte, schweig schnell; ich hab Leute wie dich echt dick, du bist für mich so durch wie nur etwas. Mach nur, spiel dich auf, du Philosoph der grossen Zusammenhänge. Solang’ die Bank noch Kohle schiebt, so lange wirst du weiter machen. Relativiere nur, deklariere deine Ohnmacht, deine Unkenntnis. – Nun beruhige dich, du schweisstriefender Gutmensch, sonst bist du dieses Label bald mal los. Mach dich doch zum Rädchen in der Maschine, das du so verachtest. Ja, nichts anderes tust du, als uns allen die Gewissheit zu geben, dass da schon jemand dazu schaut, zu den hässlichen Dingen; jemand der verrückt genug ist, der ohnehin nichts Gescheites tun könnte. Schön für uns alle, denn so können wir das abhaken und dir zu Weihnacht eine Spende zukommen lassen. Und mehr und mehr sind wir überzeugt, dass alles gut ist so; denn was wir nicht so gut machen, das machst du wieder gut. Immer wieder sind wir so überzeugt, dass alles gut ist, dass wir dich nur noch belächeln können, weil du das nicht sehen willst. – Diese deine Überheblichkeit ist es, die mir mehr Galle in den Mund spült, als fünfzehn Ochsen in ihrem ärmlichen Dasein je hergeben könnten. Ganz anders sprächest du, sässest du tagsüber nicht auf einem Lederstuhl. – Ich könnte mir dessen nicht bewusster sein, sei dir da versichert. – Und doch tust du nichts, ausser zu denken; und dabei kommst du immer zum gleichen Schluss, dass nämlich nichts getan werden könne. Und dann tust du nichts. Ich finde, ich tue etwas Sinnvolles, nicht so wie die meisten anderen, und das gibt mir Befriedigung. Eine Genugtuung, die du und die anderen nicht erreichen werdet. – Nun reicht’s mir, ich müsste dir den Kopf abreissen, aber du bist zu tief in deinem Filz, um noch irgendetwas sehen zu können. Wie viele dummnormale Schafe braucht es denn, was meinst du, damit einer wie du sich besonders fühlen kann? Glaubst du etwa, mir bereitet das alles eitle Freude? Ich leide, genau wie du. Aber ich leide noch viel mehr, weil ich mir nichts vormache wie du. Ich gehe nicht auf darin, Sandkörner einzeln auf erodierende Berge zu tragen, ich kriege diese selbstgerechte Feierabendzufriedenheit nicht, nur weil ich zu den Besserdenkenden gehöre. – Arroganter Tor! – Verblendetes Eifererarschloch! – Ersaufe in deiner Ohnmacht! – Ersticke an deiner Allmacht!

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wer hat das angerichtet?
Die Ursache? Es ist nicht die Gier. Es ist der Glaube...
moccalover - 12. Mai, 22:39
dem gedanken folgen.
sobald ich versuche, alles in mehr oder minder stummes...
moccalover - 19. Nov, 22:36
unternehmensethik.
es ist doch nicht das unternehmen, das ethisch sein...
moccalover - 19. Nov, 22:34
und was das heisse, wenn...
und was das heisse, wenn jemand jemand sei.
moccalover - 19. Nov, 22:33
danke. wenn nur die umsetzung...
danke. wenn nur die umsetzung so einfach wie die erkenntnis...
moccalover - 19. Nov, 22:31
wer das eigentlich sei
wer das eigentlich sei
Reh Volution - 10. Nov, 07:32
da steckt viel wahrheit...
da steckt viel wahrheit drin.
me. (Gast) - 7. Nov, 21:10
danke!
danke!
moccalover - 6. Nov, 00:20
das verbrechen.
Das grösste, das ursprünglichste und verheerendste...
moccalover - 6. Nov, 00:05
nah und fern.
Leo drehte die Bierflasche langsam auf den Kopf, und...
moccalover - 6. Nov, 00:05
selbstbewusst.
selbstbewusstsein heisst nicht, sich überlegen zu fühlen nicht,...
moccalover - 6. Nov, 00:04
die vorstellung und das...
gibt es etwas Schöneres, als etwas unvermittelt zu...
moccalover - 6. Nov, 00:02
um zu
um zu
Reh Volution - 12. Okt, 08:12
um mich herum.
Das Leben. Ein Schlüssel, der mir Haus und Wohnung...
moccalover - 12. Okt, 00:43
Sandwichs.
Du hast jemand, der für dich Sandwichs streicht. Da...
moccalover - 2. Sep, 22:53

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