Er dreht sich eine Zigarette, öffnet das Fenster und stützt seine Unterarme auf den Sims. Die metallene Verschlusskante des Fensterrahmens drückt in seinen Bauch. Er blickt auf die volle Strasse hinunter; es ist schon fast dunkel und es regnet stark. Der schwarze Teerbelag spiegelt jedes Licht, das ihn erreicht. Die orangenen Strassenlampen, die an Stahlseilen angemacht im Wind zwischen den Häusern baumeln; die roten, gelben und grünen Ampeln, die an den Wegweisertafeln über der Kreuzung konzertiert ihr Leuchten ändern; die Xenonscheinwerfer der Autos, welche die Spritzbögen ihrer Vorderfahrzeuge bläulich weiss erglühen lassen; die gelblich erhellten Zugfenster, die vorbeihuschen und die Reisenden im Daumenkino vorführen - all ihr Licht trifft sich im Schwarz des nassen Asphaltes.
Er bestaunt diese bunte Farbenwelt im Dunkel, die ihm wegen der im Kreise kurvenden Autokolonnen wie ein Jahrmarktkarussell vorkommt. Über die Brücke hört man Sirenen herannahen; hinter den Hochhäusern werden die Regenwolken von grünlichen Stadionflutlichtern beschienen. Der schönste aller Scheine aber kommt von den gelben Ahornblättern, die zu Tausenden im Regenwasser auf der Strasse, dem Spiegel dieser Verkehrsleuchtwelt, liegen. Noch, so denkt er, noch gebt ihr euer Letztes, um mich zu freuen; und ob all eurer Anstrengung selbst in eurem Sterben kann ich es euch nicht verdenken, dass ihr mich den ganzen Winter über alleine lasst, erst im Mai eure Nachkommen schickt.
Beim Fenster nebenan kommt kein Licht heraus. Der ist nun ausgezogen. Der andere feiert mit seiner Familie. Sie haben nun beide das Examen geschafft, das zum Leitmotiv seines nächsten Jahres werden wird. Er hat sich ein bisschen mit ihnen gefreut, aber vor allem sich zurückgelassen gefühlt. Welcher Egoismus sich offenbaren kann, wenn die Welt einem die Schultern ein wenig niederdrückt. Das kalte Discounterdosenbier, das er in seine Kehle schüttet, lässt ihn kurz schaudern und seinen Brustkorb verkrampfen. Und aus dem Bauch steigt langsam eine Wärme zurück zum Kopf; der Feierabend kommt an. Schöner, guter Feierabend, so sollst du sein, murmelt er, und zugleich denkt er daran, dass das nicht immer so sein kann, dass er doch alles einmal ändern wollte.
moccalover - 4. Nov, 22:17
SCHMEISST DIE MACKER IN DIE AARE! Das steht in riesigen weissen Lettern auf einem geteerten Weg dem Fluss Aare entlang. Da, wo man von der breiten Eisenbahnbrücke bis hinunter auf den Fluss, den Weg und das Freibad sieht. Da, wo an Sommersonntagen Hunderte barfuss über den heissen Belag flussaufwärts watscheln, um dann wieder hinunter zu schwimmen. Und gleich im Anschluss an die im gemütlichen Gehschritt zwanzig Sekunden lange Botschaft ist noch breiter, aber in dezidiert anderer Schrift gepinselt worden: UND DIE TUSSEN HINTERHER! Das alles stand jedenfalls lange Zeit selbst aus der Ferne gut lesbar da.
Herr Tobler weiss, dass es sich hier um eine Ausdrucksweise feministischer Denkart handeln muss. Macker – das sind schlimmstenfalls alle, und besserenfalls bloss die machohaften Männer. Aber letztlich können ja eigentlich doch alle Männer zu den machohaften gezählt werden. Solche Gedanken faszinieren Herrn Tobler. Und die Versenkung des Bösen im Fluss; diese ehrliche und blinde Radikalität, die aus alten Zeiten stammt, in denen es noch Eindeutigkeit zu geben schien, sie erwärmt seinen Bauch immer wieder.
Die Zuordnung des hinzugefügten Männerspruches jedoch fiel ihm immer schwer; nie hat er dieses Problem lösen können. Fast alles ist möglich – vom dialektisch denkenden und auch agierenden, ebenfalls feministischen Aktivisten, der die Selbstaufgabe der Frauen in körperästhetischen Oberflächlichkeitsfragen anprangert, bis zum enervierten Gelegenheitshiphopper, der sich in seiner zugelegten Ehre verletzt fühlte. Jedenfalls wirkt der Zusatz ungemein entlastend, ironisch und ausgleichend. Und die Diskussion kommt durch ihn, wie auch immer er ursprünglich gemeint war, erst recht in Fahrt, meint Herr Tobler.
Wenn eine Stadt noch so dörflich ist, dass es etwas gibt, das schlechthin alle tun müssen, dann, so dachte Herr Tobler nach seinem Zuzug, müsse er es auch tun, besonders wenn es eben doch freiwillig sei und man dadurch seine ganz besonders starke Zugehörigkeit beweisen könne. Sofort hatte er damals Gefallen an sommerlichen Bädern im kühlen Fluss gefunden, und jedes Mal, wenn seine Füsse die glitschigen Buchstabenstriche auf dem Weg überschritten, freute er sich über diese Denkanregung inmitten des vergessenden Vergnügens. Auch wenn er mit dem Zug gen Osten die Stadt verliess, empfand er ob dieser Erdreistung, ausserhalb der grossen Werbeplakate eine so grosse Fläche öffentlichen Raums derart geschickt für eine Mitteilung zu instrumentalisieren, leise Genugtuung und Anerkennung.
Wenn er inmitten der Leute, die vor, neben und hinter ihm schritten, den Weg hinaufging und verstohlen mal da, mal dort die Beine, den Rücken, den Gang einer Frau beobachtete, fühlte er sich als armer Macker, der nichts Besseres als das Ertrinken verdient hat. Und er wünschte den Frauen auch zuweilen, dass nichts anderes sie erwarte. Und so kam er manchmal mit sich ins stille Streitgespräch und heizte sich auf, weil die weiss gemalten Sprüche auf diesem Weg doch nicht zu vergessen waren. Erst im Wasser konnte er sich dann wieder beruhigen und seine Gedanken weglenken. Er war dankbar für die Sprüche, sie weckten ihn immer wieder.
Seit ein paar Monaten allerdings würde Herr Tobler, spräche ihn jemand darauf an, bei der Thematik der Wegbemalung sehr verärgert reagieren. Ohne dass er jemals bemerkt hätte, dass jemand anderes sich auch darüber ergeistert oder es zumindest wahrnimmt, hat die Bauverwaltung seiner Stadt dieses Kunstwerk nicht als solches erkannt. Sie hat es im Zuge der mit graugrüner Farbe durchgeführten Wiederherstellungsaktion für Betonflussmauern mitsamt allen sonstigen, ordinären Graffiti dem Teerboden gleichgemacht. Herr Tobler sieht wohl dem Grundsatz nach ein, dass der öffentliche Raum nicht unbegrenzt mit Mitteilungen verseucht werden darf; besonders nicht mit solchen, die niemand kommerziellen Vorteil bieten. Doch hier glaubt er an einen Kardinalfehler.
Herr Tobler fühlte sich traurig heute, als er im Zugbistro wieder über die Brücke fuhr, hinter einem schwitzenden Mann auf seine Teebestellung bei der deutschen Kellnerin und auf den Kassenbon wartete und nur noch mit Unterstützung seiner Erinnerung die Sprüche in den eintönig grauen Flecken auf dem Weg unten erkennen konnte. Er überlegte sich, ob er brieflich bei der Stadt intervenieren sollte. Der Stadtpräsident immerhin wäre der Letzte, der sich Kulturnähe absprechen lassen möchte. Und überdies war der auch schon einmal der Chef der Bau- und Antisprayabteilung. Zugleich aber dachte Herr Tobler, dass vielleicht die ignorante Beendigung des Kunstwerkes dessen einzigartigen Charakter erst recht veredelte und besiegelte.
moccalover - 4. Nov, 22:11
haben wir’s so schlecht, weil wir uns fast nie sehen – oder haben wir’s so gut, weil wir so weit voneinander sind?
moccalover - 4. Nov, 22:04
Hatte moccalover vergessen, oder hatte er noch gar nie bemerkt, wie laut ein verdorrtes Blatt klingen kann, das in der Stille dem Stamm entlang zu Boden fällt und gegen Äste prallt? Hatte er wirklich gemeint, keinen Stich im Magen mehr zu spüren, wenn er im klaren Himmel eine Sternschnuppe bis zum Horizont hinunterziehen sieht? Hatte er gedacht, dass der grosse Berg ihm zuzwinkern würde, nur weil er zu seinem vereisten Fusse gekrochen war? War er sich nicht mehr bewusst gewesen, wie warm trockene Lärchennadeln riechen, die aus dem Haar aufs Kopfkissen gefallen sind?
Welche war die wahre Welt – die im glasklaren oder die im dunstigen Licht? Die beiden Welten waren sich beide in den Formen sehr ähnlich, doch überhaupt nicht so in den Gefühlen, die sie in ihm erweckten. Er war sich sicher, dass nur eine die richtige, und die andere bloss eine verfälschte Abbildung sein konnte, doch er vermochte nicht zu entscheiden.
Das Holz roch nach süssem Harz mit Himbeere und manchmal Ananas, wenn er es gerade gespalten hatte und an den freigelegten Fasern roch. Seine Hände schonte er nicht; er ergriff die Scheiter und warf sie sich durch die Luft zu, als trüge er Handschuhe, und bald trugen die Hände viele Holzsplitter und kleine Schrammen in sich. Erst nach und nach drang wieder in sein Bewusstsein, wie wichtig seine Hände ihm, wie verletzlich sie waren. Am Abend im Bett, nachdem er mit ihnen auch im heissen Ofen herumgestochert hatte, bis alle schwarzen Härchen verbrannt waren, glühten die Hände. Und sie flüsterten in sein Einschlafen. Wir wussten gar nicht mehr, wie das ist, und nun schmerzt uns auch alles ein wenig; aber danke dafür, dass du uns gebraucht hast. Brauche uns wieder.
Und am nächsten Morgen hatte er alles wieder vergessen. Oder er erinnerte sich noch nicht daran, als er sein T-Shirt in gewohnter Hast über den Kopf zog und den linken Handrücken gegen den messerscharfen Glaslampenschirm schlug. Es klang bloss dumpf und schmerzte nicht besonders, und so war er beim Anblick seiner Hand umso erstaunter. Er musste genau das gefühlt haben, was er gefühlt hätte, wenn er gerade seine Lieblingstasse zerschlagen und dabei trocken gedacht hätte: kaputt. Er begriff noch nicht, doch beim Nähen wurde ihm dann doch recht übel. Weil seine Sinne nicht mehr übereinstimmten. Weil er dank der Wundanästhesie zwar nichts mehr spürte, der Arzt in seinem Blickfeld jedoch grausame Arbeit an seinem eigenen Körper verrichtete.
Und so schlug er sich in Kürze halb tippunfähig, und er dachte sich, dass das eine gute Ausrede dafür sei, dass er schon seit Wochen auf der Suche nach seinem Kopf war.
moccalover - 4. Nov, 22:01
Ungeachtet von allem, was je Böses und Liebes geschrieben werden wird: Es ist auf dem Dorf und nicht in der Stadt, wo man am wenigsten auf jemand gewartet hat. Denn nur in der Stadt ist es zumindest gleichgültig, was ich tue.
moccalover - 24. Okt, 23:26
Wenn die Züge hier durchholpern, dann zittert mein Stuhl manchmal. So bleibe ich im Rhythmus der Welt.
moccalover - 23. Okt, 22:50
Ich schrieb' ja gern hier wieder einmal, doch
das da, das hindert mich grad daran; absorbiert mich. Bald ist die Produktion überstanden.
Es ist nicht einfach, Vorgaben nachzuleben. Versuchen Sie, lieber Besucher, liebe Besucherin, nur einmal, eine
Fabel zu erfinden. Oder etwas Fabelhaftes zu beschreiben. Mir jedenfalls fällt's schwer.
moccalover - 23. Okt, 22:21
Der Junge schmeisst seine Zigarette in bedächtig inszeniertem Schwung zu Boden, die Zigarette landet knapp vor den Füssen eines vorbeieilenden Manns in schwarzem Anzug; der Mann im schwarzen Anzug hastet weiter, flucht durch die Zähne und herrscht einen Bettler an, sich wegzuscheren; der Bettler schreckt zurück und duckt sich, gibt seinem Hund einen Tritt und setzt sich wieder auf sein Kissen unter dem Schaufenster; der Hund tapst winselnd davon und über die Strasse, wo er sich vor einem kleinen Mädchen aufstellt, den Kopf vorstreckt und laut bellt; das Mädchen zuckt zusammen, läuft zum Pausenplatz und verrät seine Freundin beim Klassenlehrer; der Lehrer geht hoch ins Lehrerzimmer und schreibt eine wüste SMS an seine Exfrau; die Exfrau liest die Nachricht nur zur Hälfte, schmeisst das Telefon auf den Glastisch und schenkt sich Brandy nach. „Jeder sitzt in seiner eigenen Scheisse“, sagt sie zur Katze auf ihrem Schoss.
moccalover - 19. Okt, 23:21
„Du, sag mal, warum ist das mit dir und Melanie nichts geworden?“ Max und Gerd sassen schon lange am Küchentisch, und der Gusseisentopf vom Risotto stand noch immer da. Man konnte schon erkennen, wie der sämige Saft auf der Oberfläche der Reisreste im Topf eine gelbe Kruste bildete. Der Verkehrslärm war unbemerkt verschwunden, wie lange davor jedes Tageslicht. Wein-, Wasser- und Whiskygläser standen herum, und Max schenkte sich zwei Daumen dick vom Schottischen nach, sobald er sich vom ersten Schrecken erholt hatte. Er tunkte den rechten Zeigefinger ein paar Mal ins Wasser und tropfte ihn über dem Schnaps wieder ab. Er konzentrierte sich sichtlich und schaute Gerd nicht an. Endlich blickte er auf.
Max nahm einen tiefen Schluck und kniff dabei seine Augen zusammen. „Es war alles wunderbar. Sie war in meinem Wahlworkshop, da hat es ja auch Juristen. Und eben Juristinnen. Wir hatten uns früher einmal auf einer grossen Examensparty kennengelernt, danach aber haben wir einander nicht mehr getroffen. Vom ersten Tag an war sie viel in meiner Nähe, das genoss ich wie ein gestreichelter Kater; schon bald gingen wir im Freundeskreis zusammen aus. So dauerte es vor sich hin, bis nach drei Monaten der Workshop zuende sein sollte. Wir waren natürlich beide in Sorge darüber, was kommen würde, wenn die natürliche Zusammenkunft jeden Morgen an der Uni als Wurzel unseres Kontaktes wegfallen würde. Sie beschloss offenbar, unser Beziehungsfragment, das noch nie selbständig, ohne äusseren Anlass bestanden hatte, zu zementieren. Ein paar Tage nach dem letzten Kurs lud sie mich an einem Samstagabend zu sich ein, hatte Kerzen aufgestellt und meisterhaft gekocht. Die Wohnung war aufgeräumt, duftete fein und war voller Kleinigkeiten, die ihren Geschmack abbildeten. Wir assen die vier Gänge und sprachen über den Kurs. Nach dem Kaffee tranken wir die zweite Flasche Wein, und danach musste ich zur Toilette. Ich blickte in den Spiegel und bemerkte beim Anblick meiner verschobenen Augen sogleich, dass ich viel betrunkener war, als ich gedacht hätte. Ich wusch meine Hände und trat in den Korridor, zog meine Schuhe an und verabschiedete mich unter dem Vorwand, rasch kontrollieren zu gehen, ob mein Fahrrad gehörig abgeschlossen sei. Ich konnte nicht, es ging nicht. Ich fuhr davon und noch lange umher; Stunden später kam ich zuhause an. Ich habe ihr nie geantwortet, und sie hat es dann auch aufgegeben.“
Gerd lehnte sich noch weiter zurück und atmete lange ein. Dabei hob er seinen Kopf und blickte Max mit beinahe geschlossenen Augen ungläubig an. „Ich glaube dir kein Wort, mein Lieber; du schenkst dir Whisky für Whisky nach und plapperst in höchst geschmückten Details, als hättest du Wahrheitsserum gefressen. Aber eigentlich willst du mich verarschen, du bist doch nicht wegen dem Wein von da abgehauen? Ich kenne dich, du bist kein Gentleman, du verkaufst dich nur immer so.“ – „Das hab ich auch nicht behauptet. Aber ich hatte Angst, und mit dem Quantum Wein konnte ich mich nicht mehr kontrollieren. Ich flüchtete rein präventiv.“
Max drückte seine Zigarette aus und griff gleich wieder zum Tabakbeutel. Gerd sah durch den feinen Hemdstoff hindurch, dass Max’ ganzer Oberkörper fein zitterte, als er den Tabak ins gummierte Blättchen krümelte. „Ich sagte dir ja – ich lernte Melanie eigentlich auf dieser Party kennen. Die war in einer Landvilla am Bielersee, die Hausherren waren derweil in ihrer Landvilla in Andalusien, und vielleicht ging darum alles so wild. Alle tranken dauernd, und bald waren wir sehr ausgelassen. Ich wurde auch mehrmals in den Pool geschmissen, aber das machte mir nichts. Jeder sprach nun mit jedem, alle tanzten, und dass wir immerzu lachten, fiel uns gar nicht mehr auf. In solchen Nächten kann ich mich nie entscheiden, aufzuhören. Irgendeinmal sass ich neben Melanie am Pool. Melanie, die mir zuvor beim Tanzen ins Ohr geschrieen hatte, dass sie Melanie heisse und ich mich süss bewege. Niemand sonst war da, und wir teilten uns eine Flasche Wein. Ich hörte, wie wir beide mit schweren Zungen lallten. Sie war sehr zutraulich geworden und blickte immer wieder lange mit verklärtem Blick von unten in mein Gesicht. Damals war ich mit Fabienne zusammen, und darum verhielt ich mich trotz allem ein wenig steif. Ich wollte sie aber nicht abweisen, weil ihre Nähe mir gefiel. ‚Wie gehst du morgen nachhause?’ – ‚Ich denke, ich werde den ersten Zug nehmen.’ – ‚Wollen wir zusammen in die Stadt fahren… ich meine, wir könnten doch noch was machen zusammen … so sexuell oder so.’ Ich versuchte ihr beizubringen, dass das nicht gehe; aber sie wollte mit Hinweis auf ihren eigenen Freund lange nicht akzeptieren, dass da etwas problematisch sein solle. Schliesslich war es gleichgültig, da wir beide zu müde waren. Ihre Hand war in der Zwischenzeit auf meinem Oberschenkel immer weiter nach oben und innen gerückt, und dann tauschten wir ein paar unbeholfene Küsse aus. ‚Gehen wir schlafen?’, fragte sie nach einem Moment und wir gingen nach oben. Im Kinderzimmer war noch eine Matratze frei. Melanie legte sich hin und fiel augenblicklich in einen tiefen Schlaf. Ich legte mich neben sie und bedeckte uns beide mit einem offenen Schlafsack. Doch ich konnte nicht schlafen; längst wäre ich bereit gewesen, meine Vorsätze fallen zu lassen. So kuschelte ich mich an sie und legte meine Beine über ihre. Ihr Körper gab leicht und geschmeidig nach, doch sie schlief unbeirrt weiter.“
„Ja und?“ fragte Gerd, denn Max schwieg auf einmal wieder und starrte traurig auf sein Glas. „Nun bin ich bald so betrunken wie damals, da spielt es ja keine Rolle mehr… Ich spürte nur noch den Augenblick, mir war egal, was ausserhalb von diesem noch gewesen sein oder werden könnte. Ich streichelte sie zuerst vorsichtig, dann immer fester und bald überall; ich habe ihre Brüste, ihre Beine und ihre Unterhose gestreichelt und mich dabei an sie geschmiegt. Das ging lange so, und manchmal seufzte sie sanft und drehte sich ein wenig. Ich habe immer wieder versucht, sie zu küssen, doch sie ist nicht aufgewacht. Am nächsten Morgen sprachen wir nicht mehr viel zusammen, ich mied ihre Nähe und war elektrisiert. Ich war nicht nur schrecklich verkatert und übernächtigt, ich wurde mir langsam bewusst, was ich getrieben hatte. Und ich war sogleich überzeugt, dass sie es doch bemerkt und empört weitererzählt hatte. Wir wurden auf demselben Rücksitz nachhause gefahren und haben kein einziges Wort ausgetauscht. Ich fühlte mich dreckig und klein, stinkend und eklig. Am Schluss küssten wir uns zweimal auf die Wangen, als sie ausstieg, wünschten uns eine gute Zeit. Immer wieder erwartete ich in den nächsten Tagen, dass diskrete Polizisten mich von der Arbeit zur ersten Einvernahme abholen würden. Von Anfang an hatte ich daran gedacht, diese Schuldgefühle, die Angst und die Scham vor mir selber durch eine Beichte bei ihr zu lindern. Aber weil ich mir nicht sicher war, ob sie vielleicht doch gar nichts wusste, war ich zu feige und hoffte bloss, dass nichts passieren würde. Das Verdrängen ging von Tag zu Tag besser. Ich wartete ab, und nichts passierte. Bis wir uns im Workshop trafen. Ich hätte im ersten Moment schon weglaufen müssen.“
moccalover - 19. Okt, 23:19
Und plötzlich merkte ich: Die Frau, die mir die ganze Fahrt gegenüber sass, währenddem ich die Zeitung las, hätte dreimal aussteigen können; und jedes Mal hätte wieder eine andere einsteigen und sich mir gegenüber setzen können. Ich hätte es nicht bemerkt. Jedes Mal hätte sie gleich ausgesehen, sie wäre der vorherigen so ähnlich gewesen, dass mir nichts aufgefallen wäre. Obwohl keine dasselbe Leben führen würde. Blonde, lange Haare mit schwarzer Sonnenbrille darin eingesteckt, ein plattgemaltes Gesicht, etwas Enges, Weisses unter dem schwarzen Veston und ein rosa Schal, der die sich abzeichnende Brust diskret verhüllte. Was sagt das schon.
moccalover - 18. Okt, 00:26
Es geht doch. Es ist sanft und süss, und du leckst dir den Zucker von den Lippen. Weiter, nur weiter da entlang. Und doch schreit da etwas: du machst einen Fehler. Der Käfig, dem du nun entsteigst, den betratest du doch, um solche Fehler zu vermeiden?
moccalover - 16. Okt, 21:41
‚Tue nid z’wüescht’ – Treib’s nicht zu wüst, so hatte sie ihre SMS an ihn abgeschlossen, und er erschrak ein wenig; er wunderte sich über diese für ihn geschmacklose Formulierung einer Anspielung ohne Zusammenhang. Bis er sich entsann, dass es sich dabei um eine durchaus respektvolle und freundlich gemeinte Zuruffloskel wie ‚Mach’s gut’ handelte, die im ländlichen Sprachgebrauch unter vertrauten jungen Menschen sehr gebräuchlich war. Also waren sie vertraut.
moccalover - 16. Okt, 21:04
Manche wagen sich noch im T-Shirt auf die Strasse. Manche haben sich schon in warme Tücher gehüllt. Die Strassenplätze der Restaurants sind gut besetzt. Niemand weiss, ob das der letzte warme Abend sein wird. Oranges Sonnenlicht schiesst waagerecht durch die Gassen und prallt auf Wände, Fensterglas und Werbeschilder. Ich war im Photogeschäft, im Tabak- und im Plattenladen. Habe fünf Filme und meine Adresse hinterlassen, habe beteuert, dass ich die schwarzumrandeten Aufschriften nicht mehr wahrnehme, habe ein paar Megabytes warmer Klänge gekauft. Nun schlecke ich Reste aus Satz und kaffeegetränktem Zucker vom Löffel.
Ich sitze nicht alleine am Tisch, er war vor mir schon besetzt. Die Frau ist aufgebracht, lacht aber viel und gequält, um das zu verbergen. Seine Stimme verstehe ich nicht, sie ist tief und geht im Verkehrslärm auf. Sie erzählt von einem, der nicht da ist, der vielleicht nicht mehr da sein wird für sie. Der war zusammengezuckt und hatte schwer traurig, schwer beleidigt betont, dass sie genau wisse, dass er sich in keine Ecke drängen lasse. Dabei hatte sie bloss wissen wollen, was sie denn hätten; ob vielleicht eine Affäre, und was er unter sowas genau verstehe. Das war fällig, und zumutbar, schliesslich sind sie beide bald vierzig, und das läuft nun seit zwei Jahren schon in der Weise. Überhaupt kann sie sein Verdrängen nicht mehr ertragen, fast jeden Abend haut er sich den Kopf weg.
Ich folge noch ein wenig; es kostet die Frau viel Kraft, sich von ihm abzuschichten. Sie versucht es, indem sie vorgibt, längst schon so weit zu sein. Dann verliere ich mich wieder, weil mich das geheimnisvoll abendbeleuchtete Menschengewühl fesselt, das sich in rhythmischer Periodik unter der Ampel versammelt und über die Strasse fliesst. Ich sitze verdattert in dieser Überfülle von Beziehungen, Bewegungen, Lauten, Farben und Zeichen, und für mich selber werde ich hierin eine Weile lang ein einziger körperloser Punkt.
moccalover - 11. Okt, 22:29
moccalover - 11. Okt, 00:33
Ich habe meinen Kopf in den Fahrtwind gesteckt, ich habe meinen Kopf nach dem Himmel gestreckt. Ich habe ihn aufs eiskalte Kissen gelegt, und ich habe ihn von ganz nah in die Glut blasen und sich aufheizen lassen. Ich habe meinen Kopf im Rauschen verloren, und ich habe meinen Kopf an Baumrinde geschmiegt.
Meine Hände habe ich auf Stöcken über Wurzeln geführt, habe sie den kalten Stein spüren lassen. Ich habe sie mit Harz verklebt und mit Erde ausgetrocknet, an rauen Felsen geschunden und im Reif gewaschen. Sie haben nach Käserinde und Trockenfleisch gerochen, und sie haben sich schützend um die Kerzenflamme gelegt, bis die Finger von Wachs umhüllt waren. Meine Hände haben Holz getragen und Scheite gehauen. Meine Hände haben geschlagen und gewütet, bis dass der Kopf sie bemerkte.
Meine Augen haben müde Grillen und Ameisen gesehen, die Kraft in der Herbstsonne suchten. Meine Augen haben stundenlang Bruder Rauch nachgestellt, um zu erhaschen, wie er sich in Schwester Flamme verwandle und mich das Feuer etwas mehr wärme. Zwischen all den leuchtenden Blättern haben meine Augen unentwegt herumgetanzt, sie haben alle Formen abgetastet, die es in der klaren Ferne zu sehen gab.
Mein Herz war mit den Gräsern, die nun gehen, und mit den Büschen, die im nächsten Frühling noch viel prächtiger ausschlagen werden. Ich habe gespürt, wie die Kälte vom Kreuz aus zum Nacken aufstieg, als die Sonne schon längst verschwunden war. Dieser Rest von warmem, duftendem Sommer, der über Mittag jeweils kurz einzog und mehr leuchtete, als ein Sommertag das je gekonnt hätte – dieses Farbfeuerspiel, es war bloss ein süsses Trugbild, das mich einmal mehr berauschte. So wird es mich auch heuer über die Rückkehr der allgegenwärtigen Kälte hinwegtäuschen.
Und ich habe auf der Heimfahrt meinem Kopf ein paar Tränen abgedrückt.
moccalover - 9. Okt, 22:36
Max haute die Nummer in die zarten Silikontasten, als sollte das die letzte Wahl dieses Geräts gewesen sein. „Geht es dir gut? - Na, das ist ja fabelhaft, mir geht es nämlich gar nicht gut! Was fällt dir bloss ein? Du bist das Letzte, das Niederträchtigste auf Erden. Ich weiss alles, ich hab’s gesehen. Du, du wolltest doch nie was von Computern hören, und jetzt hast du mich auf diese Internetseite gesetzt. Geht bloss nicht mit dem aus, lasst euch nur nicht auf den ein, sagst du da, und tausend andere frustrierte Weiber sagen das da auch. Schön. Danke, dass du an mich denkst. Ich sei beziehungsunfähig, jaja, und ich führte ein Doppelleben, mhm, ich könne Fehler nicht einsehen. Sehr schön, alles wunderbar, du Engelchen; sonne dich weiter in rosafarbenen Pixelwelten voller Selbstgerechtigkeit. Dass niemand fähig sein kann, eine Beziehung mit dir zu führen, das hast du nicht erwähnt. Dass du immer nur dastehst und von deinem Typen Leistung verlangst, das hast du wohl vergessen. Und dass du immer nur dann da warst, wenn’s dir darum war, das ist ja ohnehin ganz irrelevant. Ich fasse es nicht! Du schiebst das jetzt alles auf mich, sehr bequem. Die Dienstleistung des Herren hat Sie nicht befriedigt? Der Herr ist an Ihren berechtigten Erwartungen gescheitert? Rufen Sie uns einfach an bei der Konsumentinnenhilfe, wir erklären Ihnen gern Ihre Rechte und sorgen für die Durchsetzung all Ihrer Rachegelüste. Leck mich, das ist so billig, das hätte ich dir nie zugetraut, dass du mich so dreckig hinstellst, als wärst du blütenrein! Du hast dich gar nie für mich interessiert, du wolltest doch nur einen Schosshund, der nach aussen den einsamen Kampfwolf gibt. Wie hätte ich deine Gefühle verraten können, wenn du meine gar nie sehen wolltest? Nimm das sofort vom Netz und entschuldige dich öffentlich. Und zwar in der Bild, mindestens!“ – „Mein Lieber, immerhin bist du einer der ersten Europäer auf dieser Site! Im Übrigen: Mit dieser Tirade hast du mir den letztgültigen, wenngleich nach allem bereits Geschehenen überflüssigen, Beweis für all das geliefert, was in deinem Profil auf dieser Seite vermerkt ist.“ Max drückte nicht einmal die Aufhängetaste, bevor er das Kabellose mit einem lauten Schrei an die Wand schmiss.
moccalover - 9. Okt, 22:25
Arnold hat mir einmal erzählt, dass ein Hund immer wieder ins hohe Gras entfloh und dieses niederdrückte. Der Hund gehörte einem Belgier, der im kleinen Häuschen unter der Strasse in den Ferien war. Im Winter ist hier nichts so wichtig wie vorrätiges Heu, und Arnold ist hier trotz aller Touristen der Chef. Er habe zum Gewehr gegriffen, sei zu der Wiese hin und habe den Hund beim Scheissen erschossen. Der Belgier sei nie wiedergekommen. Arnold schmunzelt.
Arnold hat mir auch schon Wein und Käse geschenkt. Wenn er plötzlich in der Stube steht, war er immer schon da, und er blinzelt einem zu. Mit Arnold kann man nicht über die Grenzen von Grundstücken sprechen. Arnold verkauft ab und an wieder ein Stück Weideland, das ist seine Vorsorge. Manchmal muss ich von seinen Zigaretten rauchen, weil sein Angebot in Wahrheit nicht die Zigaretten betrifft. Meist sprechen wir übers Wetter; in seinem Rückblick war es immer zu schlecht. Ich versichere ihm dafür immer, dass mir jedes Wetter recht sei, solange ich hier sein könne.
Und letzthin nahm er mich wieder zur Seite, schüttelte das papierene Zigarettenpaket in seiner Hand, bis ein Filter hinausragte, und streckte den Arm zu mir: „Hör zu, sei leise. Der Wirt vom Hotel da drüben, der hat am letzten Dienstag meine Frau bedroht. Ich war unten in der Stadt, hatte noch zu erledigen, und ich habe sie hier oben gelassen. Er ist sturzbetrunken auf dem Parkplatz in ihr Auto gefahren, dann ist er zu unserem Haus hochgestürmt, hat gegen die Türe geschlagen und getreten und sie eine Hure geschimpft. Immer wieder. Meine Frau, du weisst ja, sie ist depressiv und isst zu viel, wegen unserem Jungen, du weisst ja, sie hat sich im Klo eingeschlossen, sie war nur noch ein Bündel Elend. Er werde Sprengstoff holen, wolle die ganze Hütte in die Luft jagen. Natürlich habe ich die Polizei gerufen, und die sind gekommen, und sie waren ungefähr eine Stunde lang bei ihm da drüben. Sag mir, dass ich recht tat, indem ich ihn anzeigte, sag doch?“
moccalover - 9. Okt, 22:25
Das ist doch ein Witz, dieses Gegeneinander, wir Menschen lassen uns gegeneinander ausspielen wie die Oberblöden. Man müsste einfach eine Weltregierung einrichten und diese Halunken in die Schranken weisen, die ihre Leute verarschen, mit Waffen handeln, keine Steuern zahlen, mit viel Geld um den Globus jagen, nie lange bleiben und doch alle Ratten fangen, sagte der Mann zu mir, der mit mir an der Theke vom Bahnhofsbuffet sass und sein Bier in kleinen, hastigen Schlücken trank.
moccalover - 9. Okt, 22:24
Ich gehe nun kurz weg, vielleicht Geschichten sammeln, breite meine Finger aus im Wind und versuche sie dem Leben abzufangen. Muss schweigen und mit mir selber sprechen; den Wolken nachblicken und übers Wetter werweissen. Und einen Sack voller Steine, Moos und harziger Äste will ich heimtragen, die Kraft und den Duft der Berge zu mir nehmen.
moccalover - 6. Okt, 01:05
unbeding
reinschauen; [liebe Deutsche und Österreicher: für schweizerische Verhältnisse eine Revolution]. Besonders gut ist
WOW-TV jeweils am Schluss der Sendungen. Im Archiv hat's noch mehr.
moccalover - 4. Okt, 02:32
Könnte ich jetzt an der Nordsee stehen, so ginge ich auf in der Weite der Strände. Jedes Haar, jedes einzelne Atom an mir würde gezogen, könnte sich bald nicht mehr halten und entrisse sich all seiner Bindungen, entflöge den Molekülen und verschwände durch den feuchten, nach Schlick riechenden Wind in die Richtung der Unendlichkeit. Die Weite des Himmels, die mich in sich aufnähme, würde hell schimmern. Ich stände da auf dem Sand und sähe mich in ihm zergehen, empfände nichts dabei; ausser die Gelassenheit der Dünen, die sich ewig umschichten und davontragen lassen. Endlich.
moccalover - 4. Okt, 00:14
Der Intercityexpress ist mehrmals täglich zu Gast auf schweizerischen Schienen; und jedes Mal ärgern sich die Kellner des Bordbistros über die fremde Währung, die nicht in der Kasse, sondern im speziellen Geldbeutel lagert, und die sie hier umständlicherweise benützen müssen. Heute scheint es noch mehr Ärger zu geben, der Raum ist ausser mir nur noch erfüllt mit Anhängern eines Fussballvereins aus der Provinz, der im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit neuerdings an den edelsten europäischen Adressen antritt. Es ist die Zeit, in der alle Fussballmatches zu Ende sind, und in der noch eins getrunken wird, weil eines noch immer genommen ward. Trotz allem kaufe ich mir eine Flasche mit Bier und setze mich nach höflichem Fragen an einen besetzten Tisch. Die jungen Männer singen, rufen einander zu und telefonieren ebenso laut; die Trikotträger ihrer Embleme haben heute hoch verloren, doch das scheint niemand zu verdriessen. Immer wieder ergreift einer grundlos die Initiative, schreit dreimal rhythmisch wiederholt eine Anfangssilbe, und ganz gleichgültig, woran sie gerade sind, stimmen alle anderen in den Chor dieser eingeübten Gesänge von Identifikation und Abgrenzung mit ein. Der Kellner wird verspottet und verhöhnt, weil er sich gegen die mitgebrachten Bierdosen aussprach und sich weigerte, die Getränke am Platz zu servieren. Eine in ganz in Denimstoff gekleidete, elegante Frau mit langen Beinen und müdem Gesicht, die von der ersten Klasse her in den Raum gekommen ist, steht an einem der hohen Tische, raucht eine Zigarette und erzählt einem der Fans, wie sie in Mannheim eine schreckliche Stunde lang stecken geblieben ist. Er dafür erklärt ihr, wie seine Mannschaft, ohne die Meisterschaft gewonnen zu haben, nun in der Champions League spiele. Dazu trinken sie das zweite Fläschchen Weissen, den sie vereinbarungsgemäss gemeinsam bezahlen werden. Ich bewundere die dicke Haut dieser Frau, lese noch ein wenig in meiner riesigen Wochenzeitung und diskutiere mit dem Mann neben mir über die Verschlossenheit und Treue der Bergbevölkerung. Meine Mutter hat keine Katzen mehr, dafür nun ein Igelasyl, wo sie diese kleinen Kerle aufpäppelt, bis sie überwintern können. Nichts erzeugte mehr Sehnsucht nach Streicheln als ein Igel. Der Trainingsanzug eines neu eingetretenen Gastes erregt sogleich alle Aufmerksamkeit, er repräsentiert den Club von Anderlecht. Man fragt den Mann, ob er denn da spiele, doch der erwidert, nachdem die Sprache festgelegt wurde, auf Englisch, dass Fussball nur sein Hobby sei und er aus Korea stamme. Er ist sichtlich irritiert ob all des fremden Betriebes; und ich weiss nicht, ob er im Weggehen noch hört, wie der telefonierende Fan jauchzt, er habe mit einem Koreaner gesprochen. Ich fühle mich wohl, an dieser Kreuzung aller Leben. So trägt mich der Lärm und die Bewegung, bis wir einfahren im Bahnhof und die Lautsprecherstimme die Gemeinschaft säuselnd, und doch gewaltsam, aufhebt. Man klopft dem Kellner auf die Schultern, und dieser klopft erleichtert lachend zurück; er hat nun alles überstanden und ja doch viel verkauft. Die Frau verabschiedet sich unverbindlich. Und ich höre mich noch antworten, als ich gefragt wurde, wessen Fan ich denn sei: der Fan von niemand und von friedlichen Fans.
moccalover - 4. Okt, 00:11