Sonntag, 2. Oktober 2005

Date

Es ist nichts zu finden, dachte er; sie ist hübsch und adrett, sie ist sehr angenehm, aber doch nicht aufreizend gekleidet, sie riecht wie die Träume mit der Mutter darin, und ihre Stimme säuselt, ganz ohne zu schmieren. Ihre mit einem Pinselstrich gemalten Beine und die zarten Brüste versetzten ihn in warme Unruhe. Sie vereinte Sanftheit mit gerader Linie, Gefühl mit Disziplin. Er bestellte noch eine kleine Karaffe von dem Süditaliener und hoffte, dass sie davon müde werde. Sie erzählte ihm vom letzten Urlaub und dem Computerprogramm fürs Kundenmanagement. Sie machte viel Fitness und Kurse, daneben liebte sie das Ausgehen. Knusprige Schale mit ausgetrocknetem Inneren; dachte er, allenfalls mit Überresten von Frittieröl auf ihren trockenen, brüchigen Fasern.

***

Man kann nichts sagen, dachte sie; er kann leidenschaftsvoll zuhören und seine kräftigen Oberarme sind nicht nur Blendwerk, sie spiegeln seinen Willen. Er kennt sich überall aus, und offenbar kann er mit den Leuten sprechen. Er ist ein einziger Organismus, eine bei sich seiende Bewegung, die sich ausrichtet und dahinschreitet. Er hat Erfolg und Geld, und er scheint es nicht einmal zu merken; stetig strengt er sich noch mehr an. Er bestellt mit übertriebenem Understatement Wein, weil er ohne Wein hier nicht sitzen bleiben könnte. Sie hörte ihn von Dingen sprechen, die er organisierte, und er sprach von den Leuten, die er verblüffte und zum Lachen brachte. Er erörterte viele Probleme, zu denen er die Lösung wusste. Verführerische Glasur mit schaler Cremefüllung; dachte sie, allenfalls mit warmgewordenen, fettig glänzenden Schokostreuseln am Tellerrand dieser Einöde.

Grossvater werden

Mein ganzes Leben lang wollte ich nur Grossvater sein, und in all diesem Wunsch habe ich bis jetzt noch nicht einmal ein Kind hingekriegt.

woanders. weit weg.

Wir tanzten auf allen Festen, sangen auf allen Messen und besuchten alle Museen, doch die Welt war nicht da; immer war sie draussen geblieben. Weder durch laute Musik noch durch andächtiges Flehen liess sie sich je bitten.

Mit dem gezuckerten Rand eines Drinkglases zwischen den Lippen, auf den Stränden der Malediven, fühlten wir uns so fremdartig und entrückt, dass die Welt hinter dem himmelblauen Meer uns erst bei der Zollkontrolle wieder einfiel. Sie war nicht da gewesen.

Als wir plötzlich im Kriegsstaub standen, in dem Land, auf das alle Welt blickte und bei dessen Zucken alle Welt schrie, fühlten wir, wie weit die Welt sich von hier zurückgezogen und entfernt hatte. Der kleine, dreckige Schmutz, die Verzweiflung und das Elend, dafür interessierte die Welt sich nicht. Sie war nicht hier.

Und als wir im geschützten Viertel waren, da war es schon Nacht, und die hohen Ministerien hatten geschlossen, die Bauten schliefen und wiesen uns von sich. Die Welt war nicht hier.

Wenn wir Los Angeles und Las Vegas besuchten, fanden wir in jeder Ecke eine falsche Welt; hier hielt sie es nicht aus.

Auf den hohen Bergen, da sahen wir nichts von der Welt, ausser ihrer eigenen Geschichte. In den Wüsten konnten wir die Welt nicht finden, weil sie sich aus ihnen selbst vertrieben hatte.

Und in den Flugzeugen sahen wir hinunter auf die Meere, Flüsse und Städte; wir sahen das alles auf einmal, doch es war nicht greifbar und so künstlich wie die Fotos, die wir gesehen hatten. Zwischen Orangensaft und Unterhaltungssystem, da konnte die Welt nicht sein.

Wir besuchten die Fabriken, doch die wurden bald danach schon geschlossen; und die Welt, die das diktierte, die war weit weg.

Und wir waren an den Häfen, suchten zwischen Containern, doch die Welt, sie war schon abgeliefert worden.

Wir assen uns durch die Regale und schalteten uns durch die Kanäle; doch die Welt, die fanden wir nicht.

Wir suchten unter den Brücken und in den Abflussrinnen der Unterführungen; alles war vergeblich. Die Welt war immer woanders. Vielleicht gab es die Welt nicht.

Freitag, 30. September 2005

Fehler

dein grösster Fehler war es nicht, dass du nicht alles wusstest und nicht alles konntest. Dein grösster Fehler war es, dass du immer meintest, dein Gegenüber verstehe sich selber und seine Lage besser als du.

Mittwoch, 28. September 2005

nicht da.

Der Mensch ist nicht da, um schön zu sein.

Der Mensch ist nicht gemacht für die Rolltreppen.

Der Mensch ist nicht da, um Mayonnaise zu essen.

Der Mensch ist nicht gemacht für die Flugzeuge.

Der Mensch ist nicht da, um dagewesen zu sein.

Der Mensch ist nicht gemacht für die Neonröhren.

Der Mensch ist nicht da, um besser zu sein.

Der Mensch ist nicht gemacht für die Menschenmacht.

Der Mensch ist nicht da, um alles zu essen.

Der Mensch ist nicht gemacht für die enge Jeans.

Der Mensch ist nicht da, um sich zu vergnügen.

Der Mensch ist nicht gemacht fürs Paradies.


[als Kieselsteingeräusch hier]

nebelschwer

Alles war flach und gleich an jenem Tag; nichts hatte Bedeutung, nichts stach hervor. Jede Ritze, jede Spitze der Welt wurde betäubend eingehüllt von Nebel; und der Nebel schluckte alle Farbe. Plakate leuchteten heute vergebens, der Glanz ihrer Welt wurde verschluckt. Und die Leuchtschriften über den Häusern waren blasse Wasserfarbtupfer in grauem Löschpapier.

Herr Tobler stand auf glatten Steinkacheln, deren gelbliches Weiss von fasrigen schwarzen Fleckchen durchsetzt war. Die Wände waren genau gleich bepflastert, allein dem Boden entlang zog sich eine Reihe schwarzer Kacheln, die vorstanden. In der feuchten, kalten Luft roch Herr Tobler aggressive, kaum parfümierte Reinigungsmittel im Zweikampf mit Urin auf Stein. Seine Hose war noch geöffnet, und nur durch seine nach vorn gebeugte Körperhaltung fiel sie ihm nicht in die Kniekehlen, als er am unzerstörbar verchromten Lavabo stand und seine Hände wusch. Er nahm keine Seife, obwohl ihm danach gewesen wäre, denn da war nur ein in die Wand eingeschraubter, abgekrümmter Metallstab, an dem Reste grünlicher Hartseife hafteten – und der Gedanke an die lange Dauer, während der die Seife jetzt schon da hing und abgegriffen wurde, schreckte ihn ab. Er schloss Knöpfe und Gürtel und trocknete die Hände im Futter seiner Hosentaschen ab.

Er trat wieder hinaus auf den Parkplatz. Und der schien ihm nun unendlich, weil die Dämmerung und der Nebel seine Grenzen verhüllten. Die grossen Lampen waren soeben eingeschaltet worden und liefen sich noch warm. Bald würde der Nebel mit dem einsamen Dunkelgelb der Fernstrassenlampen gezähmt. Unangenehmer Rauch biss sich in seine Nasenhöhlen.

„Auch eine?“ fragte ihn der ältere Herr, der beim Eingang des Toilettenhäuschens stand und zur Erklärung mit seiner gelblichen, filterlosen Marylandzigarette bedeutsam in der Luft herumstrich. „Oh, das ist nett – aber nein danke, ich habe heute schon zuviel geraucht“, log Herr Tobler verlegen. „Könnten Sie mich vielleicht ein Stück weit mitnehmen? Ich muss zu einer Brücke.“ – „Ich weiss nicht … also, ich könnte Sie schon mitnehmen, doch ich bin mir nun nicht sicher, ob der Weg, den ich noch vor mir habe, überhaupt noch über eine Brücke führen wird… Zu welcher Brücke müssten Sie denn hin? Ich könnte ja auch einen kleinen Umweg fahren, wenn Ihnen damit gedient wäre.“ Herr Tobler spürte, dass er sich schon nach dreissig Sekunden Konversation nicht mehr dafürhalten würde, sich wieder zurückzuziehen; und so hoffte er, die Angelegenheit in offensiver Weise rasch erledigen zu können. - „Kommen Sie, gehen wir ein paar Schritte! Wo steht denn ihr Wagen?“ fragte der Mann. Herr Tobler deutete zur Antwort auf eine Tanne, die über viele weisse Parkfeldlinien hinweg hinter schwadigem Nebel in der Ferne stand, und dazu hob er den Kopf flüchtig an und blickte in dieselbe Richtung. Er hatte nach der langen Fahrt ein wenig gehen wollen und den Wagen daher gleich bei der Einfahrt zum Rastplatz stehen gelassen.

„Wie sind Sie eigentlich hierhergekommen … hatten Sie eine Panne, einen Unfall? Und zu welcher Brücke möchten Sie denn nun?“ Der ältere Herr ging nicht sehr schnell; es würde dauern, und Herr Tobler wollte unbedingt verhindern, dass aus schweigendem Gleichschritt Intimität entstehe. Er fürchtete sich nicht - dafür war der Alte viel zu schmächtig, doch an diesem Tag, in dem er sich selber nicht zurecht fand, brauchte er Distanz, um sich nicht gänzlich zu verlieren in dieser Gleichgültigkeit des Grauschimmers auf der Welt. „Sehen Sie“, begann der andere langsam und bedeutungsschwer. Doch dem folgte nichts mehr nach, bis sie im Wagen sassen und Herr Tobler sich festschnallte.

Er fuhr vorsichtig und so langsam, wie es auf der Autobahn noch erlaubt war. Immer wieder flackerten Lichter überholender Wagen durch die Fenster und schlugen ästelnde Schatten ins Wageninnere, die im immergleichen Bogen von vorne nach hinten jagten und bald vom roten Schein der entschwindenden Rücklichter abgelöst wurden. Herr Tobler griff zwei oder dreimal in halber Länge mit der Hand zum Radio, währenddem sie beide noch immer schwiegen, doch stets liess er davon ab. Er hörte und roch den Atem des Alten, und er spürte eine Schwere in der Luft, die neben sich nichts zuliess. „Ich werde ein wenig Musik hereinlassen, wenn es Sie nicht stört“, brummte auf einmal der Alte, ohne sein Starren auf die Fahrbahntrennstriche zu unterbrechen. „So geht es besser.“ Herr Tobler war erstarrt und konzentrierte sich auf die Lenkung. Auch er blickte nicht zur Seite; er spürte, dass er damit alles zum Einsturz brächte. Auch wenn er nicht mehr wollte, dass sie überhaupt sprachen, war er bereit, alles zuzulassen. Der Moment hatte ihn.

„Sehen Sie – ich brauche eigentlich gar keine Brücke. Ich habe vor Jahren einen Menschen getötet.“ – „Ich bin verwirrt… meinen Sie das im Ernst? Und wieso eine Brücke und nun doch keine? Wollten Sie sich da etwa hinabstürzen?“ Herr Tobler blickte stur nach vorn, verlangsamte die Fahrt, blinkte beidseits und fuhr auf den Pannenstreifen. Er liess den Wagen ausrollen und beliess seine Hände auf dem Steuerrad, nachdem der Wagen angehalten hatte. „Ich habe heute genau vor achtzehn Jahren einen Menschen erwürgt. Sie war unschuldig, ich wollte es nicht tun, doch sie liess mir keine Wahl. Und ich habe nie dafür gebüsst. Keiner kam auf die Idee, dass ich es war.“

„Ich schwieg, denn ich hatte es ja nicht gewollt. Es gab damals einen Serienmörder, und dem hat man es dann angehängt; Fall Nummer acht. Das spielte keine Rolle, er hat sieben zugegeben, und länger als lebenslänglich geht nicht. Ich habe nie gebüsst, ich habe weitergearbeitet in der Sattlerei, dann wurde ich pensioniert, und immer habe ich gewartet. Ich freute mich über das Glück, das ich hatte und das mir die Freiheit liess. Doch nun habe ich zuviel Zeit, und heute wollte ich büssen. Doch dann traf ich auf Sie, und nun bin ich mir nicht mehr ganz sicher. Lassen Sie mich hier bitte aussteigen!“ Herr Tobler regte sich nicht, sagte kein Wort und wartete, bis die Türe wieder geschlossen wurde. Langsam drückte er aufs Gaspedal. War der Mann irre? Oder wurde er, der Herr Tobler, jetzt nur wahnsinnig, weil das alles stimmte? War es ihm wirklich gleichgültig? War ihm gleichgültig, was der Alte nun tun möge? Der Nebel schluckte ihn; der Nebel schluckte alles.

Dienstag, 27. September 2005

sehen wir uns

"Sehen wir uns morgen?" - "Sehen wir uns heute, sehen wir uns jetzt? In diesem Augenblick, mit diesen unseren Augen?" - "Ich weiss nicht; über meinen Augen liegt ein Schleier, und wir schauen ja doch aneinander vorbei."

Montag, 26. September 2005

kieselsteingeräusche I

Hochzeitskarte ... hier vertont.

Sonntag, 25. September 2005

Leichtigkeit, Freizügigkeit

Fast den ganzen Nachmittag über habe ich hier auf dem wetterverwaschenen Klappstuhl gesessen und habe nach einem Waldspaziergang geruht, der nicht anstrengend war. Föhnzirren verzerrten sich im hellblauen Himmel, der in regelmässigen Abständen vom beruhigend tiefen, typisch sonntäglichen Brummen der sinkfliegenden Propellermaschinen durchdrungen wurde. Jetzt im Herbst wärmte die Sonne milde und aus halber Höhe. Es ist dies vielleicht der letzte Tag gewesen, an dem ich noch ohne Mühe schwitzen konnte.

Man sitzt hier an dunkelblauen Tischen am Waldrand, und weiter unten liegt gleich der Fluss, der vor kurzem noch bis hierher gereicht und in allem trüben Tosen seinen Schlamm auf dem Waldboden niedergelegt hat. Der Schlamm ist längst zu Sand getrocknet, den der Wind Stoss für Stoss wegträgt. Nun schiebt sich das Wasser wieder ganz geräuschlos durch die Kurven des Bettes.

Es war still hier, sehr still, trotz der kleinen Dessertgabeln, die Schokokuchenstücke zerteilten und danach wieder in den Teller gelegt wurden; trotz aller Kaffeelöffel, die beim Verrühren von Zucker und Milch gegen die Tassenwand schlugen; trotz all der Kinder, die sich spielend im Wald vergnügten und ab und an schrieen, weil sie über Wurzeln gestolpert waren. Es war trotz alledem ganz ruhig hier; die Weite des Himmels, der Wald und der Fluss verschluckten den Lärm, bevor er sich verbreitete. Die Welt spuckte dafür ein Rauschen aus, das die Geräusche von weit her, verschoben und verwässert in meine Ohren trug. Wie die Geräusche der Welt, die wir im Halbschlaf nur als fernes Hallen wahrnehmen und in unsere wirren Traumbilder einbauen. Scharf klang nicht das Gelächter der Gruppe am Nebentisch, laut waren auch die lebhaften Gespräche dort drüben nicht; allein die Schritte im Kies, das hier den Boden bedeckt, erzeugten Töne, denen noch Unmittelbarkeit anhaftete.

Schräg links, da weiter hinten, da sass ein Paar, das seinen Kaffee nicht anrührte; zu ernst schien ihr Thema. Rechts davon die zwei modernen Kinderwagen mit geländegängigen Noppenreifen und die beiden frischen Familien; ihr Gespräch beschäftigte sich mit der Organisation eines Sonntagabends, der gemeinsames Einkaufen und Nachtessen und den Genuss einer beliebten Telenovela mit den Notwendigkeiten der Kindererziehung versöhnen musste. Ein kleiner Junge stolzierte ernsthaft durch Tische und Stühle und blickte nur auf seine gerollte Waffel, in der drei Riesenkugeln Stracciatella-Eis lagen; eine Kugel ist zu Boden geflogen, als er kurz wegblickte, und sogleich ist seine ganze Glückseligkeit in einem schmerzvollen Wutschrei zerfallen.

Dass ich die Füsse auf einen der Stühle meines Tisches gelegt hatte, schien das alte Paar nicht zu stören; sie sind langsam hergekommen, haben freundlich gefragt und sich mir gegenüber hingesetzt. Seine Brillengläser waren von der Sonneneinstrahlung verdunkelt, sein weiches Hemd, dessen Knöpfe von einem Stoffband überdeckt wurden, war frisch gebügelt, und seine Gürtelschnalle glänzte. Seine rote Stirn übersäte sich mehr und mehr mit feinsten Schweisströpfchen, die er ab und zu ins Haar strich. All seine Bewegungen waren langsam und bedächtig; seine Worte waren nur ganz wenige. Sie trug ein blumiges Sommerkleid in braungelblichen Tönen, das in der Taille durch ein Gürtelchen gleichen Stoffs geschnürt wurde. Häufig, auch im Gespräch, lächelte sie mit geschlossenen Augen die Sonne an. Ihren Gehstock hatte sie vor ihre Trinkschokolade auf den Tisch gelegt; der Knauf war silbern und mit kunstvollen Gravuren verziert. Um ihren Hals herum eine Kette aus messinggefassten Bernsteinen, die auf dem braungebrannten und tief zerfurchten, wunderschönen Dekolletee lag und funkelte. Jeden zweiten Satz sprach sie französisch.

Sie hätten schon nach Mittag ferngesehen, hat sie mir später in dem Gespräch gesagt, das unserer räumlichen Nähe entsprungen war. Sie hat es gesagt, als sei das für sie ein peinliches Geständnis, es sei ja bloss der Volksabstimmung wegen gewesen, sonst hätte man das nicht getan. Ich habe mich langsam der Plakate in der ganzen Stadt erinnert, die mich bei jedem Besehen würgen und mir sagen: Ost-Zuwanderung - Nein. Als stände da: Realität und Zukunft - Nein. Ich habe wieder an den Brief mit der Stimmkarte gedacht, den ich vor Wochen schon dem Kasten übergeben habe. Heute war der Abstimmungstag, das war mir ganz entgangen. „Ig gloube, es chunnt föör“, hat sie das in einen einzigen Satz zusammengefasst, was sie aus den Mittagsnachrichten über die Abstimmung erfahren konnte; sie hat diese Dialektredewendung gebraucht, die gemeinhin in trockenem Sinne für Tiere, Pflanzen und schlimmstenfalls Menschen verwendet wird, die sich nach Unbill oder langer Krankheit wider Erwarten, aber erfreulicherweise, erholen. Ich weiss nicht, ob mich mehr erstaunt hat, dass die längst verloren geglaubte Vorlage doch noch durchkommen sollte, oder, dass den beiden Alten – genau wie mir - offenbar so viel an einem positiven Ausgang lag.

„Ja“, hat sie mit träumerischem Blick in die Ferne gesagt, „ich komme aus dem Welschland, doch jetzt möchte ich nicht mehr von hier weg. Im Fernsehen haben sie gesagt, dass die Polen gar nicht alle kommen wollen, die haben auch ein paar Fabriken. Wir brauchen die Leute für unser Land. Wissen Sie, mein Grossvater kam damals aus Gallarate bei Mailand in den Kanton Jura, der damals dem Kanton Bern gehörte. Mit der Schule sind wir häufig wieder zu diesem Krieger gewandert, dem Denkmal vom ersten Weltkrieg, das war immer eine schöne Reise. Das Denkmal wurde wegen der Separatisten dann weggeräumt, die haben es ja immer wieder zerstört, und heute geht da die Autobahn durch. Nein, als wir jung waren, gab es diese Probleme noch nicht; sicher war aber nicht alles recht, was die Berner da taten. Mein Grossvater konnte sich noch gerade rechtzeitig einbürgern lassen, sonst hätte er in den zweiten Weltkrieg gemusst; und seine Brüder, die sich da oben versteckten, durften noch jahrelang nach Kriegsende nicht zurück nach Italien, weil sie als Deserteure galten.“

Wir haben weitergeplaudert, und ich habe vernommen, dass der letzte Laden in ihrem abseitigen Stadtquartier geschlossen worden sei, und dass sie seit ihrer Hüftoperation nur noch mit Schmerzen zur Busstation gehen könne; nach acht Uhr abends fahren überhaupt keine Busse mehr, hat sie dann noch angefügt. Die Poststelle aber, ja, die sei noch offen, das immerhin; sie hätten sich übrigens bei der Arbeit auf der Hauptpost der Stadt kennengelernt, damals. Und von ihrem Balkon aus könnten sie in der Nacht sehen, wie die Flugzeuge auf dem Weg zur Landung die Waldhügel mit ihren Scheinwerfern ableuchten.

Irgendwann haben sie mich dann verlassen, und sie wollten auch nicht, dass ich ihnen nochmals ein Getränk oder ein Stück Kuchen herbringen würde. Sie haben sich für das Gespräch bedankt; mit der Entschuldigung, mich vom Lesen des Buches auf meiner Tasche abgehalten zu haben, und in der Hoffnung, mich im nächsten Frühling vielleicht wieder hier anzutreffen. Wie lange ich seitdem noch dagesessen habe, weiss ich nicht mehr. Die unerhoffte Nachricht über die Freizügigkeit hat mich an diesem Ort derart erleichtert, dass ich all meine Unrast verlor.

Aus den Zirren sind irgendeinmal Schäfchen geworden, und diese haben sich schliesslich zu Wolken verdichtet, die den Himmel verdunkeln. Die Sonne ist hinter den Bäumen verschwunden, und ich hole mir den letzten Espresso; an der Theke bei der Frau im grünen T-Shirt, deren Gesicht im Spiegel des meinen immer ein Lächeln entfaltet, das noch viel schöner und leichter ist als die ganze Leichtigkeit und Geborgenheit dieses Sonntagnachmittags es war. Fast hätte ich geglaubt, es sei gar wegen mir so froh. Doch bald schon wird das Bild von ihren leuchtenden, gewissenhaften und von einer feinen Hautfalte sorgsam umrundeten Augen in mir verblichen sein; vergeblich wird jede Suche danach dann sein. Nie, nie mehr nach Hause will ich gehen.

Samstag, 24. September 2005

das Glas kippt

„Ach, es ist ja nur Wasser“. Das Glas war gekippt und mit dumpfem Klang auf das dicke, mit Spiegelpailleten bestickte Tischtuch gefallen. Die Flüssigkeit war auf das Tuch geschwappt und hinunter auf den Teppich gespritzt. Der Junge hatte ängstlich erstarrt auf die Folgen seiner Unachtsamkeit geblickt. „Es ist nur Wasser“, sagte die Mutter.

letzte Fragen leicht gemacht

Es gibt nichts Trennenderes zwischen dem Glauben und dem Extremismus aka Fundamentalismus etc. als der Umgang mit dem Glauben; Extremismus erklärt Glauben zu universell gültiger Gewissheit, die letztzwingende Handlungsanweisungen enthält. Der Glaube allein hingegen ist erfüllt vom Zweifel und vom Hadern, vom Ringen und vom Suchen.

zwei Sonnen

Und ich fragte mich, wie es wohl wäre, wenn vis-à-vis unserer Sonne noch einmal eine solche stünde – und inmitten der beiden die Erde; was wohl wäre, wenn wir das Dunkel, das Schwarze und die Nacht nicht kennten.

versichert

In einer glänzenden und hell ausgeleuchteten Tiefgarage gleitet eine strahlend silbern polierte, moderne Familienkutsche mit drei Sitzreihen in Zeitlupe und unterlegt mit Chill-out um eine gelbschwarz als Gefahrenherd gekennzeichnete Stützsäule herum. Der Kurvenradius, den der Fahrer gewählt hat, erweist sich nach Sekunden als zu eng, so dass die bevorstehenden Folgen für die edle Seitenschiebtüre des Wagens offensichtlich sind – doch noch bevor man das Unabwendbare miterleben könnte, wird der Fernsehschirm schwarz und alsdann vom Logo einer Versicherungsunternehmung ausgefüllt, unterlegt mit einem lockeren Spruch. Wer von den Versicherungen beklagt sich über Moral Hasard?

Bundesratsworte

Es ist ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber der National Gallery in London und auch ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber der Familie Reinhard und der Stiftung Reinhard, dass ich gekommen bin.

Der schweizerische Kulturminister, Pascal Couchepin, an der Ausstellung „Manet trifft Manet“ in Winterthur.


Wir wissen alle, dass es keinen grösseren Treuebeweis gibt, als sein Leben in der Erfüllung eines Auftrages herzugeben.

Der schweizerische Justizminister, Christoph Blocher, an der Feier zum Fünfhundertjahrjubiläum der Schweizer Papstgarde in Luzern.

Freitag, 23. September 2005

Optische Rückkopplung

Ich wiege das Plastikbecken in meinen Händen, und die Entwicklerflüssigkeit wellt sich leicht im gelben Licht. Ich lege das Becken ab und beuge mich dicht über die Wasseroberfläche, sehe den Blasen zu, wie sie platzen, und warte auf die ersten Spuren, die sich schwachgrau auf dem Papier abzeichnen. Nie erhascht man genau den Moment, in dem aus dem Nichts ein Punkt aufscheint, plötzlich ahnt man einen Schatten, der, wenn man ihn bemerkt, schon wirkliche Zeichnung geworden ist. Schon wird der erste Strich sichtbar, der das glänzende Weiss besetzt und ein Schauspiel ankündigt, eine Schöpfung . Der Übergang ist so fliessend, dass er einen mehr überrascht, als wenn das Bild abrupt erschiene. Überall ziehen sich jetzt Linien; und die Formen beginnen, einander zu umranken und zu überfliessen. Immer nach ein paar Augenblicken wieder muss das Auge sich neu einfinden, die Veränderungen wahrnehmen und sie sich merken; bis am Schluss das Schauspiel langsam erstarrt und das Blatt ins Stoppbad wechselt.

Die Photographie wird sich selber abschaffen. Die Welt ist gerade dabei, die chemische Photographie in ihrer Geschichtsschublade zu versorgen; und die digitale Photographie geht erst in kleinen Schuhen. Doch schon heute haben all die Dinge Kameras, die Handys, die Memory-Sticks, die Schlüsselanhänger und Manschettenknöpfe; bald auch die i-Pods, die Klobürsten, die Winterkleider und die Sonnenbrillen. Früher oder später werden wichtige Häuser tausende Digitalkameras dazu verwenden, sich selber abzulichten und ein algorithmisches Potpourri davon auf flächendeckenden Fassadenmonitoren wiederzugeben. Bäume werden das Wachsen ihrer Blätter festhalten, und schliesslich werden sensorische Bluetooth-Kontaktlinsen jeden Blick auf Festplatte übertragen. Überall will alles festgehalten sein von dieser optischen Wirklichkeit; und wenn bald alles voller Kameras ist, photographieren lauter Kameras andere Kameras.

Donnerstag, 22. September 2005

Neuanfang

Nun wird es gut, jetzt sind nur noch wir da, und machen es besser, sagte die Mutter und drückte ein Lächeln hervor. Die Kinder schwiegen dazu, und sie schwiegen auch sonst, blickten zum Fenster. Sie empfingen die Worte, doch sie kannten deren Sinn nicht, hatten ihn nie erlebt.

Und so kamen diese ersten neuen Tage und gingen dahin, erfüllt bloss von Gleichgültigkeit. Niemand mochte sich anstrengen, niemand hatte Ideen, sich zu ändern. Niemand hätte erwogen, dass die Worte vom neuen Anfang wirklich werden könnten; vielleicht kannten sie solche Begriffe längst nur noch als grausame Zynismen. Und allen fehlte die Kraft. Die Mutter versuchte noch, Zuversicht auszustrahlen; sie wollte in den Kindern wecken, was nicht schlief, sondern tot war, oder nie geboren. Sie appellierte und malte Schönes aus, doch nach Wochen und Monaten war dies dünne Vlies plötzlichen Erstaunens, das sich besänftigend auf alle gelegt hatte, voll von aufgerissenen Löchern, durch die wieder die giftigen Dämpfe unverheilter Narben aufstiegen.

Sie hatten sich von der Betäubung der ersten neuen Augenblicke irreführen lassen und bemerkten nicht, dass sie darunter weiterlebten wie vordem. Die Ätzungen und die Verletzungen setzten in alter Schärfe wieder ein, und bald war nichts mehr anders als vorher. Im Haus war es wieder kühl, und heiss wurde es nur im Streit. Dann liess schliesslich auch die Mutter ab von ihrer Hoffnung. Es war zu spät gewesen. Und nun war es nochmals zu spät.

Dienstag, 20. September 2005

Herr Tobler erleichtert sich

Ehre sei diesem Ort, dachte Herr Tobler, währenddem das Blut als warme Gelassenheit die Adern seiner Beine hinabrieselte und sie löste, so dass er ob seiner Entspannung fast gegen die Mauer gefallen wäre. Herr Tobler muss samstags einkaufen, weil er sonst arbeitet und der Abendverkauf am Donnerstag ihn noch schlimmer dünkt. Vor allem jetzt im Winter, wenn die Strassen abends trotz aller technischen Bemühung dunkel bleiben, nie dieses Strahlen erzeugen, das ihre Steine in der kräftigen Sonne zeigen. Im Winter ist das Einkaufen nur sich selber, das Ladengeschäft die sinnstiftende Oase in der Eiswüste. Alles verspricht Wärme, alles verlockt. Herr Tobler hat sich heute im Antiquitätengeschäft einen alten Photoapparat gekauft, und auch den luxuriösen, teflonähnlich-kalkresistent beschichteten Duschvorhang und die sechs vanillecremegefüllten Berliner Pfannkuchen im Sonderangebot hat er sich ohne grosses Ringen angeeignet. Und weil der Weg durch die Wüste ihm mit dieser Last so lang erschien, trank er reichlich Tee mit Rum auf halbem Weg, in einer Gaststätte, die nach Schweiss roch. Nach drei Vierteln des Weges, das wusste Herr Tobler, würde der Turm kommen, der die alte Funktionalität der Stadt dem Heute aufzwang und mitten auf der Strasse stand. Und in dessen Schatten stand Herr Tobler, mitten auf der Strasse, an der Turmseitenwand, hinter einer bräunlich lackierten Doppelblechwand, die ihn gegen aussen zwischen den Kniekehlen und den Schulterblättern verdeckte. Die gemalte Inschrift auf der Wand verbleicht stetig, doch man kann gleichwohl gut erkennen, dass man höflichst gebeten werde, die Örtlichkeit in reinlicher Verfassung und mit geordneter Kleidung zu verlassen. Herr Tobler fasste sich, schloss seinen Gürtel und blickte über die Blechwand. Seine Erleichterung, die er hier immer empfindet, dieses Glück, es gerade noch hierher geschafft zu haben, wich sogleich stets der Beklemmtheit, dass er von hier offensichtlich mit ungewaschenen Händen auf die Strasse treten würde; dass er überhaupt gerade bei einer Obszönität beobachtet worden sein könnte. Sobald er draussen in Sicherheit war, blickte er zurück und fühlte sich dankbar für die Geschichte, die diesen Ort dem Menschlichen reservierte.

Keine Hochzeitskarte

Sie würde nicht mit ihrem Freund zusammenziehen, der natürlich auch da war, aber gerade nicht zugegen, als sie dies sagte; und sie sagte es auch nicht zu Max (wiewohl sie ihm direkt gegenüberstand), sondern zu einer der vielen anderen Frauen in der kleinen Wohnung. Es wäre einfach irgendwie noch vielleicht ein wenig zu früh. Max konnte es sehr gut hören, und sie musste wissen, dass er ihren Worten folgte, denn sie stand in all dem Lärm nahe genug, und er hatte in dieser Anfangsphase seiner Einbringung in die flüchtige Gruppe, die sich diesen Festabend teilen würde, ohnehin nichts anderes zu tun, als mit artigen kurzen Unterbrüchen immer wieder die ihre Freundin ansprudelnde Lucille zu betrachten, als wäre er auch Teilhaber dieses Informationsaustausches im Türrahmen.

Doch der Freund war da, und einmal mehr war Max erstaunt, wie dieses Bündel an Selbstverständlichkeit, das weder aus Schönheit noch aus Klugheit schöpfen konnte, in dieser ihrer Wohnung wohnte; herumhing und war, als ginge ihn nichts an - und als wäre er doch näher an allem als alle andern.

Sie musste den Freund sehr mögen; dieser Wahrnehmung konnte Max sich nicht erwehren. Wohl war sie in ihrer mächtigen physischen Präsenz so luftig, heilig und unergreiflich, wie Max sie immer empfunden hatte. Sicher, sie war fröhlich und einnehmend, direkt und unverfälscht - wie immer. Ihr Geheimnis muss es sein, nicht zu wissen, wie anders sie ist, dachte Max, als er auf der Toilette eine Pause vom Rummel genoss, rauchte, tief ausatmete und seinen sausenden Ohren lauschte. Sie ist geplagt wie wir alle, und doch sieht sie nicht, dass die Plage sie nicht zu beschweren vermag und sie dabei all ihr Vertrauen behält. Wie er da sass und nicht mehr aufstehen mochte, wie er die Türe nicht mehr öffnen und sich wieder dem allseitigen Blick der anderen Besucher aussetzen mochte, lösten sich in seinen Überlegungen über ihre Selbstvergessenheit, in seiner Selbstaufgabe in diesem engschmalen Raum mit vanillegelben Kacheln, alle Fragen auf. Dass der Freund nicht zu ihr passte, entflog seinen Ideen, und dass die Dinge so sein durften, beherrschte ihn sekündlich stärker. Sie musste ihre Gründe haben - Gründe, die bei ihm vor all der Reflektion dieser Welten, vor all dem Ausloten und Taktieren in den Leben schon lange geflohen sein mussten.

Max fühlte an diesem Abend auch nach ein paar Gläsern Malaga nicht viel, und nicht einmal das anfangs träge Fortschreiten der Zeit konnte ihn auf Dauer beschäftigen. Er zerfloss derart in seiner Hingabe an Gegebenheiten, dass er nicht bemerkte, wie die Uhr beim Abschied mehr als vier Stunden nach der Zeit anzeigte, die er sich zumindest vorgenommen hatte. Auf dem Heimweg überquerte er erleichtert die Brücke, schlenderte mutwillig torkelnd auf dem breiten Trottoir und blickte mit einem Lächeln zu den gelben Lampen hinauf. Wenn nur mehr das Bett wartet, dachte er, und man durch die Nacht schreitet - wenn die Stadt dabei so ruhig ist, dass man sie nicht mehr kennt, und wenn die Lampen über der Strasse, in den Schriftzügen und an Automaten einem treu den Weg leuchten, dann wäre man glücklich, fühlte man nicht eine kleine Amputation.

[s. auch hier]

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moccalover - 6. Nov, 00:05
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um zu
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moccalover - 12. Okt, 00:43
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Du hast jemand, der für dich Sandwichs streicht. Da...
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