Personen
"Alles, was ich will, bist duuu!" Unentwegt äfft Max den Gesang nach, dessen Fetzen mit dem böigen Wind vom Kirmesplatz zum Strassencafé getragen werden. "Dabei", so unterbricht sich Max plötzlich, "fragt sich ja vor allem eines, werter Herr Schlagersänger - was willst du danach?" - "Das ist doch nicht so gemeint, Max, dieser Text soll doch nur den Menschen ein wenig von der Hoffnung geben, dass irgendwo da draussen das andere, das wahre Leben stattfindet." - "Sag ich ja, Gerd! Er lügt, der Minnensänger."
moccalover - 25. Apr, 00:03
"Sie tat mir ein wenig leid. Man muss die Arme bewegen, wie diese Walker, man muss sich Stöcke vorstellen und sich von der Erde abstossen. Sie aber, sie joggte wohl, doch sie wusste nicht wohin mit ihren langen, dünnen Armen, und sie schwenkte sie auf Hüfthöhe hin und her, anstatt vor und zurück. Ich sehe rasch, ob eine dünn ist oder mager, und ihre Arme waren eben nicht dünn, sondern mager. Nur ihr Hintern war normal (richtig hübsch!), und mir war sofort klar, dass sie sich gerade deswegen hier quälte. Ich überholte sie dann. Sie trug eine Brille, das habe ich noch gesehen. Dieses Vergebene in unserem Tun, das hat mich für einen Moment lang berührt." Max giesst sich noch etwas Wasser nach, legt seine Füsse auf den Beistelltisch mit dem Radiorecorder und zündet sich eine Zigarette an. Gerd räumt in seiner akribischen Weise den Geschirrspüler ein und schweigt, so dass Max geräuschvoll Rauch ausbläst und weiterspricht: "Weisst Du... Menschen, die sich den Intimbereich ganz oder partiell enthaaren, wollen damit ihre Sexualität im Alltag erleben, sie in den Alltag tragen. So wie manche immer und überall masturbieren müssen. Das ist so." Gerd wäscht sich lang die Hände, um sämtliche Spuren der Berührung mit der Spülmitteltablette abzuwischen, und dreht sich langsam um. "Mal ganz abgesehen davon, dass du wieder einmal nicht vom F-Thema wegkommst - hast du dir einmal überlegt?" - "Was überlegt?" - "Hast du dir das einmal überlegt? Deine Alltagstheorien mögen ja von bewundernswerter analytischer Schärfe, ja, sie mögen gar einer höheren Weisheit teilhaftig sein. Aber letztlich sind sie vor allem eines - unnütz. Ach, übrigens, rasierst du dich denn allmorgendlich, um dich deiner Männlichkeit zu vergewissern?" - "Natürlich."
Max raucht vergnügt weiter, und nach jedem Zug nimmt er einen kleinen Schluck vom dunklen Puglieser. "Diese Theorien, Gerd, sind sehr nützlich, sie dringen in den unbewussten Bereich, haken sich da fest und prägen deine Weltsicht. Und schon kennst du in diesem Chaos einen neuen, sicheren Hafen." Er grinst Gerd schelmisch an, währenddem er die Zigarette ausdrückt. - "Bist Du jetzt eigentlich zufrieden?" fragt plötzlich Gerd. "Ich wollte damit doch nicht zufrieden werden, ich wollte bloss die Dinge zurecht rücken. Es ging nicht, das sah sie genau gleich. Wie könnte ich zufrieden sein, ich bin eigentlich traurig darüber; ich hatte die Beziehung ja gewollt, wir beide haben sie gewollt.“ – „Ja, ihr habt gewollt, ihr habt es so sehr gewollt, und vielleicht habt ihr nur gewollt; darum ist es so lange gegangen.“ – „Du bist ungerecht. Ich mochte nie einen Menschen so gerne riechen, so gerne spüren.“ – „Das kann dir mit fast jedem passieren, wenn du nur willst. Gerade du bist der Prototyp des gefühlstechnischen Opportunisten. Übrigens: wenn das stimmt, was du da sagst, dann muss es dir ja sehr schwer gefallen sein, sie über Monate hinweg derart kaltzustellen; und wenn ich dich recht kenne, dann bemitleidest du dich auch noch ob dieser Bürde.“ – „Ja, das ist so, und ich werde mich bessern, sobald ich kann, lieber Gerd!“ – „Bleib bloss bescheiden, du schaffst das ohnehin nicht.“ – „Ich kann mich doch jetzt nicht einfach gut fühlen? Ich muss ja auch etwas lernen aus dieser Geschichte, sonst wiederholt sich das immer wieder.“ – „Musst du dich dafür so anschwärzen? Du willst immer der Engel sein, und dann schaffst du es nicht. Du willst der Superliebhaber, Superfreund sein, und dann schaffst du es nicht. Kein Übernahmeverschulden, Euer Ehren, da dem Beklagten schlicht die Fähigkeiten zum Einlösen des Versprochenen für jedermann offenkundig abgingen!“ – „Danke, du bist sehr lieb zu mir.“ – „Das hast du im Grunde gar nicht verdient. Sie ist eine Perle, weisst du das eigentlich? Du hast sie tausendmal anrennen lassen, du hast sie gemieden, wenn es nur ging.“ – „Das war erst ganz am Schluss, sie hat zuerst geblockt; damals, als ich noch wie ein Hampelmann um sie herumzappelte. Und, gut, ich habe sie dann kopiert. Kinderspielchen, jawohl.“ – „Hör einfach auf mit deiner Selbstkasteiung, und es wird schon viel besser. Lass deine Kinderromantik beiseite, verführe die Damen nicht mit Schauspiel, und es wird richtig gut. Ehrlich, Max, du brauchst sie wirklich nicht alle.“ – „Ich bin mir sicher, dass wir in absehbarer Zeit Sensoren-Pads auf den Handinnenflächen tragen, mit denen wir die wichtigsten Funktionen unserer Kleidung und unserer Handgeräte steuern können. Wir werden uns rasch daran gewöhnen.“ – „Ich bin mir sicher, dass du in absehbarer Zeit daherkommen und von einer neuen Mitarbeiterin des Haarpflegesalons erzählen wirst, die dir den Kopf derart zärtlich massiert habe, dass du sie zum Nachtessen habest überreden müssen.“
moccalover - 18. Apr, 23:52
Barbara will alles richtig machen. Ganz besonders möchte sie ihren ehemaligen Freund nicht erschrecken, der viel zu rasch abgesprungen ist und mit dem sie immer noch so viel erleben will, um ihn erst einmal richtig kennen zu lernen. Es bestehen gute Chancen, denn in den zwei Jahren seither haben sich beide verändert, und sie trafen sich jetzt an neuem Ort. Sie sind offenbar wieder neugierig aufeinander geworden (oder sind es einfach geblieben). Nur ein paar Wochen noch, dann hat er die Prüfungen hinter sich, die sie beaufsichtigen und korrigieren muss, und dann können sie es wagen, sich zu treffen, sich mit Blicken, Begriffen, Erinnerungen und weiteren Gefühlsäusserungen abzutasten und dazu Grüntee zu trinken. Er hat sich in ihren Augen sehr rätselhaft verhalten, hat ihr versichert, wie schwer es sei, sie als Prüfungsaufsicht zu wissen. Er hat betont, dass er ihr nicht wieder hätte begegnen wollen, und auf Nachfrage hat er eingeräumt, dass das sich natürlich nur im Hinblick auf diese Prüfungen so verhalte. Und dann sass er, bedingt durch administrative Zufälle, in der ersten Reihe vor ihrem Gesicht. Ja, so sagt sie mir erst ganz zum Schluss, ja, sie haben schon einen Termin ausgemacht, ein paar Wochen nach dem Prüfungsabschluss. Es wird gutkommen, wenn er noch oder wieder will, was ich nicht weiss, weil ich ihn nur aus ihren Schilderungen heraus kenne. Doch ich fürchte, dass es der grösste und zugleich beliebteste Fehler sein könnte, alles richtig machen zu wollen, wenn es um das Balzverhalten geht. Anstrengung ist nicht problematisch, sondern Verstellung, und vor allem die Angst, einen Zeitpunkt zu verpassen, einen Tonfall zu verfehlen, einen Witz zu verhauen. Wer dem Schicksal gleichzeitig derart misstraut (und nicht darauf vertrauen kann, dass es, wenn es solle, so oder so gut ende, dass das Schicksal uns auch als gewöhnliche Menschen fördert) und dazu blind irgendwelchen Regeln folgt (man muss es genau so und so machen, sonst hat man keine Chance), bindet sich einen dicken Stock zwischen die Füsse. Wenn wir den anderen nicht auch ohne Feuerwerk beeindrucken, dann ist der überheblich, oder einfach uninteressant für uns. Wer nicht einmal mag, wie wir uns in diesem Ausnahmezustand verhalten, der wird uns nie richtig mögen, der wird wahrscheinlich gar nie richtig mögen. Barbara wird alles richtig machen, weil sie gar nicht recht merkt, wie sie keinen ihrer Vorsätze umzusetzen vermag und ihm so offen wie nur möglich gegenübertreten wird. Was er gemacht haben wird, erfahre ich vielleicht einmal.
moccalover - 10. Mrz, 21:01
Windböen peitschten Schneevorhänge durchs gelbe Licht der Strassenlampen. Touristen scheuen schlechtes Wetter nie, hauchte
Nina in ihren Schal, der ihren Mund und die Nase verhüllte. Wo sind sie nun alle? Sonst lächeln sie doch immer, wenn sie den Bussen entsteigen, obwohl ihnen niemand gesagt hat, dass man von November bis Mai ganz sicher nicht hierher kommen soll. Umso besser, dachte Nina, so ist wenigstens die Glühweinbude geschlossen, und ich bin mit der Bärin alleine. Sie zog die Schultern hoch und drückte sie gegen ihren eingepackten Hals. So überquerte sie die Brücke, wo der Wind stärker blies als in den Gassen, und kam beim Bärengraben an. Sie stützte sich mit den Ellenbogen auf die Sandsteinmauer und blickte in das runde, dunkle Loch hinunter. Die Bärin hatte sich schon hingelegt, doch sie hob, als Nina sich über die Mauer beugte, rasch ihren Kopf und schnupperte blinzelnd durch die kalte Luft. Nina schluckte trocken und dachte an den Portwein vom Vorabend.
Ich habe die Eierschwämme weggeworfen. Und nicht nur die, sondern auch all meine Parfums. – Das hast du nicht! Die Bärin war erschrocken aufgesprungen. – Doch, ich brauche die nicht mehr. – Aber die waren doch teuer, und fein? – Ja, sagte Nina kraftlos, aber das ist alles so vergeblich, ich habe sie zusammen mit dem Nagellack auf seinen Hemden, die er noch bei mir hat, ausgeleert. Dann habe ich alles angezündet und am Schluss die Asche weggeworfen. – Kind, du bist wohl übergeschnappt! Eine solche Aufregung, nur wegen einem Mann. – Bitte, Bärin, du kannst doch nicht so herzlos zu mir sein. Du weisst, dass das nicht irgendein Mann ist. Ich habe dir erzählt, wie alles kam und ging. Sag nicht, du könnest nicht sehen, wie nahe mir das geht. – Oh ja, das sehe ich, doch meine ich ja gerade, du verhaltest dich unverhältnismässig. Wie ich weiss, welche Schmerzen du hast, so wusstest du immer, dass das so kommen würde. Du hast Recht, ich kenne tatsächlich die ganze Geschichte.
Nina schwieg lange; ihre Augen waren nach oben gedreht und fixierten die Schneeflocken, die durch die Lichtkegel tanzten. Sie verlor für einen Moment das Gefühl für den Boden und glaubte, die Flocken seien Sterne, an denen sie vorüberflog. Ihre Hände mussten die Mauerkante fest umklammern, damit sie in der Vereinnahmung durch den beobachteten Tanz nicht Gleichgewicht und Halt verlor. Der Wind liess den Blechverschlag der Glühweinbude rhythmisch klappern, der Verkehrslärm ertrank im Schnee. Bist du vielleicht ein bisschen stinkig, weil es schon lange so kalt und nass ist? Nina blickte wieder nach unten und suchte nach den Umrissen der Bärin.
Ich bin nicht stinkig. Du bist vergesslich. Ich will frei sein, ich will leben, ich will geniessen, das sagtest du doch damals. Ich will alles, was mir gefällt, darauf hast du damals geschworen. Und du hast dir alles genommen. Du wolltest nicht auf mich hören, damals mit zwanzig, zweiundzwanzig. Nun kommt eben Teil zwei des Teufelspakts, auf den ich dich so oft ungehört hinwies, in die Vollstreckung. – Sei doch nicht so dunkel, Bärin. Nina schluckte wieder, diesmal einen dicken Speichelklumpen, der entfernt noch nach Portwein schmeckte. – Ich will ja auch gar nicht siegestrunken herumklugscheissern. Ich muss einfach betonen, dass wir das alles wirklich schon so oft durchgekaut haben. Die Männchen, die spielen ihr eigenes Spiel. Und glaube mir, dass mir nichts lieber wäre, als an deinem Platz zu stehen und dann allein nachhause zu gehen; raus aus dem Käfig, weg von hier und diesen Aufschneidern und Pennern. Und deine Menschenmännchen, die sind nicht anders. Du wolltest dich auf ihr Spiel einlassen? Bitte sehr! Jetzt bist du älter und müder und möchtest vielleicht am Ende gar selber kleine Bärchen hegen. Das musst du alleine durchstehen, jedenfalls musst du damit rechnen. Mach dich nicht krank, sie sind ja vielleicht gute Wesen, aber du kannst von ihnen nicht mehr verlangen, als sie zu leisten vermögen. Du hast ihnen allen die ganze Zeit über die Sicherheit gegeben, dass nichts wirklich verbindlich ist, dass nichts wirklich ein Problem sein könnte, dass du immer alles selber für dich regeln könntest. Ich habe dir gesagt, dass das nicht stimmt. Nicht für dich, und nicht einmal für die Männlein. – Das mag sein, und trotzdem bin ich wütend. Nur weil man weiss, dass ein Unglück kommt, muss man nicht schweigen, wenn es eintrifft. Sei nicht so selbstgerecht! – Das Unglück ist nicht gross, Alleinsein muss doch herrlich sein. Ich stelle mir das jedenfalls so vor. Es bringt nichts, nur bei jemand zu sein, um nicht alleine zu sein; das ist doch beleidigend. Für dich und für die Männlein.
Mach's gut, Bärin, ich muss jetzt gehen, mir ist kalt. Wenn du schon für das Alleinsein bist, so werde ich trotzdem bald wiederkommen. Ich denke an dich. Nina formte ihre Lippen schnell zu einem Kuss und drehte sich vom Graben weg, setzte Fuss für Fuss in die knirschende Schneedecke und machte sich auf den Weg zu ihrem Bett. Sie lächelte noch ein paar Mal, weil sie an die Besorgnis der Bärin denken musste und sich darin geborgen fühlte.
moccalover - 2. Mrz, 23:07
Max sah sich unter- und überfordert zugleich: Mit einer Frau allein soll ich mich begnügen? – Ich allein soll es zustande bringen, eine Frau, eine einzige auch nur, glücklich zu machen?
moccalover - 2. Mrz, 23:04
Ich spüre es, sagte Max letzthin zu Gerd, ich spüre es, und es stimmt mich vorfreudig und zuversichtlich. Die Frauen werden sich endlich befreien. – Wovon denn sollten die sich heutzutage noch befreien, wandte da Gerd gelangweilt ein. Sie haben sich aus ihrer Vormundschaft befreit, sie sind den Küchen und Waschküchen entflohen, und sie befreien sich immer öfter sämtlicher Körperbehaarung. Die Männer, die Frauen zu etwas zu zwingen vermögen, sterben nach und nach aus. Wovon, werter Max, sprichst du denn in aller Welt? – Von diesen dummen Kleidern spreche ich. Die Frauen werden all das enge Zeugs auf einen Haufen werfen und verbrennen. Sie werden listig geschwungene Tücher tragen, die ihren wundervollen Körpern die Form geben, die sie verdienen; sie werden schweben in wehenden Stoffen, die ihre Bewegungen atmen lassen. Und dann werden sie sich endlich wirklich frei bewegen können. Und es wird endlich ein bisschen wahr sein, wenn sie denken, dass sie sich bloss für sich selber schön kleiden. – Nun, sicher wird die Mode sich wieder ändern. Ich wäre schon lange dafür, ein Bundesamt für Mode einzurichten. Die könnten die Zyklen festlegen, in denen dies Rad sich um seine Achse dreht, und man wüsste ganz genau, dass die Jacke, die man einmottet, in sieben Jahren wieder behördlich beglaubigt wieder angesagt sein wird. – Einverstanden, Gerd, aber das enge Zeugs gehört trotzdem verboten. – Lassen wir es lieber, ich finde gerade, dass Du schändlich heuchlerisch sprichst, mein lieber Max. Ich kenne neben dir keinen, dessen Blick auch nur annähernd so verstohlen wie geniesserisch Dekolletes und Gesässbacken studiert. Ich muss fast befürchten, du erliegest da einem Taliban-Reflex. Was du nicht erträgst, was dich zu heiss macht, gehört weggesperrt und verboten. Du musst locker bleiben, heutzutage muss man damit eben umgehen können. – Du bist ungerecht. Schöne Frauen sind in jeder Kleidung schön, das weisst du genau. – Mach es nicht noch schlimmer, Max, ich müsste dich nur ein kleines bisschen weniger kennen, und schon müsste ich annehmen, dass du jetzt chauvinistisch wirst: … Oh, bitte, verschont mich vor diesen ach so schrecklichen Bauchfalten zwischen Pulloverrand und Hosenbund... Sei vernünftig, Max, das ist sehr überheblich, was du da sagst. – Kein Kommentar, wenn du so drauf bist, kann ich mich nur immer mehr verstricken, du legst es darauf an, so dass es mir nichts nützt, dass ich Recht habe und du notgeile Gespenster siehst. Nur soviel: Mich quält kein Anblick, und sei er noch von ganz anderer Sorte. Aber ich habe dieses Spiel satt, bei dem keine der beiden Parteien sich wohlfühlen kann.
moccalover - 2. Mrz, 23:02
„Ich wollte einfach ihre Nähe spüren. Ich hatte überhaupt kein Bedürfnis nach mehr als nur diesem Gefühl der warmen, wohlriechenden Nähe; bloss für ein paar Stunden, nicht länger. Ich wollte sie umarmen, keinesfalls jedoch küssen; ich wollte sie spüren, nicht aber berühren. Ich war mir sicher, nie unter auch nur vergleichbar starkem Verlangen gestanden zu haben.“ – „Ich glaube dir kein einziges Wort, Max, du magst ein guter Rhetoriker sein, und auch deine poetische Ader ist nicht weit davon entfernt, mehr als nur poetische Kapillare genannt werden zu dürfen. Aber ich glaube dir nicht, du warst einfach scharf, oder du hast dich vorübergehend verliebt, das ist alles. Wenn man scharf ist, und wenn man zugleich kultiviert ist, dann verhüllt man es in schöne Worte und fühlt sich dabei mitunter erhaben. Und wenn man verliebt ist, schwört man sich sogar selber, nie, aber auch gar nie, mit dem Objekt des Liebesdranges körperlich werden zu wollen. Mehr noch als von seiner eigenen Existenz ist man dann überzeugt, dass es der rauen Körperlichkeit überhaupt nicht bedürfe, nicht dieses Mal, denn dieses sei besonders und stehe über allem Irdischen.“
Max blickte durch die ehemalige Schaufensterscheibe auf die Strasse, wo der Feierabendverkehr abschwoll. Der Asphalt war nass und widerspiegelte die farbigen Lichter der Autos und der Ampeln. Max hob den Kopf, suchte im Spiegelbild der Scheibe nach der Bedienung hinter der Bar und nickte ihr zu, dass sie kommen solle. Er bestellte mürrisch zwei weitere Gläser ungefiltertes Bier und blickte wieder durch die Scheibe, ohne dass er Gerd bei alledem angesehen hätte.
„Ich wollte nur in dieser Nacht, in der ich nicht zum Schlafen kam, jemanden bei mir haben, an den ich mich abgeben könnte und der mich auch aufnähme“, begann Max wieder, immer noch zur Scheibe gewandt. „Ich wollte auf keinen Fall plötzlich allein sein, und nach der langen Nacht, in der wir nur gekocht haben und uns so rasch kennenlernten, lag für mich nichts näher, als in ihre Arme zu liegen. Glaubst du, ich würde dir von all dem erzählen, wenn mich das nicht so beschäftigte?“ – „Ich glaube dir wohl, dass es dich beschäftigt, zumal es ja nun bald vier Monate her sein wird.“ – „Eben, und es würde mich nicht beschäftigen, wäre es blosse Geilheit gewesen, denn diese klingt bekanntlich binnen Stunden wieder ab. Und hätte ich mich verliebt, hätte ich sie in den letzten vier Monaten wahrscheinlich angerufen, dann unzählige Male getroffen und schliesslich geheiratet; und auf jeden Fall hätte ich sie zumindest dreimal angerufen.“ – „Nun, ich will dich auch nicht festnageln, deine Alibis sind gut konstruiert. Von meiner Meinung bringst du mich aber trotzdem nicht ab. Ich bleibe dabei, du hast ein kindliches Verhältnis zu den Frauen, und du wirst deine Gefühle nie recht verstehen können.“
Max leerte sein Glas mit ruhigen, grossen Schlücken und stellte es theatralisch auf den Filz, so dass die Tischplatte ein trockenes Klopfen von sich gab. „Wenn wir nicht… ich würde dich… Ach, was soll es, ich mag dich ja trotzdem. … Du, du hast kein Gefühl, du bist das. Du verstehst dich nur auf ganze Noten, und das auch ausschliesslich in Dur. Und wenn du auch recht haben magst mit all deinen Mutter-Sohn-Theorien, es ändert nichts. Ich wollte nur für einen Moment lang spüren, dass es wirklich stimmt, dass wir alle Menschen sind und als solche nicht so weit voneinander entfernt, wie man manchmal meinen könnte. Ich wollte bloss in der Zeit zwischen Nacht und Morgen, in der nichts gilt und alles vergessen wird, diese Nähe erleben. Darum weiss ich auch nicht, warum ich es Anna hätte erzählen sollen.“ Auch jetzt sah Max nicht zu Gerd, sondern hielt seinen Blick starr auf seinen rechten Zeigefinger gerichtet, mit dem er aus dem Glas den Bierschaum strich und zu seinem Mund führte. „Ja, es stimmt, sie war damals beruflich sehr ausgelastet. Lassen wir es, Gerd, komm, wir gehen noch eins weiter.“
moccalover - 24. Jan, 23:30
John ist Rechtsanwalt; darum muss er immer zunächst noch ein unumgängliches Telefonat erledigen, wenn man ihn in seinem Büro besucht, um ihn zu einer Verabredung abzuholen. Man fragt sich bei ihm manchmal, ob er eine bestimmte Handlung aus Freundschaft oder doch zur Karriereförderung vornimmt. Ich glaube nicht, dass er, wenn er sich selber betrachtet, die beiden Zwecke zu trennen vermöchte, dass diese Trennung in ihm überhaupt existiert. Und daher glaube ich, dass es auch müssig wäre, eine solche Unterscheidung von aussen her auf ihn anzuwenden. Ich habe mich also sehr gefreut, als er mich an meinem Geburtstag anrief.
moccalover - 10. Jan, 21:47
Herr Tobler würde sich eine solche Sprachschöpfung wohl verbitten; doch man könnte durchaus sagen, dass er manchmal einer Art Geruchsvoyeurtum nachgeht. Es geht ihm dabei nicht darum, im Gedränge einer samstagnachmittäglichen Fussgängerzone das Parfüm einer Dame zu riechen, die ihm in der Not direkt vor die Füsse gestanden ist. Unter diesen Umständen kann er sich nicht auf solche Dinge konzentrieren; die Vielfalt der Gesichter, Gerüche und Geräusche in Menschenmengen bettet ihn zumeist in Duseligkeit. Herr Tobler achtet aber oft darauf, in der Eisenbahn einen Korridorsitz zu nehmen. Sobald der Zug fährt, die Reisenden ihr Gepäck verstaut und sich gesetzt haben, beginnt die Luft im Wagen sich zu beruhigen, und bald steht sie fast still, als ob das leise Surren der Lüftungsanlage sie schläfrig werden liesse.
Die Anlage saugt so fein, dass sie die Gerüche erst nach einer kurzen Weile schwächt, bevor sie sie zum Verschwinden bringt. Daher muss Herr Tobler jeweils warten, bis im Wagen die letzten warmen Speisen mit Lammfleisch aufgezehrt und einigermassen verdaut worden sind. Danach wird die Luft still und homogen, ausser, wenn Menschen durch die Wagenmitte schreiten. Immer dann, wenn diese schon drei Schritte an Herrn Tobler vorübergegangen sind, wird sein Gesicht vom Luftwirbel erfasst, der dem menschlichen Gang hintennach eilt. Auf diesen Moment hat er sich vorbereitet, indem er ausatmete. Sobald der feine Luftzug ihn erreicht, atmet er ganz vorsichtig und sanft ein, studiert den Geruch in der Nasenspitze wie einen alten Bordeaux auf dem Gaumen.
Natürlich mag er Frauengerüche besonders gerne, denn Kinder riechen häufig nach weichem Zwieback, und von Männern breitet sich zumeist dasselbe Rasierwasser aus, oder es sind bei ihnen nur die Faulsäuren schlecht getrockneter Jacken wahrnehmbar. Ihn interessiert eigentlich nur der Körpergeruch, nicht ein aufgetragener Duftstoff, doch bei Gesichtscremes gegen trockene Haut kann er sich nur sehr selten ganz verweigern. Das ist vielleicht so, weil er sich Frauen seit jeher nur in engstem Zusammenhang mit Cremes aller Art vorstellen kann. Er befürchtet manchmal sogar, dass das, was er zweifelsfrei als genuinen und zudem betörenden Frauengeruch festgestellt hat, vielleicht doch bloss das Ergebnis einer Kombination von Düften ihm noch unbekannter Pflegemittel und Kosmetika sei.
Manchmal sitzt Herr Tobler den ganzen Nachmittag über im freskenüberhangenen Lesesaal der Stadtbibliothek und liest, unter all den lernenden Studenten, einen geschichtlichen Roman über Intrigen in verblichenen Kaiserdynastien, oder eine Geschichte mit Protagonisten, die über ihr Leben sinnieren. Er las einmal bei einem Autor von der abstrakten, freien Zukunft, die der Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenensein gegen die konkrete, bestimmte, unveränderbare Zukunft eintauschen muss. Und weil er über seine eigene abstrakte Zukunft nicht hatte verhandeln wollen, weil sie ihm dann einfach abhanden kam, fühlt er sich bei Studenten wohl, bei diesen Inbegriffen des hinausgezögerten Könnte-Seins.
Zwischen den Zweierlesepulten gibt es auch in der Bibliothek einen Mittelgang, in dem Durchschreitende die Luft aufwühlen und für kurze Zeit mit ihrem Geruch anreichern. Manche riechen nach gekochtem Öl und altem Zigarettenrauch; andere wiederum nach ihrem Kopfkissen oder ihrem Feinwaschmittel. Hat Herr Tobler Glück, so setzt sich eine fein duftende Studentin neben ihn (er kommt vorsichtshalber schon in der Mittagspause, wenn noch die meisten Pulte ganz unbesetzt sind; so muss nicht er um einen Platz bitten), wobei er hier (es geht ja um den ganzen Nachmittag) auch mit guten Parfüms Vorlieb nimmt. Er streicht ab und zu eine besonders gute Passage seines Buches mit grünem Leuchtstift an, um sie später wieder zu finden; obwohl er weiss, dass er sie nie mehr suchen wird, dass er das nur hier tut und nur, um sich dem wissenschaftlichen Tun um ihn herum anzugleichen.
Damit sich seine Nase nie zu sehr an den Duft seiner Nachbarin gewöhnen kann, wischt er sie regelmässig gründlich mit einem Tuch ab und schnuppert dann von neuem; unhörbar langsam durch die Nase, mit dem Gesicht tief in den Textzeilen. Er liest nie sehr viel, denn in der Ruhe, die ihm hier verordnet ist, bringt ihm der andauernde Duft der Nachbarin mit all seinen Facetten Gedanken und Erinnerungen, die ihn forttragen.
moccalover - 9. Jan, 23:02
Konrad ist ein Mensch, der Angst hat. Angst vor der Welt. Er wird bald heiraten; heute war er zur Erledigung der Formalitäten auf dem Standesamt. Angst vor der Welt kommt in allen Schichten vor, wahrscheinlich gleichmässig verteilt. Auch vor seiner aus gleicher Schicht stammenden Zukünftigen hat er Angst; jedenfalls dann, wenn sie besorgt zu ihm in die Küche ruft, wo er gerade etwas zu sehr mit dem Geschirr klappert: „Ach, Konni, lass das doch, ich mach’s dann schon!“ Aber diese Angst ist ihm um vieles lieber als andere Ängste, die draussen, ausserhalb dieses lichterkettenbehangenen Villenquartiers, lauern und über ihn lachen.
Man merkt Konrad seine Angst nicht an; alles liesse darauf schliessen, dass er sich wohl fühlt und er in der beruflichen Position, die er seit Jahren nicht aus den Augen lässt, sich irgendwann einmal in Zufriedenheit würde baden können. Doch das ist nicht gesichert. Denn letztlich geht es ihm nicht um diese bestimmte Einordnung in seiner Berufskaste und der allgemeinen Gesellschaft, sondern nur darum, die Ansprüche, die er um sich herum und in sich drinnen spürt, aufzufangen und zum Schweigen zu bringen. Konrads Vater ist an einer Stelle angelangt, welche seine ausserordentliche Fähigkeiten und seine Hochintelligenz ex officio beglaubigt; Konrad selber hingegen ist nur ganz gewöhnlich intelligent. Er fragt nicht gerne nach, das kommt ihm nicht in den Sinn. Er weiss, dass er das, was er weiss, meist nur gehört oder gelesen hat, doch er mag nie nachfragen.
Wenn Konrad erzählt, lehnt er sich zurück in die Breite des Sofas und streckt beide Arme zur Seite hin von sich. Er klatscht mit den Handflächen auf die Lehne, legt seinen Kopf nach hinten und blinzelt über die unteren Lider hinweg. Er spricht über die Schlechtheit von Politikern und Staatsbediensteten; er legt dar, warum er mit dem und jenem in seinem Umfeld brechen musste. Er hat strenge Prinzipien, und das nicht ohne Gründe, wie er sagt. Viele Menschen haben bereits gegen diese Grundsätze verstossen, und darum musste er sich von ihnen abwenden. Manche haben sich vielleicht selber widersprochen und plötzlich mit der geschlafen, die sie vorher blöd fanden. Manche haben vielleicht ihm etwas versprochen und ihn dann trotzdem enttäuscht. Manche haben vielleicht einfach den Fehler gemacht, ganz anders zu sein als er, oder ihn nicht besonders zu mögen. Alle sind sie in seinen Berichten ein wenig wie dumme Meerschweinchen; sie können alle etwas nicht, das er hingegen kann.
Konrad fürchtet sich auch vor Menschen, die von weit herkommen oder deren Ahnen von weit herkamen. Auch wenn sie ihm in seinem Büro nur spätabends, als Putzkräfte entgegentreten. Er fürchtet sich auch vor denen, die nichts haben und herumlungern. Er weiss das zwar nicht, denn immer schon stand er breitbeinig, hier an diesem Platz. Aber er traut niemandem und fürchtet um seinen Platz, weil er weiss, dass er diesen vererbt bekommen hat, und weil er in sich spürt, dass er nichts dafür konnte. Konrad liebt sein kleines Wohnzimmer mit den roten Ledermöbeln, mit der baldigen Ehegattin und mit dem Diplom im Glasrahmen, in dem seine Prinzipien und Regeln ihn vor der Verletzung seiner Gefühle bewahren.
moccalover - 20. Dez, 00:49