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    <title>kieselsteine</title>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1870991/">
    <title>minne.</title>
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    <description>&quot;Alles, was ich will, bist duuu!&quot; Unentwegt äfft Max den Gesang nach, dessen Fetzen mit dem böigen Wind vom Kirmesplatz zum Strassencafé getragen werden. &quot;Dabei&quot;, so unterbricht sich Max plötzlich, &quot;fragt sich ja vor allem eines, werter Herr Schlagersänger - was willst du danach?&quot; - &quot;Das ist doch nicht so gemeint, Max, dieser Text soll doch nur den Menschen ein wenig von der Hoffnung geben, dass irgendwo da draussen das andere, das wahre Leben stattfindet.&quot; - &quot;Sag ich ja, Gerd! Er lügt, der Minnensänger.&quot;</description>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1843089/">
    <title>rasieren.</title>
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    <description>&quot;Sie tat mir ein wenig leid. Man muss die Arme bewegen, wie diese Walker, man muss sich Stöcke vorstellen und sich von der Erde abstossen. Sie aber, sie joggte wohl, doch sie wusste nicht wohin mit ihren langen, dünnen Armen, und sie schwenkte sie auf Hüfthöhe hin und her, anstatt vor und zurück. Ich sehe rasch, ob eine dünn ist oder mager, und ihre Arme waren eben nicht dünn, sondern mager. Nur ihr Hintern war normal (richtig hübsch!), und mir war sofort klar, dass sie sich gerade deswegen hier quälte. Ich überholte sie dann. Sie trug eine Brille, das habe ich noch gesehen. Dieses Vergebene in unserem Tun, das hat mich für einen Moment lang berührt.&quot; Max giesst sich noch etwas Wasser nach, legt seine Füsse auf den Beistelltisch mit dem Radiorecorder und zündet sich eine Zigarette an. Gerd räumt in seiner akribischen Weise den Geschirrspüler ein und schweigt, so dass Max geräuschvoll Rauch ausbläst und weiterspricht: &quot;Weisst Du... Menschen, die sich den Intimbereich ganz oder partiell enthaaren, wollen damit ihre Sexualität im Alltag erleben, sie in den Alltag tragen. So wie manche immer und überall masturbieren müssen. Das ist so.&quot; Gerd wäscht sich lang die Hände, um sämtliche Spuren der Berührung mit der Spülmitteltablette abzuwischen, und dreht sich langsam um. &quot;Mal ganz abgesehen davon, dass du wieder einmal nicht vom F-Thema wegkommst - hast du dir einmal überlegt?&quot; - &quot;Was überlegt?&quot; - &quot;Hast du dir das einmal überlegt? Deine Alltagstheorien mögen ja von bewundernswerter analytischer Schärfe, ja, sie mögen gar einer höheren Weisheit teilhaftig sein. Aber letztlich sind sie vor allem eines - unnütz. Ach, übrigens, rasierst du dich denn allmorgendlich, um dich deiner Männlichkeit zu vergewissern?&quot; - &quot;Natürlich.&quot;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Max raucht vergnügt weiter, und nach jedem Zug nimmt er einen kleinen Schluck vom dunklen Puglieser. &quot;Diese Theorien, Gerd, sind sehr nützlich, sie dringen in den unbewussten Bereich, haken sich da fest und prägen deine Weltsicht. Und schon kennst du in diesem Chaos einen neuen, sicheren Hafen.&quot; Er grinst Gerd schelmisch an, währenddem er die Zigarette ausdrückt. - &quot;Bist Du jetzt eigentlich zufrieden?&quot; fragt plötzlich Gerd. &quot;Ich wollte damit doch nicht zufrieden werden, ich wollte bloss die Dinge zurecht rücken. Es ging nicht, das sah sie genau gleich. Wie könnte ich zufrieden sein, ich bin eigentlich traurig darüber; ich hatte die Beziehung ja gewollt, wir beide haben sie gewollt.  Ja, ihr habt gewollt, ihr habt es so sehr gewollt, und vielleicht habt ihr nur gewollt; darum ist es so lange gegangen.  Du bist ungerecht. Ich mochte nie einen Menschen so gerne riechen, so gerne spüren.  Das kann dir mit fast jedem passieren, wenn du nur willst. Gerade du bist der Prototyp des gefühlstechnischen Opportunisten. Übrigens: wenn das stimmt, was du da sagst, dann muss es dir ja sehr schwer gefallen sein, sie über Monate hinweg derart kaltzustellen; und wenn ich dich recht kenne, dann bemitleidest du dich auch noch ob dieser Bürde.  Ja, das ist so, und ich werde mich bessern, sobald ich kann, lieber Gerd!  Bleib bloss bescheiden, du schaffst das ohnehin nicht.  Ich kann mich doch jetzt nicht einfach gut fühlen? Ich muss ja auch etwas lernen aus dieser Geschichte, sonst wiederholt sich das immer wieder.  Musst du dich dafür so anschwärzen? Du willst immer der Engel sein, und dann schaffst du es nicht. Du willst der Superliebhaber, Superfreund sein, und dann schaffst du es nicht. Kein Übernahmeverschulden, Euer Ehren, da dem Beklagten schlicht die Fähigkeiten zum Einlösen des Versprochenen für jedermann offenkundig abgingen!  Danke, du bist sehr lieb zu mir.  Das hast du im Grunde gar nicht verdient. Sie ist eine Perle, weisst du das eigentlich? Du hast sie tausendmal anrennen lassen, du hast sie gemieden, wenn es nur ging.  Das war erst ganz am Schluss, sie hat zuerst geblockt; damals, als ich noch wie ein Hampelmann um sie herumzappelte. Und, gut, ich habe sie dann kopiert. Kinderspielchen, jawohl.  Hör einfach auf mit deiner Selbstkasteiung, und es wird schon viel besser. Lass deine Kinderromantik beiseite, verführe die Damen nicht mit Schauspiel, und es wird richtig gut. Ehrlich, Max, du brauchst sie wirklich nicht alle.  Ich bin mir sicher, dass wir in absehbarer Zeit Sensoren-Pads auf den Handinnenflächen tragen, mit denen wir die wichtigsten Funktionen unserer Kleidung und unserer Handgeräte steuern können. Wir werden uns rasch daran gewöhnen.  Ich bin mir sicher, dass du in absehbarer Zeit daherkommen und von einer neuen Mitarbeiterin des Haarpflegesalons erzählen wirst, die dir den Kopf derart zärtlich massiert habe, dass du sie zum Nachtessen habest überreden müssen.</description>
    <dc:creator>moccalover</dc:creator>
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    <dc:date>2006-04-18T21:52:00Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1681219/">
    <title>richtig.</title>
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    <description>Barbara will alles richtig machen. Ganz besonders möchte sie ihren ehemaligen Freund nicht erschrecken, der viel zu rasch abgesprungen ist und mit dem sie immer noch so viel erleben will, um ihn erst einmal richtig kennen zu lernen. Es bestehen gute Chancen, denn in den zwei Jahren seither haben sich beide verändert, und sie trafen sich jetzt an neuem Ort. Sie sind offenbar wieder neugierig aufeinander geworden (oder sind es einfach geblieben). Nur ein paar Wochen noch, dann hat er die Prüfungen hinter sich, die sie beaufsichtigen und korrigieren muss, und dann können sie es wagen, sich zu treffen, sich mit Blicken, Begriffen, Erinnerungen und weiteren Gefühlsäusserungen abzutasten und dazu Grüntee zu trinken. Er hat sich in ihren Augen sehr rätselhaft verhalten, hat ihr versichert, wie schwer es sei, sie als Prüfungsaufsicht zu wissen. Er hat betont, dass er ihr nicht wieder hätte begegnen wollen, und auf Nachfrage hat er eingeräumt, dass das sich natürlich nur im Hinblick auf diese Prüfungen so verhalte. Und dann sass er, bedingt durch administrative Zufälle, in der ersten Reihe vor ihrem Gesicht. Ja, so sagt sie mir erst ganz zum Schluss, ja, sie haben schon einen Termin ausgemacht, ein paar Wochen nach dem Prüfungsabschluss. Es wird gutkommen, wenn er noch oder wieder will, was ich nicht weiss, weil ich ihn nur aus ihren Schilderungen heraus kenne. Doch ich fürchte, dass es der grösste und zugleich beliebteste Fehler sein könnte, alles richtig machen zu wollen, wenn es um das Balzverhalten geht. Anstrengung ist nicht problematisch, sondern Verstellung, und vor allem die Angst, einen Zeitpunkt zu verpassen, einen Tonfall zu verfehlen, einen Witz zu verhauen. Wer dem Schicksal gleichzeitig derart misstraut (und nicht darauf vertrauen kann, dass es, wenn es solle, so oder so gut ende, dass das Schicksal uns auch als gewöhnliche Menschen fördert) und dazu blind irgendwelchen Regeln folgt (man muss es genau so und so machen, sonst hat man keine Chance), bindet sich einen dicken Stock zwischen die Füsse. Wenn wir den anderen nicht auch ohne Feuerwerk beeindrucken, dann ist der überheblich, oder einfach uninteressant für uns. Wer nicht einmal mag, wie wir uns in diesem Ausnahmezustand verhalten, der wird uns nie richtig mögen, der wird wahrscheinlich gar nie richtig mögen. Barbara wird alles richtig machen, weil sie gar nicht recht merkt, wie sie keinen ihrer Vorsätze umzusetzen vermag und ihm so offen wie nur möglich gegenübertreten wird. Was er gemacht haben wird, erfahre ich vielleicht einmal.</description>
    <dc:creator>moccalover</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://kieselsteine.twoday.net/topics/Personen&quot;&gt;Personen&lt;/a&gt;</dc:subject>
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    <dc:date>2006-03-10T20:01:19Z</dc:date>
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    <title>wissen müssen II.</title>
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    <description>Windböen peitschten Schneevorhänge durchs gelbe Licht der Strassenlampen. Touristen scheuen schlechtes Wetter nie, hauchte &lt;a href=&quot;http://kieselsteine.twoday.net/stories/1149722/&quot;&gt;Nina&lt;/a&gt; in ihren Schal, der ihren Mund und die Nase verhüllte. Wo sind sie nun alle? Sonst lächeln sie doch immer, wenn sie den Bussen entsteigen, obwohl ihnen niemand gesagt hat, dass man von November bis Mai ganz sicher nicht hierher kommen soll. Umso besser, dachte Nina, so ist wenigstens die Glühweinbude geschlossen, und ich bin mit der Bärin alleine. Sie zog die Schultern hoch und drückte sie gegen ihren eingepackten Hals. So überquerte sie die Brücke, wo der Wind stärker blies als in den Gassen, und kam beim Bärengraben an. Sie stützte sich mit den Ellenbogen auf die Sandsteinmauer und blickte in das runde, dunkle Loch hinunter. Die Bärin hatte sich schon hingelegt, doch sie hob, als Nina sich über die Mauer beugte, rasch ihren Kopf und schnupperte blinzelnd durch die kalte Luft. Nina schluckte trocken und dachte an den Portwein vom Vorabend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe die Eierschwämme weggeworfen. Und nicht nur die, sondern auch all meine Parfums.  Das hast du nicht! Die Bärin war erschrocken aufgesprungen.  Doch, ich brauche die nicht mehr.  Aber die waren doch teuer, und fein?  Ja, sagte Nina kraftlos, aber das ist alles so vergeblich, ich habe sie zusammen mit dem Nagellack auf seinen Hemden, die er noch bei mir hat, ausgeleert. Dann habe ich alles angezündet und am Schluss die Asche weggeworfen.  Kind, du bist wohl übergeschnappt! Eine solche Aufregung, nur wegen einem Mann.  Bitte, Bärin, du kannst doch nicht so herzlos zu mir sein. Du weisst, dass das nicht irgendein Mann ist. Ich habe dir erzählt, wie alles kam und ging. Sag nicht, du könnest nicht sehen, wie nahe mir das geht.  Oh ja, das sehe ich, doch meine ich ja gerade, du verhaltest dich unverhältnismässig. Wie ich weiss, welche Schmerzen du hast, so wusstest du immer, dass das so kommen würde. Du hast Recht, ich kenne tatsächlich die ganze Geschichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nina schwieg lange; ihre Augen waren nach oben gedreht und fixierten die Schneeflocken, die durch die Lichtkegel tanzten. Sie verlor für einen Moment das Gefühl für den Boden und glaubte, die Flocken seien Sterne, an denen sie vorüberflog. Ihre Hände mussten die Mauerkante fest umklammern, damit sie in der Vereinnahmung durch den beobachteten Tanz nicht Gleichgewicht und Halt verlor. Der Wind liess den Blechverschlag der Glühweinbude rhythmisch klappern, der Verkehrslärm ertrank im Schnee. Bist du vielleicht ein bisschen stinkig, weil es schon lange so kalt und nass ist? Nina blickte wieder nach unten und suchte nach den Umrissen der Bärin.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich bin nicht stinkig. Du bist vergesslich. Ich will frei sein, ich will leben, ich will geniessen, das sagtest du doch damals. Ich will alles, was mir gefällt, darauf hast du damals geschworen. Und du hast dir alles genommen. Du wolltest nicht auf mich hören, damals mit zwanzig, zweiundzwanzig. Nun kommt eben Teil zwei des Teufelspakts, auf den ich dich so oft ungehört hinwies, in die Vollstreckung.  Sei doch nicht so dunkel, Bärin. Nina schluckte wieder, diesmal einen dicken Speichelklumpen, der entfernt noch nach Portwein schmeckte.  Ich will ja auch gar nicht siegestrunken herumklugscheissern. Ich muss einfach betonen, dass wir das alles wirklich schon so oft durchgekaut haben. Die Männchen, die spielen ihr eigenes Spiel. Und glaube mir, dass mir nichts lieber wäre, als an deinem Platz zu stehen und dann allein nachhause zu gehen; raus aus dem Käfig, weg von hier und diesen Aufschneidern und Pennern. Und deine Menschenmännchen, die sind nicht anders. Du wolltest dich auf ihr Spiel einlassen? Bitte sehr! Jetzt bist du älter und müder und möchtest vielleicht am Ende gar selber kleine Bärchen hegen. Das musst du alleine durchstehen, jedenfalls musst du damit rechnen. Mach dich nicht krank, sie sind ja vielleicht gute Wesen, aber du kannst von ihnen nicht mehr verlangen, als sie zu leisten vermögen. Du hast ihnen allen die ganze Zeit über die Sicherheit gegeben, dass nichts wirklich verbindlich ist, dass nichts wirklich ein Problem sein könnte, dass du immer alles selber für dich regeln könntest. Ich habe dir gesagt, dass das nicht stimmt. Nicht für dich, und nicht einmal für die Männlein.  Das mag sein, und trotzdem bin ich wütend. Nur weil man weiss, dass ein Unglück kommt, muss man nicht schweigen, wenn es eintrifft. Sei nicht so selbstgerecht!  Das Unglück ist nicht gross, Alleinsein muss doch herrlich sein. Ich stelle mir das jedenfalls so vor. Es bringt nichts, nur bei jemand zu sein, um nicht alleine zu sein; das ist doch beleidigend. Für dich und für die Männlein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mach&apos;s gut, Bärin, ich muss jetzt gehen, mir ist kalt. Wenn du schon für das Alleinsein bist, so werde ich trotzdem bald wiederkommen. Ich denke an dich. Nina formte ihre Lippen schnell zu einem Kuss und drehte sich vom Graben weg, setzte Fuss für Fuss in die knirschende Schneedecke und machte sich auf den Weg zu ihrem Bett. Sie lächelte noch ein paar Mal, weil sie an die Besorgnis der Bärin denken musste und sich darin geborgen fühlte.</description>
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    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://kieselsteine.twoday.net/topics/Personen&quot;&gt;Personen&lt;/a&gt;</dc:subject>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1644845/">
    <title>einzigundallein.</title>
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    <description>Max sah sich unter- und überfordert zugleich: Mit einer Frau allein soll ich mich begnügen?  Ich allein soll es zustande bringen, eine Frau, eine einzige auch nur, glücklich zu machen?</description>
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    <dc:date>2006-03-02T22:04:57Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1644828/">
    <title>eng.</title>
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    <description>Ich spüre es, sagte Max letzthin zu Gerd, ich spüre es, und es stimmt mich vorfreudig und zuversichtlich. Die Frauen werden sich endlich befreien.  Wovon denn sollten die sich heutzutage noch befreien, wandte da Gerd gelangweilt ein. Sie haben sich aus ihrer Vormundschaft befreit, sie sind den Küchen und Waschküchen entflohen, und sie befreien sich immer öfter sämtlicher Körperbehaarung. Die Männer, die Frauen zu etwas zu zwingen vermögen, sterben nach und nach aus. Wovon, werter Max, sprichst du denn in aller Welt?  Von diesen dummen Kleidern spreche ich. Die Frauen werden all das enge Zeugs auf einen Haufen werfen und verbrennen. Sie werden listig geschwungene Tücher tragen, die ihren wundervollen Körpern die Form geben, die sie verdienen; sie werden schweben in wehenden Stoffen, die ihre Bewegungen atmen lassen. Und dann werden sie sich endlich wirklich frei bewegen können. Und es wird endlich ein bisschen wahr sein, wenn sie denken, dass sie sich bloss für sich selber schön kleiden.  Nun, sicher wird die Mode sich wieder ändern. Ich wäre schon lange dafür, ein Bundesamt für Mode einzurichten. Die könnten die Zyklen festlegen, in denen dies Rad sich um seine Achse dreht, und man wüsste ganz genau, dass die Jacke, die man einmottet, in sieben Jahren wieder behördlich beglaubigt wieder angesagt sein wird.  Einverstanden, Gerd, aber das enge Zeugs gehört trotzdem verboten.  Lassen wir es lieber, ich finde gerade, dass Du schändlich heuchlerisch sprichst, mein lieber Max. Ich kenne neben dir keinen, dessen Blick auch nur annähernd so verstohlen wie geniesserisch Dekolletes und Gesässbacken studiert. Ich muss fast befürchten, du erliegest da einem Taliban-Reflex. Was du nicht erträgst, was dich zu heiss macht, gehört weggesperrt und verboten. Du musst locker bleiben, heutzutage muss man damit eben umgehen können.  Du bist ungerecht. Schöne Frauen sind in jeder Kleidung schön, das weisst du genau.  Mach es nicht noch schlimmer, Max, ich müsste dich nur ein kleines bisschen weniger kennen, und schon müsste ich annehmen, dass du jetzt chauvinistisch wirst:  Oh, bitte, verschont mich vor diesen ach so schrecklichen Bauchfalten zwischen Pulloverrand und Hosenbund... Sei vernünftig, Max, das ist sehr überheblich, was du da sagst.  Kein Kommentar, wenn du so drauf bist, kann ich mich nur immer mehr verstricken, du legst es darauf an, so dass es mir nichts nützt, dass ich Recht habe und du notgeile Gespenster siehst. Nur soviel: Mich quält kein Anblick, und sei er noch von ganz anderer Sorte. Aber ich habe dieses Spiel satt, bei dem keine der beiden Parteien sich wohlfühlen kann.</description>
    <dc:creator>moccalover</dc:creator>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1462367/">
    <title>nah.</title>
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    <description>Ich wollte einfach ihre Nähe spüren. Ich hatte überhaupt kein Bedürfnis nach mehr als nur diesem Gefühl der warmen, wohlriechenden Nähe; bloss für ein paar Stunden, nicht länger. Ich wollte sie umarmen, keinesfalls jedoch küssen; ich wollte sie spüren, nicht aber berühren. Ich war mir sicher, nie unter auch nur vergleichbar starkem Verlangen gestanden zu haben.  Ich glaube dir kein einziges Wort, Max, du magst ein guter Rhetoriker sein, und auch deine poetische Ader ist nicht weit davon entfernt, mehr als nur poetische Kapillare genannt werden zu dürfen. Aber ich glaube dir nicht, du warst einfach scharf, oder du hast dich vorübergehend verliebt, das ist alles. Wenn man scharf ist, und wenn man zugleich kultiviert ist, dann verhüllt man es in schöne Worte und fühlt sich dabei mitunter erhaben. Und wenn man verliebt ist, schwört man sich sogar selber, nie, aber auch gar nie, mit dem Objekt des Liebesdranges körperlich werden zu wollen. Mehr noch als von seiner eigenen Existenz ist man dann überzeugt, dass es der rauen Körperlichkeit überhaupt nicht bedürfe, nicht dieses Mal, denn dieses sei besonders und stehe über allem Irdischen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Max blickte durch die ehemalige Schaufensterscheibe auf die Strasse, wo der Feierabendverkehr abschwoll. Der Asphalt war nass und widerspiegelte die farbigen Lichter der Autos und der Ampeln. Max hob den Kopf, suchte im Spiegelbild der Scheibe nach der Bedienung hinter der Bar und nickte ihr zu, dass sie kommen solle. Er bestellte mürrisch zwei weitere Gläser ungefiltertes Bier und blickte wieder durch die Scheibe, ohne dass er Gerd bei alledem angesehen hätte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich wollte nur in dieser Nacht, in der ich nicht zum Schlafen kam, jemanden bei mir haben, an den ich mich abgeben könnte und der mich auch aufnähme, begann Max wieder, immer noch zur Scheibe gewandt. Ich wollte auf keinen Fall plötzlich allein sein, und nach der langen Nacht, in der wir nur gekocht haben und uns so rasch kennenlernten, lag für mich nichts näher, als in ihre Arme zu liegen. Glaubst du, ich würde dir von all dem erzählen, wenn mich das nicht so beschäftigte?  Ich glaube dir wohl, dass es dich beschäftigt, zumal es ja nun bald vier Monate her sein wird.  Eben, und es würde mich nicht beschäftigen, wäre es blosse Geilheit gewesen, denn diese klingt bekanntlich binnen Stunden wieder ab. Und hätte ich mich verliebt, hätte ich sie in den letzten vier Monaten wahrscheinlich angerufen, dann unzählige Male getroffen und schliesslich geheiratet; und auf jeden Fall hätte ich sie zumindest dreimal angerufen.  Nun, ich will dich auch nicht festnageln, deine Alibis sind gut konstruiert. Von meiner Meinung bringst du mich aber trotzdem nicht ab. Ich bleibe dabei, du hast ein kindliches Verhältnis zu den Frauen, und du wirst deine Gefühle nie recht verstehen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Max leerte sein Glas mit ruhigen, grossen Schlücken und stellte es theatralisch auf den Filz, so dass die Tischplatte ein trockenes Klopfen von sich gab. Wenn wir nicht ich würde dich Ach, was soll es, ich mag dich ja trotzdem.  Du, du hast kein Gefühl, du bist das. Du verstehst dich nur auf ganze Noten, und das auch ausschliesslich in Dur. Und wenn du auch recht haben magst mit all deinen Mutter-Sohn-Theorien, es ändert nichts. Ich wollte nur für einen Moment lang spüren, dass es wirklich stimmt, dass wir alle Menschen sind und als solche nicht so weit voneinander entfernt, wie man manchmal meinen könnte. Ich wollte bloss in der Zeit zwischen Nacht und Morgen, in der nichts gilt und alles vergessen wird, diese Nähe erleben. Darum weiss ich auch nicht, warum ich es Anna hätte erzählen sollen. Auch jetzt sah Max nicht zu Gerd, sondern hielt seinen Blick starr auf seinen rechten Zeigefinger gerichtet, mit dem er aus dem Glas den Bierschaum strich und zu seinem Mund führte. Ja, es stimmt, sie war damals beruflich sehr ausgelastet. Lassen wir es, Gerd, komm, wir gehen noch eins weiter.</description>
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    <title>einordnen.</title>
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    <description>John ist Rechtsanwalt; darum muss er immer zunächst noch ein unumgängliches Telefonat erledigen, wenn man ihn in seinem Büro besucht, um ihn zu einer Verabredung abzuholen. Man fragt sich bei ihm manchmal, ob er eine bestimmte Handlung aus Freundschaft oder doch zur Karriereförderung vornimmt. Ich glaube nicht, dass er, wenn er sich selber betrachtet, die beiden Zwecke zu trennen vermöchte, dass diese Trennung in ihm überhaupt existiert. Und daher glaube ich, dass es auch müssig wäre, eine solche Unterscheidung von aussen her auf ihn anzuwenden. Ich habe mich also sehr gefreut, als er mich an meinem Geburtstag anrief.</description>
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    <dc:date>2006-01-10T20:47:15Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1385237/">
    <title>duftluft.</title>
    <link>http://kieselsteine.twoday.net/stories/1385237/</link>
    <description>Herr Tobler würde sich eine solche Sprachschöpfung wohl verbitten; doch man könnte durchaus sagen, dass er manchmal einer Art Geruchsvoyeurtum nachgeht. Es geht ihm dabei nicht darum, im Gedränge einer samstagnachmittäglichen Fussgängerzone das Parfüm einer Dame zu riechen, die ihm in der Not direkt vor die Füsse gestanden ist. Unter diesen Umständen kann er sich nicht auf solche Dinge konzentrieren; die Vielfalt der Gesichter, Gerüche und Geräusche in Menschenmengen bettet ihn zumeist in Duseligkeit. Herr Tobler achtet aber oft darauf, in der Eisenbahn einen Korridorsitz zu nehmen. Sobald der Zug fährt, die Reisenden ihr Gepäck verstaut und sich gesetzt haben, beginnt die Luft im Wagen sich zu beruhigen, und bald steht sie fast still, als ob das leise Surren der Lüftungsanlage sie schläfrig werden liesse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Anlage saugt so fein, dass sie die Gerüche erst nach einer kurzen Weile schwächt, bevor sie sie zum Verschwinden bringt. Daher muss Herr Tobler jeweils warten, bis im Wagen die letzten warmen Speisen mit Lammfleisch aufgezehrt und einigermassen verdaut worden sind. Danach wird die Luft still und homogen, ausser, wenn Menschen durch die Wagenmitte schreiten. Immer dann, wenn diese schon drei Schritte an Herrn Tobler vorübergegangen sind, wird sein Gesicht vom Luftwirbel erfasst, der dem menschlichen Gang hintennach eilt. Auf diesen Moment hat er sich vorbereitet, indem er ausatmete. Sobald der feine Luftzug ihn erreicht, atmet er ganz vorsichtig und sanft ein, studiert den Geruch in der Nasenspitze wie einen alten Bordeaux auf dem Gaumen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Natürlich mag er Frauengerüche besonders gerne, denn Kinder riechen häufig nach weichem Zwieback, und von Männern breitet sich zumeist dasselbe Rasierwasser aus, oder es sind bei ihnen nur die Faulsäuren schlecht getrockneter Jacken wahrnehmbar. Ihn interessiert eigentlich nur der Körpergeruch, nicht ein aufgetragener Duftstoff, doch bei Gesichtscremes gegen trockene Haut kann er sich nur sehr selten ganz verweigern. Das ist vielleicht so, weil er sich Frauen seit jeher nur in engstem Zusammenhang mit Cremes aller Art vorstellen kann. Er befürchtet manchmal sogar, dass das, was er zweifelsfrei als genuinen und zudem betörenden Frauengeruch festgestellt hat, vielleicht doch bloss das Ergebnis einer Kombination von Düften ihm noch unbekannter Pflegemittel und Kosmetika sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Manchmal sitzt Herr Tobler den ganzen Nachmittag über im freskenüberhangenen Lesesaal der Stadtbibliothek und liest, unter all den lernenden Studenten, einen geschichtlichen Roman über Intrigen in verblichenen Kaiserdynastien, oder eine Geschichte mit Protagonisten, die über ihr Leben sinnieren. Er las einmal bei einem Autor von der abstrakten, freien Zukunft, die der Jugendliche auf dem Weg zum Erwachsenensein gegen die konkrete, bestimmte, unveränderbare Zukunft eintauschen muss. Und weil er über seine eigene abstrakte Zukunft nicht hatte verhandeln wollen, weil sie ihm dann einfach abhanden kam, fühlt er sich bei Studenten wohl, bei diesen Inbegriffen des hinausgezögerten Könnte-Seins.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen den Zweierlesepulten gibt es auch in der Bibliothek einen Mittelgang, in dem Durchschreitende die Luft aufwühlen und für kurze Zeit mit ihrem Geruch anreichern. Manche riechen nach gekochtem Öl und altem Zigarettenrauch; andere wiederum nach ihrem Kopfkissen oder ihrem Feinwaschmittel. Hat Herr Tobler Glück, so setzt sich eine fein duftende Studentin neben ihn (er kommt vorsichtshalber schon in der Mittagspause, wenn noch die meisten Pulte ganz unbesetzt sind; so muss nicht er um einen Platz bitten), wobei er hier (es geht ja um den ganzen Nachmittag) auch mit guten Parfüms Vorlieb nimmt. Er streicht ab und zu eine besonders gute Passage seines Buches mit grünem Leuchtstift an, um sie später wieder zu finden; obwohl er weiss, dass er sie nie mehr suchen wird, dass er das nur hier tut und nur, um sich dem wissenschaftlichen Tun um ihn herum anzugleichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sich seine Nase nie zu sehr an den Duft seiner Nachbarin gewöhnen kann, wischt er sie regelmässig gründlich mit einem Tuch ab und schnuppert dann von neuem; unhörbar langsam durch die Nase, mit dem Gesicht tief in den Textzeilen. Er liest nie sehr viel, denn in der Ruhe, die ihm hier verordnet ist, bringt ihm der andauernde Duft der Nachbarin mit all seinen Facetten Gedanken und Erinnerungen, die ihn forttragen.</description>
    <dc:creator>moccalover</dc:creator>
    <dc:subject>&lt;a href=&quot;http://kieselsteine.twoday.net/topics/Personen&quot;&gt;Personen&lt;/a&gt;</dc:subject>
    <dc:rights>Copyright &#169; 2006 moccalover</dc:rights>
    <dc:date>2006-01-09T22:02:47Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1302440/">
    <title>prinzipien.</title>
    <link>http://kieselsteine.twoday.net/stories/1302440/</link>
    <description>Konrad ist ein Mensch, der Angst hat. Angst vor der Welt. Er wird bald heiraten; heute war er zur Erledigung der Formalitäten auf dem Standesamt. Angst vor der Welt kommt in allen Schichten vor, wahrscheinlich gleichmässig verteilt. Auch vor seiner aus gleicher Schicht stammenden Zukünftigen hat er Angst; jedenfalls dann, wenn sie besorgt zu ihm in die Küche ruft, wo er gerade etwas zu sehr mit dem Geschirr klappert: Ach, Konni, lass das doch, ich machs dann schon! Aber diese Angst ist ihm um vieles lieber als andere Ängste, die draussen, ausserhalb dieses lichterkettenbehangenen Villenquartiers, lauern und über ihn lachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Man merkt Konrad seine Angst nicht an; alles liesse darauf schliessen, dass er sich wohl fühlt und er in der beruflichen Position, die er seit Jahren nicht aus den Augen lässt, sich irgendwann einmal in Zufriedenheit würde baden können. Doch das ist nicht gesichert. Denn letztlich geht es ihm nicht um diese bestimmte Einordnung in seiner Berufskaste und der allgemeinen Gesellschaft, sondern nur darum, die Ansprüche, die er um sich herum und in sich drinnen spürt, aufzufangen und zum Schweigen zu bringen. Konrads Vater ist an einer Stelle angelangt, welche seine ausserordentliche Fähigkeiten und seine Hochintelligenz ex officio beglaubigt; Konrad selber hingegen ist nur ganz gewöhnlich intelligent. Er fragt nicht gerne nach, das kommt ihm nicht in den Sinn. Er weiss, dass er das, was er weiss, meist nur gehört oder gelesen hat, doch er mag nie nachfragen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn Konrad erzählt, lehnt er sich zurück in die Breite des Sofas und streckt beide Arme zur Seite hin von sich. Er klatscht mit den Handflächen auf die Lehne, legt seinen Kopf nach hinten und blinzelt über die unteren Lider hinweg. Er spricht über die Schlechtheit von Politikern und Staatsbediensteten; er legt dar, warum er mit dem und jenem in seinem Umfeld brechen musste. Er hat strenge Prinzipien, und das nicht ohne Gründe, wie er sagt. Viele Menschen haben bereits gegen diese Grundsätze verstossen, und darum musste er sich von ihnen abwenden. Manche haben sich vielleicht selber widersprochen und plötzlich mit der geschlafen, die sie vorher blöd fanden. Manche haben vielleicht ihm etwas versprochen und ihn dann trotzdem enttäuscht. Manche haben vielleicht einfach den Fehler gemacht, ganz anders zu sein als er, oder ihn nicht besonders zu mögen. Alle sind sie in seinen Berichten ein wenig wie dumme Meerschweinchen; sie können alle etwas nicht, das er hingegen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konrad fürchtet sich auch vor Menschen, die von weit herkommen oder deren Ahnen von weit herkamen. Auch wenn sie ihm in seinem Büro nur spätabends, als Putzkräfte entgegentreten. Er fürchtet sich auch vor denen, die nichts haben und herumlungern. Er weiss das zwar nicht, denn immer schon stand er breitbeinig, hier an diesem Platz. Aber er traut niemandem und fürchtet um seinen Platz, weil er weiss, dass er diesen vererbt bekommen hat, und weil er in sich spürt, dass er nichts dafür konnte. Konrad liebt sein kleines Wohnzimmer mit den roten Ledermöbeln, mit der baldigen Ehegattin und mit dem Diplom im Glasrahmen, in dem seine Prinzipien und Regeln ihn vor der Verletzung seiner Gefühle bewahren.</description>
    <dc:creator>moccalover</dc:creator>
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    <dc:date>2005-12-19T23:49:20Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1265864/">
    <title>dekret.</title>
    <link>http://kieselsteine.twoday.net/stories/1265864/</link>
    <description>Erlauben Sie, mein König, dass ich Ihnen das Dekret nochmals verlese, bevor Sie es signieren.  Nein, nein, ich kenne es wohl, Herr Justizminister, ich kenne es sehr gut. Es verbietet allen Männern auf meinem Hoheitsgebiete, zu Tag und zur Nacht, jegliches Trinken geistiger Getränke, unter der Androhung schwerer Strafen, die bis zur Verbannung reichen können.  Oh ja, mein König, Sie haben das genau erfasst. Darf ich Ihnen noch einen Whisky reichen, bevor Sie unterzeichnen?  Ja, bitte, sehr gerne, lassen Sie nur nachschenken! Sagen Sie, Herr Minister, genau genommen (und ich habe mir das wirklich lange überlegt!), müsste man nicht fast behaupten, dass mit diesem Dekret auch mir das Trinken verboten werden könnte? Schliesslich befinde ich mich ja auch zumeist auf meinem Territorium, wenn ich nicht gerade auf Seereise bin.  Mein König, Sie zeigen Hang zu groteskestem Scherz; natürlich kann dieses Gesetz nicht auf Sie angewandt werden. Sie sind doch damit überhaupt nicht gemeint!  Sie sind ja auch kein Trinker, Sie trinken kultiviert.  Nun, ich sehe, was Sie meinen, Herr Minister, Sie sind ein weiser Mann. Sie treffen haarfeine Unterscheidungen, die aber dann doch bloss ihr Juristen versteht.  Ich aber sage Ihnen: Wir leben hier in einem Rechtsstaat, und ich dulde nicht, dass der König irgendwelche Privilegien geniesst. Und darum fordere ich Sie auf: Ändern Sie diesen Rechtssatz, ich möchte nicht anders behandelt werden als mein Volk.  Natürlich, mein König, wir werden eine neue Vorlage ausarbeiten, welche bloss das verwahrloste Trinken unter Strafe stellt.  Ich wusste es, ich wusste es, dass Sie es besser können, Herr Justizminister! Gehen Sie, und empfangen Sie Ihre gerechte Belohnung.</description>
    <dc:creator>moccalover</dc:creator>
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    <dc:rights>Copyright &#169; 2005 moccalover</dc:rights>
    <dc:date>2005-12-12T22:18:27Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1247611/">
    <title>pfefferminztee.</title>
    <link>http://kieselsteine.twoday.net/stories/1247611/</link>
    <description>Von allen Seiten her muss Herr Tobler Blicke in Kauf nehmen; sein quadratischer Tisch steht mitten im Raum. Normalerweise sitzt er am grossen Fenster. Nun war nur dieser Tisch noch ganz frei. Denn  jemanden an den grossen Tischen mit den vielen freien Plätzen anzusprechen, das hat Herr Tobler sich nicht gewagt. Er weiss, dass die Leute, die dort sitzen, sich nicht wirklich kennen, doch zugleich scheint ihm eindeutig, dass sie sich eben doch alle irgendwie bekannt sein müssen. Er hingegen hat keinerlei Anknüpfungspunkte zu bieten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er ist gerade mit dem Zug angekommen und hatte eigentlich keine Lust mehr darauf, Leute zu sehen, mochte aber auch nicht heimgehen. Ein altgedienter Erstklasswagen seines Zuges hatte Klebezettel an den Fenstern getragen: Deklassiert. Und Herr Tobler war in stiller Vorfreude auf den geschenkten Zusatzgenuss zur Eingangstüre marschiert, doch die Plätze waren alle besetzt gewesen von anderen Zweitklasspassagieren, die ihre Eroberung sichtlich genossen. Herr Tobler ist in einen fast leeren Zweitklasswagen ausgewichen und hat sich während der ganzen Fahrt in gekrümmter Haltung im Sitz versteift.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er liest schon in der zweiten Zeitung, und ab und zu blickt er kurz zur Kellnerin, ohne den Kopf anzuheben. Sie sieht meist woanders hin, auf die Hebel und Gläser, auf ihr Portemonnaie oder in die Augen der Zahlenden. Doch ein paar Mal schon hat sie kurz zu ihm zurückgeschaut. Nicht freundlich, nicht unfreundlich, nicht einmal gleichgültig und vielleicht ein wenig fragend. Normalerweise hätte Herr Tobler es sich bequem gemacht, hätte sich zurückgelehnt und laut geraschelt beim Blättern der Zeitungsseiten. Er hätte sich heimisch gefühlt und stundenlang auf den Gehsteig hinausgestarrt. Normalerweise hätte er eintretenden Gästen freundlich in die Augen geschaut und ihnen vielleicht gar zugenickt. Nicht so heute, er fühlt sich klein und möchte gehen, doch er hat ja noch nicht einmal seinen Tee bestellen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wenn er einfach aufstände und ginge, ohne konsumiert zu haben, sähe das allzu merkwürdig aus, findet er. So kann er erst recht nicht schon wieder weg; Herr Tobler ist sich sicher, dass längst alle im Raum dem fortdauernden Versäumnis der Kellnerin diskret und gespannt zusehen. Sich bemerkbar zu machen, das kommt ihm heute nicht einmal in den Sinn. Die Kellnerin ist von einer Schönheit, die ihn zuerst erschreckt und dann eingeschüchtert zurücklässt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Und nun kommt sie auf ihn zu, lächelt verlegen und fragt: Haben Sie noch gar nichts bestellen können? - Nein, doch ich hätte ganz gerne eine Tasse marokkanischen Pfefferminztee, also ich meine, einen mit marokkanischer Minze, Pfefferminze, drin. Bitte.  Ach, das tut mir leid, ich dachte die ganze Zeit, Sie hätten schon längst erhalten! Entschuldigen Sie vielmals, das ist mir sehr peinlich. Sie lächelt lieb und versöhnlich. Normalerweise hätte Herr Tobler das genossen. Doch weil er sie nur ausdruckslos ansieht, sagt sie: Kommt sofort und geht zur Theke zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Was redest du da, sagt Herr Tobler in Gedanken zu ihr, mir ist es peinlich, mir alleine. Du lächelst dich ohnehin verlegen durch den Tag. Aber ich, ich habe mich gefangennehmen lassen, habe deine kleine Unachtsamkeit bar jeglicher Vernunft als Beweis meiner Nichtigkeit, meiner Ohnmacht und als tiefe Verletzung erlebt. Ich bin nicht böse auf dich, was kannst du schon dafür. Aber lass mich bitte in Ruhe, ich mag dir nicht verzeihen. Das schiene mir ganz und gar lächerlich, ist es doch nicht die mangelhafte Dienstleistung, die mich so schmerzt. Das wäre noch das Geringste. Normalerweise würde ich mit dir scherzen, würde vielleicht über uns lachen, doch nicht heute.</description>
    <dc:creator>moccalover</dc:creator>
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    <dc:date>2005-12-08T20:50:54Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1214639/">
    <title>disput.</title>
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    <description>Du verdammtes, egoistisches Wohlstandsgör, du pumpst dich allabendlich mit Rauschmitteln aus der Welt hinaus. Du willst mir etwas erklären? Schweig bitte, schweig schnell; ich hab Leute wie dich echt dick, du bist für mich so durch wie nur etwas. Mach nur, spiel dich auf, du Philosoph der grossen Zusammenhänge. Solang die Bank noch Kohle schiebt, so lange wirst du weiter machen. Relativiere nur, deklariere deine Ohnmacht, deine Unkenntnis.  Nun beruhige dich, du schweisstriefender Gutmensch, sonst bist du dieses Label bald mal los. Mach dich doch zum Rädchen in der Maschine, das du so verachtest. Ja, nichts anderes tust du, als uns allen die Gewissheit zu geben, dass da schon jemand dazu schaut, zu den hässlichen Dingen; jemand der verrückt genug ist, der ohnehin nichts Gescheites tun könnte. Schön für uns alle, denn so können wir das abhaken und dir zu Weihnacht eine Spende zukommen lassen. Und mehr und mehr sind wir überzeugt, dass alles gut ist so; denn was wir nicht so gut machen, das machst du wieder gut. Immer wieder sind wir so überzeugt, dass alles gut ist, dass wir dich nur noch belächeln können, weil du das nicht sehen willst.  Diese deine Überheblichkeit ist es, die mir mehr Galle in den Mund spült, als fünfzehn Ochsen in ihrem ärmlichen Dasein je hergeben könnten. Ganz anders sprächest du, sässest du tagsüber nicht auf einem Lederstuhl.  Ich könnte mir dessen nicht bewusster sein, sei dir da versichert.  Und doch tust du nichts, ausser zu denken; und dabei kommst du immer zum gleichen Schluss, dass nämlich nichts getan werden könne. Und dann tust du nichts. Ich finde, ich tue etwas Sinnvolles, nicht so wie die meisten anderen, und das gibt mir Befriedigung. Eine Genugtuung, die du und die anderen nicht erreichen werdet.  Nun reichts mir, ich müsste dir den Kopf abreissen, aber du bist zu tief in deinem Filz, um noch irgendetwas sehen zu können. Wie viele dummnormale Schafe braucht es denn, was meinst du, damit einer wie du sich besonders fühlen kann? Glaubst du etwa, mir bereitet das alles eitle Freude? Ich leide, genau wie du. Aber ich leide noch viel mehr, weil ich mir nichts vormache wie du. Ich gehe nicht auf darin, Sandkörner einzeln auf erodierende Berge zu tragen, ich kriege diese selbstgerechte Feierabendzufriedenheit nicht, nur weil ich zu den Besserdenkenden gehöre.  Arroganter Tor!  Verblendetes Eifererarschloch!  Ersaufe in deiner Ohnmacht!  Ersticke an deiner Allmacht!</description>
    <dc:creator>moccalover</dc:creator>
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    <dc:date>2005-11-30T20:36:20Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1189514/">
    <title>zeitensprung.</title>
    <link>http://kieselsteine.twoday.net/stories/1189514/</link>
    <description>In der Stube, im Fernsehen warb eine ehedem preisgekrönte Stadtschönheit in enger Bekleidung und starker Befärbung für ein Ratespiel, das sich mit Fernsehwerbung auseinandersetzte und beworbene Produkte als Gewinne auslobte. Max räumte zum dritten Mal den Abwaschautomaten wieder aus, um durch klügeres Einordnen sämtliches Geschirr unterbringen zu können. Gerd klaubte Farbstifte und Papierschnipsel vom Boden. Das war ein schöner Sonntag, Gerd! Ich finde mich plötzlich in einem neuen Zeitalter wieder. Gerd blickte auf, erhob sich und holte Schaufel und Besen. Ja, es war sehr schön, aber was plapperst du von neuen Zeiten? Kauernd wischte er Krümel und Schnipsel auf die rote Plastikschaufel mit dem ergonomischen Griff. Ist doch klar, wir waren vor recht kurzer Zeit noch Kinder, haben uns hier gerade erst als Erwachsene im eigenen Reich konstituiert, und plötzlich rennen diese kleinen Kinder uns um die Ohren, ziehen Klopapier quer durch die Wohnung und lassen ihre Tassen halbvoll stehen. Max fluchte theatralisch, weil er gerade eine Tasse beim Einräumen auf den Kopf gestellt hatte, ohne zu ahnen, dass die Milch auf den Maschinendeckel und von da aus auf seine Hosenbeine spritzen würde. Verstehst du, wir haben die paar Jahre doch krampfhaft versucht, erwachsen zu sein, uns nach unseren Vorstellungen einzurichten und auch so zu leben, in unserem Reich. Aber wir wussten immer, dass das hauptsächlich Mache war. Und dann kommen die Kinder und machen einen gleichsam begriffsnotwendig zu Erwachsenen. Das ist der Zeitensprung. Max schob die Schubladen sorgfältig in die Maschine zurück und schloss den Deckel triumphierend. Er setzte sich an den kleinen Holztisch und legte seine Füsse auf einen zweiten Stuhl. Gerd leerte seine Schaufel in den Abfalleimer, versorgte das Putzzeug und setzte sich ebenfalls. Ja, nun, ja, die sind süss, die Kleinen, nicht? Keine Frage, Gerd! Süsse Mutter, süsse Kinder, alles wunderbar! Und sie mögen dich sehr, vertrauen dir, beziehen dich mit ein; das sieht man. Sie sind eigentlich eher scheu, aber sie wollen andauernd auf deinem Schoss oder auf deinen Schultern sitzen. Mir gefällt, dass Eva jetzt auch ab und zu hier erscheint, dass ich sie auch kennenlernen durfte, und dass sie die Kinder mitnimmt. Das ist es ja, Max.  Nimmst du einen Kaffee, vielleicht? Gerne; aber, was meinst du genau? Gerd stand auf, drehte sich um und wandte sich der Kaffeemaschine zu; er mahlte das Pulver, füllte das Sieb und brühte den Kaffee mit bedächtig und bedeutsam ausgeführten Handgriffen. Max verstand, dass er zu verstehen hatte, wie Gerds gesamte Aufmerksamkeit gerade von der Kunst der Kaffeezubereitung in Anspruch genommen war. Endlich drehte Gerd sich um, stellte die beiden Tässchen auf den Tisch und bot Max die Zuckerdose an. Es ist schwierig, weisst du, mit den Kindern. Ich werde selber zum Kind, ich werde sie bald lieben, ich werde sie bald vermissen, wenn ich sie nicht sehe. Und für sie bin ich schon jetzt ein gewichtiges Ereignis in ihrem kurzen Leben. Das ist es. Natürlich, mein Lieber Max streckte seinen Rücken und lehnte sich weit vor, stützte sich auf seine Unterarme, die er auf dem Tisch vor sich verschränkt hatte. Ich weiss doch. Die Kinder sind nicht freiwillig dabei, in diesem Experiment. Aber das ist genau das Gute an dieser Geschichte, Gerd, genau das Gute! Warum? Gerd duckte sich in seinem Stuhl; ihm war unwohl, wenn Max ihm die Welt erklärte, und doch konnte er nie weghören. Ganz einfach. Für einmal musst du dich entscheiden. Und zwar früh. Gleich. Nicht wie im Fernsehen. Sondern jetzt.  Naja, spätestens in ein paar Wochen, jedenfalls. Für einmal kannst du nicht Tee trinken und die Dinge ihrem Lauf überlassen. Das kannst du ohnehin nicht, dieses scheinbare Geschehenlassen ist bloss unsere miese kleine Ausrede; doch das ist eine andere Diskussion. Du könntest wohl sie verlassen, wenn ihr euch fad werdet. Aber du spürst es ja, du könntest die Kinder niemals versetzen. Und bald schon werden sie auf dich zählen. Gerd rührte im Zuckerrückstand seiner weissen Espressotasse herum, und Max drehte sich zum Fenster, um zu rauchen. Es ist gut, du hast recht. Ich brauche diesen Tritt in den Arsch.</description>
    <dc:creator>moccalover</dc:creator>
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    <dc:date>2005-11-24T21:11:21Z</dc:date>
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  <item rdf:about="http://kieselsteine.twoday.net/stories/1149722/">
    <title>wissen müssen</title>
    <link>http://kieselsteine.twoday.net/stories/1149722/</link>
    <description>Diese Strasse wurde geopfert und vergessen. Sie liegt gleich hinter der scheinalten Altstadt; sie schluckt tags und nachts den Verkehr, den man aus der Kopfsteinpflasterzone vertrieben hat. Jeder kommt hier einmal durch, der sich auf dem Parcours der Einbahnstrassen dieser Stadt fortbewegt, doch keiner, der diese Strasse je verlassen hat, kann sich im darauffolgenden Augenblick noch an sie erinnern. Es ist allen, als wäre zwischen den letzten beiden Ampeln nichts passiert, als hätten sie kurz gedöst und nichts mitbekommen, und nicht einmal das bemerkt jemand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diese Strasse hat breite Trottoirs, aber gar keine Läden, nur schwerfällige, hochgeschossige, hundertjährige Verwaltungsburgen, die heute menschenleere Server- und Datenräume beherbergen. Die Mauern sind dunkelgrau und alle auf einer Linie, und die untersten Fenster sind weiter oben als jeder Kopf, ihre weit herausragenden Simse verstellen sämtliche Sicht ins innere. Auf sichtbarer Höhe sind bloss die kleinen Kellerfenster mit Schmiedeisengittern, die hinter einem dicken Rahmen vom Inneren der Wand her das Schwarze hervorgucken lassen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Blechkasten mit zwei verspiegelten Augen wacht über die Fahrzeuge, die durch diesen Korridor rasen und breite Linien, gesprenkelt von weissem Schaum, durch das Regenwasser ziehen. Ab und zu schickt er orange Blitze zu Boden, die zu den Häuserwänden zurückfallen, erlischt sogleich wieder und bewegt sich nie. Nina geht schnell, aber nicht auf gerader Linie, sie trägt zwei schwere Papiertaschen, deren Schwung sie mal auf die eine, mal auf die andere Seite ausschweifen lässt. Die Butter ist wohl weich geworden, und die Eierschwämme pampig. Sie war nach dem Einkaufen noch im Kino, und dann in der Kinobar beim Portwein, weil der Humor des Films es nicht vermocht hatte, auf sie überzugreifen. Sie war fünf Gläser lang geblieben und hatte mit dem dünnen Mädchen an der Theke, das sich wie jeden Dienstagabend langweilte, ein nettes Gespräch über Studiengebühren und Assistenzärzte geführt. Jetzt war sie alleine und musste hier durchgehen, wo kein Schaufenster mehr ihr Abwechslung bot, keine Bar mehr sie mit Versuchung ablenken konnte. Nur Mauern, Boden, Stein, Teer; und Autolichter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sie hätte es wissen müssen. Damals, Nina, da hast du noch Katharina und den anderen erzählt, wie süss er sich herausgeredet und behauptet hätte, Anna sei seine Cousine. Natürlich hast du die Lüge rasch erkannt, aber da trennte er sich schon von Anna, und nicht viel später fing alles so schön an. Du dachtest oft an die Lüge, doch du fandest sie süss und vollkommen ohne Schuld. Du fandest sie nur süss, weil sie für dich geschah. Dachtest du  für dich. Es war für ihn, alles nur für ihn, für seinen Egoismus. Du hättest es wissen müssen. Ich werde die Eierschwämme wegwerfen, und ich werde eine neue Wohnung gefunden haben, ehe er zurück ist. Ob er ihr gesagt hat, dass ich seine Tante sei?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nina fasste die feucht gewordenen Papiertaschengriffe mit den Händen nach und drückte die Finger fester zusammen. Sie zog ihren Kopf nach oben und atmete tief ein. Nur noch fünfzig, hundert Meter, dann die Gasse hinab und zur Türe hinein. An der Ampel vorne sass ein Mann im Fenstersims eines Kellerfensters; er musste sich ducken und den Kopf ein wenig hervorstrecken, weil der Leerraum nur bis zu seinem Nacken reichte. Zwei Krücken lehnten an der Wand, und eine Bierdose stand neben dem sitzenden Mann. Er blickte ängstlich zu ihr hoch, wie sie an ihm vorüberschritt. Sein Fussverband war von der nassen Strasse geschwärzt worden. Gestern noch hatte sie am Bahnhof oben zwei Franken für ihn aus der Hosentasche geklaubt. Sie wich seinem Blick nach kurzem Verhaktsein darin wieder aus. Und du wolltest traurig sein, Nina. Da, das ist traurig, mein Mädchen. Schäme dich.</description>
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