Das Leben.
Ein Schlüssel, der mir Haus und Wohnung öffnet.
Ein paar Karten, mit denen ich Geld für Waren und Dienstleistungen erlangen kann.
Eine Karte, die meinen Namen trägt.
Überall Datenbanken, die diesen Namen auch kennen.
Ein paar Gewissheiten und ein paar Erinnerungen.
Wie ich heisse, und was früher geschehen ist.
Gesichter, die mich erkennen, und Herzen, die sich ein Bild von mir gemacht, die mich in ihre Welt eingebaut haben.
Viele Personalien und Passwörter, mit denen ich mich einklinke und die mir Zugänge öffnen.
Telefonnummern und Visitenkarten.
Geschichten, die mich einbringen, die mein Leben ausweisen.
Verhaltensweisen und eingeübte Gesten.
Ein Haufen Verträge, damit für dies und das gesorgt ist.
Gegenstände, die mich freuen, die ich nicht wegwerfen kann oder die ich benutze, ohne darüber nachzudenken.
Ein paar Narben, an denen ich mich besinne.
Das Glück, auf niemandes schwarzer Liste zu stehen.
Die Erinnerung als einzige Existenzgrundlage.
Ich habe nicht gewusst, dass ich alles hinter mir hertragen, um mich herum gruppieren und orchestrieren muss, um mich nicht zu verlieren, um mich orientieren und bewegen zu können, in meinem Leben. Ich dachte, ich könne alles vergessen und frei sein.
moccalover - 12. Okt, 00:38
Trauerst du ihr nach? – Heiner wollte verständnisvoll, aufnahmefähig und teilnehmend wirken, aber zur Hauptsache war er doch einfach nur interessiert, nicht zuletzt auch daran, dass Benno seine Frage bejahen würde.
Keineswegs, mein Lieber, auf gar keinen Fall. Ich weine nicht, ich lächle ihr nach. Alles ist schön so, und alles hatte seinen Platz und seine Zeit. Mein Lächeln ist zufrieden und wohlwollend. – Benno lächelte das Lächeln, das er beschrieben hatte, und brach nicht ab. Die beiden sassen auf Bennos Balkon und blickten über den Parkplatz hinweg auf eine Gewitterfront, die sich am Stadtrand auftürmte.
Du bist also tatsächlich traurig! – Heiner triumphierte nicht. Bennos untaugliche Verstellungsversuche betrübten ihn plötzlich.
Natürlich bin ich traurig, verdammt, aber es ist ein süsses Gefühl. Fast wie nach einem Pfadfinderlager, damals, wenn unvermittelt alles vorbei ist und du allein zuhause sitzt. – Benno schwieg lange und starrte in den Himmel, um den nächsten Blitz zu erhaschen.
Der nächste Blitz war majestätisch, und der Donner gewaltig. Benno wandte sich wieder Heiner zu. – Alles in allem vielleicht fünfzig Minuten, letztlich aber nur fünf; ach was, am Ende nur ein paar Sekunden. Das ist die ganze Geschichte, mein Lieber, die mich so mitnimmt. Eine lange Unterhaltung, zwei Stücke Tanz, aber am Schluss, was als lebendiges Gefühl und nicht nur als Erinnerung in mir geblieben ist, ein paar Sekunden ihrer Blicke (und natürlich ein warmes Berührungsgefühl vom Tanzen). Und jetzt ist alles wieder so, wie es war, und wie es sein muss. So wenig und dadurch so perfekt. Nur die Spitze der Krone der Sahnehaube des Eises mit der Zungenspitze gestreift. Traurig bin ich, weil mir irgendeinmal das ganze Leben so vorkommen wird, wenn es endet; nur ein einziges kurzes Blinzeln vor einer riesigen, wunderschönen Landschaft.
moccalover - 2. Sep, 22:50
Du hast jemand, der für dich Sandwichs streicht. Da ist einer, der deinen Zugsessel vom Staub befreit. Manche nähen für dich deine T-Shirts, wenn du noch im Pyjama steckst. Der Abfalleimer bei den Glascontainern ist immer geleert, wenn du am Samstagmorgen die Flaschen herausträgst und dann die leeren Plastiktüten wegwirfst. Wenn Du etwas gekauft hast und du verstehst es nicht, steht eine Nummer auf der Verpackung, unter der dir jemand mitten in der Nacht am Telefon antworten wird. Jemand hat die Rosen gehegt und geschnitten, mit denen du die Badewanne füllst. Das Buch über Dein nächstes Reiseziel hast du in einem Laden ohne Fenster gekauft. Damit nichts schiefgeht, sitzt in einem Glaskasten einer, der auf den Hauseingang aufpasst. Und um das Rind zu schneiden, aus dem dein Steak hervorging, stand jemand in der Kälte eines Kühlhauses. Warum zum Teufel willst du keine Reinigungskraft bei dir zuhause? Was bildest du dir ein?
moccalover - 2. Sep, 22:50
Kopenhagen ist schön, das haben mir meine Erinnerungen gesagt. Es ist rotorange, die Sonne steht tief, aber scheint warm, und es gibt viele Menschen, die etwas Schönes im Sinne zu haben scheinen, und die radfahren.
Die Uhr des Hauptbahnhofs zeigt an, dass Mitternacht schon vor mehr als einer ganzen Stunde war. Sie zeigt drei senkrechte Striche hintereinander, nur durch einen Doppelpunkt getrennt. Die Leuchtreklamen rundherum erzählen von Unternehmen, die ich nicht kenne, die aber wie überall schöne, positive Namen und aufeinander abgestimmte Farben tragen.
Neben mir liegt ein Bett, vor mir steht eine Flasche Bier, die ich genau gleich auch irgendwo anders kaufen könnte, und unter meinen Fingern arbeitet der Computer, wie ich es ihm auftrage. Bin ich hier? Oder bin ich dort, wo ich immer bin? Kann ich woanders sein, wenn mein Mensch hier ist? Kann es sein, dass ich gar nie fortkomme, und nur meine Sinne, wenn ich genau hinfühle, mir etwas anderes vorgaukeln?
Ich sehe mich im Spiegel, der an die Wand geklebt ist, die hinter dem Schreibtisch steht. Das beweist und widerlegt alles.
moccalover - 28. Aug, 01:21
Natürlich hörte ich die Schreie, aber Plätze wie den, wo das war, die sieht man oft im Fernsehen; und da schreien sie dann auch, da gehen sie einander auch an die Kehle, da klingt es genau gleich. Aber man ist ja dann meist beim Bügeln, wenn es so schreit im Fernsehen, oder beim Abwasch. Und darum habe ich mich nicht umgedreht, darum bin ich weitergegangen. Ich habe nicht gedacht, dass mich das etwas angehen sollte.
moccalover - 24. Aug, 00:42
zu viel Scheibenkäse, zu viel Alkohol.
zu viele Plastikkarten, zu viele Pincodes.
zu viele Piktogramme, zu viele Dekolletees.
zu viele Texte, zu viele Meinungen.
zu viele Bilder, zu viele Gefühle.
zu viel Kraft, zu viele Narben.
zu viel Gelächter, zu viele verborgene Blicke.
zu viel Beton, zu viel Benzin.
zu viele Menschen, zu viele Schritte.
zu wenig Luft.
moccalover - 23. Aug, 22:59
du arbeitest zuviel. – ich arbeite gerne. – ein Alkoholiker trank auch einmal gerne. – den Alkohol habe ich ja einigermassen im Griff. – kannst Du denn nicht ab und zu gerne arbeiten, und dann ab und zu gerne wieder etwas anderes tun? – nein, nur wenn ich nie ruhe, bleibt das Feuer und werde ich nicht zu Blei. ich hab’s versucht, aber es geht nicht; je weniger Aufgaben ich mir gebe, desto grösser scheinen sie mir, desto mühseliger, und desto mehr siegt dann meine Faulheit, und ich tue gar nichts. – aha, du bist also ein Fauler, der gegen das Ertrinken kämpft?
moccalover - 23. Aug, 22:58
Max hatte dieses Mal wenig Mühe, seinen Blick nicht abschweifen zu lassen. Sie schaute zu ernst, und auch ihm war, schon den ganzen Tag lang übrigens, überhaupt nicht nach einem Lächeln zumute. Max trank seinen Eistee in kleinen Schlücken und kurzen Abständen. Wenn er nicht sie anschaute, dann blickte er auf sein Glas und die schwimmenden Minzeblätter darin. Oder er blies Zigarettenrauch in die Bambussträucher, die die Gaststätte vom Gehsteig abgrenzten. Rundherum suchten die Leute freie Plätze an den grossen Tischen, oder standen auf, oder trafen sich, oder verabschiedeten sich. Es war sehr heiss. Aber Max’ Blick war gelähmt, weil Max sich schämte, und weil ein Abschweifenlassen des Blicks den seidenen Spinnenfaden, der alleine sie beide hier an einem Tisch hielt, zerreissen liesse. Sie machte mit ihren Augen und ihren Armen derweil viele Bewegungen, die den Faden gefährlich in die Länge zogen.
Mit einemmal fuhr ein Feuerwehrfahrzeug nach dem anderen vorbei, alle mit gleich lauter Sirene, was die meisten Gespräche verstummen liess, währenddem wenige zum Gebrüll anschwollen. Vielleicht hatte ein Blitz des herannahenden Gewitters ausserhalb der Stadt eine grosse Scheune getroffen. Max und Sarah entschieden sich fürs Schweigen und warteten. Sie waren froh, dass ihr Schweigen einen Moment lang einen äusseren Grund hatte. Als der Lärm aber vorbei war, konnte sie sich das Lächeln nicht verkneifen, weil er die ganze Zeit über ein Stück Orangenfruchtfleisch in gedankenverlorenem Genuss zwischen den Eckzähnen verbiss. Sie sagte, dass sie wohl freinehmen würde, wenn es weiter so heiss bleibe. Und Max lächelte plötzlich auch, und sie ergriff seine Hand, und sie erzählten sich lustige Kurzgeschichten über die Menschen, die an der Ampel standen, mit ihren Tüten, Taschen, Rucksäcken und Rollkoffern, und was da wohl drin sein möge. Jetzt lächelten und lachten sie beide immer wieder. Alles Schwere schien verdunstet.
Die lustigen Geschichten hielten nicht lange an; gerade nach der, die sie am stärksten und längsten zum Lachen gebracht hatte, schwiegen sie einen Moment lang erschöpft, und keiner wagte es danach mehr, eine weitere Geschichte zu erfinden, und sie kehrten zum schweren Schweigen zurück. Max fragte plötzlich: Und wie geht es jetzt weiter? – Immer ich!, keuchte sie langsam, griff nach ihrem Tabakbeutel, wandte den Blick ab, hielt inne, stand auf und ging.
moccalover - 18. Aug, 21:54
Es gibt die, die nicht sehen.
Es gibt die, die verdrängen.
Es gibt die, die kompensieren.
Aber niemand kann etwas tun.
Manche sagen: Wenn nur alle so wie wir!
Manche sagen: Es hilft eh’ nix!
Manche sagen: Es wird besser!
Manche sagen: Tue Gutes!
Wer Gutes tut, der vertreibt nicht das Böse.
Wer Gutes tut, von dem profitiert das Böse.
Wer Gutes tut, der entlastet das Böse.
Denn vom Guten ernährt sich gern das Böse, und es versteckt sich dahinter.
Noch nie hingen wir so eng zusammen, noch nie waren wir uns so fremd.
moccalover - 18. Aug, 21:41
Ich habe etwas geschrieben, und das enthielt den Buchstaben ‚e’.
Das ‚e’ wurde gestrichen. Vom Korrektorat.
Es ist nicht mehr da, das ‚e’, und auch wenn in seinem Satz noch viele andere von seiner Gattung stehen, so war es doch ein ganz besonderes ‚e’.
Es war ein Dativ-‚e’, am Ende des Wortes ‚Vertrag’.
Es wurde weggenommen, weil überflüssig, weil widerwärtig aussermodisch.
Und ich bin traurig; weiss ganz genau, dass kämpfen nicht lohnt, weil es ganz gewiss eine Richtlinie gibt, die solche Dativ-Reverenzerweisungsbuchstaben verbieten, und das vielleicht auch mit der abfälligen Bemerkung „(veraltet)“.
Darum soll es hier eine Heimat finden, mein ‚e’:
e
moccalover - 13. Aug, 15:59
„Falabou ist unabhängig!“ – und wir haben mitgejubelt.
„Freie Wahlen in Kurflaktistan!“ – und wir haben wohlwollend hingeguckt.
„Friedensvertrag in Tangerlou“ – und wir haben den Blick zufrieden abgewandt.
„More&More Inc. schreibt Rekordgewinne!“ – und wir haben den fünfzehnten Monatslohn eingesteckt.
„Neue Technologien erlauben CO2-Einlagerung!“ – und wir haben aufgeatmet.
„Auch Familie Wu hat jetzt einen Fernseher!“ – und wir haben die Beine hochgelegt.
„Mountain-Bike und Thunfischsalat für neunundneunzig Euro!“ – und wir haben zugegriffen.
„Schwuler Zeuge Jehovas tötet Pudel mit Flammenwerfer!“ – und wir haben neugierig gelesen.
„Ölpest in Arluquassuluqutaq!“ – und wir haben einen Schokotaler gekauft.
„Hiesige Gewässer werden immer sauberer!“ – und wir haben einen Goldring gekauft.
„Feindseligkeiten in Batramimbi nehmen nicht ab!“ – und wir haben geseufzt.
"Drogenbaron verhaftet!" - und wir haben die Hand zur Faust geballt.
„Afrika: Korruption macht alles kaputt!“ – und wir haben müde genickt.
„Wasser wird zum raren Gut!“ – und wir haben einen Sparduschkopf gekauft.
„Immer mehr illegale Einwanderer!“ – und wir haben uns über die Toilettenreinigung beklagt.
„Lepra muss bekämpft werden!“ – und wir haben beim Downloaden eine Petition angeklickt.
„Bildung ist der Schlüssel für die Entwicklung der armen Länder!“ – und wir haben zum Spielfilm gezappt.
„Aktien steigen endlich wieder!“ – und wir haben in die Biomöhre gebissen.
„Sabulesische Minenarbeiter ermordet aufgefunden!“ – und wir haben das neue Handy in die Microfaserhülle gesteckt.
„Faustfeuerwaffen: Lateinamerika wird überschwemmt!“ – und wir haben das Türschloss verstärken lassen.
„Terrorist tötet und wird getötet!“ – und wir haben unsere Augen geschlossen.
„Es ist soweit.“ – und da haben wir schon geschlafen.
moccalover - 9. Aug, 22:48
Hannes findet, dass es, wenn man Drogen kaufe, oder, wie er sagt, nicht-legale Substanzen erwerbe, doch recht ähnlich sei mit dem, was früher zu erleben gewesen sei, wenn man mit knapp achtzehn mal im Sexshop herumspaziert sei, die Hände in den Hosentaschen, natürlich zu den Hüftknochen hinaus gespreizt, so dass sie zwar versorgt waren, eine auch nur imaginäre Verbindung zwischen Händen und Schoss aber gleichwohl ganz ausgeschlossen war, und man dann, nachdem man beiläufig eine Videokassette oder ein A5-Magazin ergriffen hatte, bei der Kasse bezahlt hatte, als wäre man der Naturstammkunde dieses Etablissements überhaupt, dass es also, wenn man Drogen, oder eben unerlaubte Substanzen, kaufe, doch recht ähnlich sei. Man interessiere sich wie sonst nie für die Umwelt, und man werde paranoid, wie man es mit dem abartigsten Mittel, das gerade erhältlich sei, das Was-weiss-ich-noch-wie-das-hiess-ol, oder -yl, oder doch vielleicht -xylen, niemals werden könnte. Man fühle sich als der schändliche Mittelpunkt der Welt, auf den alle gucken und gaffen, und noch der normalste Griff nach dem Hut, ob er noch der Mode entsprechend auf dem Kopf aufsitze, werde schon bei der Ausführung zum Problem, zum Problematicum und zu einer Wissenschaft, wie er denn ausgeführt worden sei, und was das jetzt mit Bezug auf das konkrete Verhalten am fraglichen Ort auf sich haben könnte. Man integriere, so Hannes, den Rauschmittelfahnder gleich in sich, und man denke auch all dessen mögliche Gedanken, und man spüre dabei, wie er den Griff an den Hut, das Versorgen des Geldbeutels und den zwanghaft beiläufigen Blick über die Schulter auf den eigenen Rucksack in ihrer grundsätzlichen Sinnlosigkeit mit röntgenstrahlenhafter Klarheit analysiert und als Zusammenspiel der nervösen Reaktionen des zumindest resthaft sich seines getanen Unrechts bewussten Bürgers entlarvt. Was man auch immer tue, und vor allem: je mehr man überhaupt tue, desto mehr komme es einem vor, als sei allen anderen noch vor einem selber klar, dass man das Richtige vermieden und deshalb das Falsche getan habe. Genau wie damals, als man fürchtete, schon allein die Tatsache, dass die Videokassette mit den kleiderlosen Frauen und Männern sich nun in der Tasche befindet und dass das, zumindest im ersten Gespräch darüber, niemand aus dem persönlich bekannten Umfeld gutheissen oder auch nur gleichgültig übergehen würde, dass schon diese Tatsache einen zu den ungewöhnlichsten Verhaltensweisen zwang, nur um gewöhnlich zu wirken; genau wie damals, als fast alles verboten war, von dem man glaubte, dass es die Freiheit erst ausmache. – Du musst Dich verhalten, wie es sich gebührt, oder Du musst den Mut entwickeln, um danach ruhig die Strasse hinunter zu gehen, als wärst Du im Recht, als wärst Du der beste Mensch von allen (sagte hier Hannes’ Freund). Es ist wirklich nicht im geringsten konsequent und verständlich, wenn Du dauernd Situationen provozierst, in denen Du alle Ehre, wie sie sich heutzutage eben zusammensetzt und in Deinen Kreisen versteht, verlieren könntest, Du aber zugleich Dir selber nicht die Ehre erweisest, Dir einmal einzugestehen, dass Du mit dieser Ehre sehr gerne und ganz absichtlich auf ein gefährliches Spielfeld ziehst, und dass Du nicht wirklich den Verlust einberechnest: Wärest Du ehrlich, dann wärest Du ruhig. Und wenn es schief ginge, dann trügest Du die Folgen als einer, der sie gekannt, der sie gefürchtet, aber der sie in Kauf genommen hat. Dann wären die Folgen nichts Fürchterliches mehr, wenn sie denn kämen; und vor allem wären sie nichts mehr, das Dich davon abhielte, ruhig die Strasse hinunter zu gehen, denn wenn Du Dich wirklich für die Inkaufnahme entschieden hättest, dann gehörten sie als normales Problem, und nicht mehr als mit allen Mitteln zu verhindernder, letztlich aber tödlicher Ausnahmezustand zu Dir. – Das mag sein, nur verkennst Du das Spiel (sagte daraufhin Hannes): Sexshops reizen mich nicht, ich habe den grössten davon zuhause in meiner Breitbandleitung. Was mich zieht, ist die Berührung mit dem wirklichen Leben, jenseits von dem, was ich ohnehin schon habe. Ich weiss, dass es hart ist, das wirkliche Leben, das die anderen führen, und ich mache ja alles, damit meines nicht dahinkommt, aber je mehr ich das tue, desto mehr auch brauche ich diese Sicht aufs Brachiale, aufs unkontrolliert Flimmernde und Flackernde, aufs Steigen wie aufs Fallen. Ich könnte tausend Rauschmittelhändler haben, die mich auf diskretestem Weg versorgen, und doch wäre es gerade dies, was mir meinen Genuss verdärbe. Ich bin reich und abgesichert, und nichts kann mich gefährden – ausser, dass ich mich mit dieser Welt in zwanghafte Verbindung setze, die Sicherheit und Schutz nicht kennt. Wo sonst soll ich denn das Leben finden? – Hannes konnte sehr überzeugend sein, und noch mehr konnte man müde sein, wenn er erst einmal angefangen hatte, sich und seine Verhaltensweisen, geschweige denn seine Marotten, zu verteidigen (das sah Hannes’ Freund ein).
moccalover - 8. Aug, 02:25
Wenn mein Herz nicht mitzueilen vermag, sobald ich mich schneller als zu Fuss bewege, wo ist es dann jetzt, wo ich seit Jahren täglich mit dem Zug zwischen den Städten wechsle? Hat es sich bei meiner Verfolgung irgendwo auf dieser Strecke verloren, sieht mich zweimal am Tag vorbeirasen und versucht vielleicht ganz erschöpft für kurze Zeit, dem Zug hinterherzujagen? Bleibt es hier? Oder ist es des Nacheilens leid, und hat schon längst ein anderes Leben gefunden und besucht mich nur noch ab und an?
moccalover - 6. Aug, 23:15
Dass immer noch Sommerferien sind, habe ich an der Familie gemerkt. Unter meinem Fenster hat sie mit allen Utensilien unter den Armen, die es für eine Flussfahrt im Gummiboot braucht, die Strasse überquert. Das kommt an einem Mittwochabend nur während der Sommerferien vor.
Seit genau sieben Jahren schaue ich durch das Fenster, durch das ich mich jetzt hinauslehne. Ich habe den Bauch auf dem Fensterbrett aufgestützt, und eine Metallleiste presst sich in meine unteren Rippenenden. Ich schaue am Morgen vom Bett aus, wie das Wetter werden wird, und am Abend hoffe ich auf wohlgeformte, farbige Wolken. Ich bewundere Stürme, die ungeahnte Mengen von Regen fallenlassen, und ich schaue dem Wasser zu, wie es neben dem Fenster vom Dach herunterstürzt, und wie es von den Autos unten auf der Strasse durchpflügt wird und als Gischt auf kleinen Wellenkämmen davonspritzt, bis es schliesslich einen Platz in einem Abfluss gefunden hat und unterirdisch Richtung Fluss verschwindet. Und wenn es in einer Nacht so fest schneit, dass sogar diese breite, kaum je zur Ruhe kommende Strasse sich weiss überdeckt, schluckt der Schnee auf allen Dingen das Strassenlampenlicht und gibt es als warmes Leuchten wieder ab. Dieses Leuchten hat keine Herkunft und keine Richtung, sondern steht im Raum und erhellt alles in ihm, selbst die Luft, und es greift bis zu den tiefhängenden Wolken hinauf. Manchmal grabe ich meine Fenstersimspflanzen in diesem Licht vom Schnee frei, und manchmal rinnt mir dann beim Einschlafen geschmolzener Schnee vom Kopf auf mein Kissen.
Ich schaue durch das Fenster auf die Karawane der Feuerwehr, wenn sie brüllend stadteinwärts jagt, und höre es den Sirenen an, ob sie von der Feuerwehr, von der Polizei oder von der Sanität künden. Wenn der Nebel auf den Köpfen der Stadt klebt oder durch die Strassen weht und ich zum Himmel blicke, kann ich ab und zu den Bugscheinwerfer eines Flugzeugs sehen, der sich dank elektronischer Instrumente selbstgewiss in Richtung Landebahn bohrt. Und ich schaue den Menschen zu, die da unten auf die Reisebusse warten, weil sie nicht mehr hierbleiben wollen oder können. Sie haben Fussballspiele oder Verwandte oder einfach die Sehenswürdigkeiten besucht; vielleicht haben sie eingekauft, sind beschenkt oder bestohlen worden, vielleicht haben sie gebettelt. Oder sie sind von hier und wollen weg – in die Berge, ans Meer oder an Fussballspiele. Sie warten alle am gleichen Ort, benützen alle die gleiche Telefonzelle und die gleichen Toilettenkabinen; teilen sich alle die einzigen beiden Sitzbänke. Und wenn sie warten, sind sie nervös, oder sie diskutieren, lesen oder spielen, beobachten sich und ihr Gepäck, doch nur selten beobachten sie jene auf dem Platz, die nicht mit Bussen verreisen, sondern hierbleiben wollen und die besonders spät am Abend häufig verdrehte Sinne und Manieren haben.
Sind die Worte mir denn ausgegangen? Nein, gewiss nicht. Die Luft ist warm geblieben, auch wenn der Himmel schon schwarz ist und nur ganz unten am Horizont noch fahlgelblich ausglimmt. Es wird schwierig werden, einzuschlafen.
Nein, Worte sind da, und sie sprudeln mehr denn je. Aber sie sind andersartig und fliessen in andere Kanäle. Und so ordnen und reinigen sie auch andere meiner Gehirnareale, wenn ich sie ausspucken kann. Es sind andere Worte. Ich habe in den letzten Jahren viel geschrieben; allerdings wenig über mich oder sonst in einer Art, die mich selber in die Gedanken einbände. Ich habe Formulare ausgefüllt und Vortragsfolien beschrieben, ich habe meinem Computer, diesem Perpetuum mobile des ewigen leeren Blattes, Abertausende von Zeilen anvertraut, die manchmal keine zwei Minuten lang am Leben blieben, von denen aber einige wenige einen ganz eigentümlichen Weg durch die Welt gefunden haben. Ich habe vielleicht geschrieben: T. kommt nicht umhin, eine unverzügliche Überprüfung des Sachverhalts auch unter dem Grundsatz der Leistungsäquivalenz zu beantragen, und er wird im Falle der Verifizierung seines Standpunktes die erforderlichen weiteren Schritte einleiten. Ich hätte aber auch schreiben können: Terry konnte nun nicht mehr anders, als Estelle an ihren Handgelenken zu ergreifen, sie zunächst hinter die Türe und dann an seinen muskeldurchzogenen, jetzt ganz angespannten Körper zu ziehen um dann, als er die Wärme ihres Atems auf seinem Hals spürte, sein Gesicht gegen das ihre zu senken und sie sanft, aber eindringlich, zu küssen. Es kommt nur auf den Jargon an, man kann alles schreiben, wenn man muss und den Jargon beherrscht.
Wenn man aber immer nur muss, verdrängen diese Worte die anderen, viel scheueren, die nur ohne Gewaltanwendung aus dem Kopf herausquellen, wenn sie sich wagen. Sie fürchten sich vor den anderen Worten, die sich wichtigtuerisch damit brüsten, kommerziell verwertbar und überhaupt für die Welt bedeutsam zu sein. Sie kommen nur, wenn ich mich aus mir herauslöse, mich für einen Moment niederlege und meinen Gedanken ganz freies Spiel in ihrem Verhalten lasse, so dass sie jene Worte hervorbringen und vermählen, die sie wollen.
Letzthin habe ich mir vorgenommen, mich jeden Abend für zehn Minuten auf das Fensterbrett zu stützen und mich hinauszulehnen. Ich habe mich seither nicht strikte daran gehalten; mir scheint zuweilen, dass mit zunehmendem Alter es Anspruch und Wirklichkeit immer mehr gelingt, sich als ganz eigenständige Personen aufzuführen, die, wie manche alte Eheleute, nicht mehr viel miteinander zu tun haben, sich kaum noch kennen. Aber heute tue ich es wieder. Es ist ruhig, nur der Verkehr tönt, und auch die Schulklasse mit Fahrrädern, die eine Weile nach der Familie mit dem Schlauchboot über die Strasse zum Parkplatz gegangen war, ist längst verschwunden. Vielleicht wird jetzt im verdunkelten Zimmer eines Massenlagers getuschelt, vielleicht aber sind alle wieder zuhause und lassen die Tür einen Spalt breit offen, um besser einschlafen zu können.
Ich wollte am Anfang nicht fliehen, musste aber eine Pause machen. Und nun bin ich lange weggeblieben und weiss auch nicht, ob ich wieder hier bin, ob ich wieder hierher zurückkommen werde. Ich habe mich aus ganz vielen Gründen in den letzten Jahren kaum mehr aus mir herausgelöst, mich beiseite gelassen, um mich zu sehen. Ich habe mich nur noch benutzt und verwaltet und nicht mehr betrachtet. Das will ich wieder lernen, aber daran ist nichts, was sich vorhersehen und garantieren liesse.
Ich weiss nicht, wie das gekommen ist. Andere Dinge, die auch noch gedacht werden müssen, begleiten mich den ganzen Tag. Eine gewisse Enttäuschung über die Möglichkeiten eines konkreten und einzigen Lebens, gepaart mit einer seichten, bequemen Zufriedenheit über dieses konkrete einzige Leben, hat mich ergriffen und knebelt mich manchmal, so dass mich das schreckliche Gefühl beschleichen kann, nicht mehr nachdenken zu können. Ich will nicht Träume leben und möchte das auch nicht wollen. Aber immerhin mein Leben leben, das möchte ich manchmal, wenn ich den Kopf zum Fenster hinausstrecke, um dem Wetter, dem Verkehr und den Leuten zuzuschauen.
Einen Moment lang steht der laue Abendwind still, und ich glaube, die Wärme des Dachs und des Fensterbretts zu spüren, wie sie auf mich zuschwebt. Aus dem Fenster unterhalb steigt der Geruch der Wohnung meines Nachbarn empor. Ein bisschen süssliches Reinigungsmittel, ein bisschen abgestandener Tabakrauch.
moccalover - 6. Aug, 00:16