Bilder im Kopf

Sonntag, 23. August 2009

zuviel.

zu viel Scheibenkäse, zu viel Alkohol.

zu viele Plastikkarten, zu viele Pincodes.

zu viele Piktogramme, zu viele Dekolletees.

zu viele Texte, zu viele Meinungen.

zu viele Bilder, zu viele Gefühle.

zu viel Kraft, zu viele Narben.

zu viel Gelächter, zu viele verborgene Blicke.

zu viel Beton, zu viel Benzin.

zu viele Menschen, zu viele Schritte.

zu wenig Luft.

Donnerstag, 2. März 2006

knallauffall.

Es war ein Student erschossen worden. Von hinten; mitten in der Bibliothek der Geschichtsfakultät, mitten am Tag, mitten ins Herz. An einem Tag, an dem eigentlich nichts Besonderes hätte geschehen sollen. Die Feiertage waren schon lange vorüber gewesen, und der Karneval noch weit weg. Die meisten waren in dieser Zeit am Skifahren, und niemand hätte an diesem grauen Tag jemand angerufen, nur um einfach ‚Hallo’ zu sagen. Der Kopf des Studenten war auf das aufgeschlagene Griechischwörterbuch gefallen, und aus dem Mund war roter Schleim geflossen. Der Knall des Schusses hatte die in der Mittagsstille lesenden Kommilitonen gelähmt; hier wurde normalerweise jedes Rascheln und Knacken mit genervten Blicken gestraft. Für etwas so Lautes aber, wie die Explosion von Schiesspulver es verursacht, hatte niemand Eingeübtes zur Verfügung, und im ersten Moment blickte niemand von seinen Büchern auf. Jeder war erstarrt, als hätte man ihn in seiner Versunkenheit hinterrücks geschlagen. Der Mörder war, nachdem der Student röchelnd in sich zusammengebrochen war, keine Sekunde länger bei seinem Opfer verharrt. Er hatte sich umgedreht und den Raum steif und rasch durchschritten, so dass er durch die Türe verschwunden war, ehe die ersten sich aus der Starre lösten und ihre Gesichter angstvoll zum toten Studenten richteten.

Später gab es ein paar Beschreibungen von einem, der es gewesen sein könnte, doch niemand war sich sicher, ob er den Mörder oder doch bloss irgendjemand hatte umhergehen sehen. Es schien, als hätte an diesem Ort der Ruhe und akademischen Konzentration mit einem solchen Lärm, einem solchen Ereignis, derart nicht gerechnet werden können, dass auch im Nachhinein, mit dem Wissen darum, was man erlebt hatte, niemand sich vorstellen konnte, eines Mörders Weg gekreuzt zu haben, eines Mordes Zeuge geworden zu sein.

Der Student, der nach den Erkenntnissen der medizinischen Fakultät erst nach drei Minuten dem Lungendurchschuss wirklich erlegen war, hatte ein unauffälliges Leben geführt, das konnte man bald darauf in den Zeitungen lesen. Er war nicht mit vielen bekannt gewesen; alle, die ihn gekannt hatten, hatten manchmal beim Schlangestehen vor der Kaffeemaschine mit ihm ein bisschen geschwatzt und dabei gemeint, dass er andere Leute haben musste, die ihn besser kannten. Nichts deutete darauf hin, dass der Student irgendjemandem einen Grund oder auch nur die Gelegenheit gegeben haben könnte, ihm Böses zu wünschen.

Die Strafverfolgungsbehörden konnten den Fall nicht klären, doch die meisten hatten sich mit der Zeit einer der vielen Meinungen angeschlossen, die überall kursierten und schlüssig erklärten, wie es zu dem Unerhörten gekommen war. Man hörte von burschenschaftlichen Mutproben, von politisch-wirtschaftlichen Implikationen, fatalen Liebesgeschichten, unheilvollen medialen Vorbildern, Geistesverwirrung und Terrorismus. Und selbst für jene, die sich nicht auf eine Meinung festlegen mochten, war selbstverständlich, dass eine der herumgebotenen Versionen zutreffen musste. Niemand konnte sich dem allgegenwärtigen Raten und Werweissen entziehen. Es wurden Reden gehalten und Appelle ausgesprochen, Massnahmen erlassen und Gremien erschaffen. Flugblätter wurden verteilt und Forderungen aufgestellt, Mahnwachen organisiert und Schlägereien ausgetragen. Eine Messingtafel wurde in die Betonwand der Bibliothek geschraubt, sie fasst das Ereignis zusammen und bittet um Demut. Verschiedene Vereinigungen und Zusammenschlüsse entstanden mit der Zeit, die ihren Zweck in der einen oder anderen Weise auf die Ermordung des Studenten bezogen. Und weil die Ergebnislosigkeit der polizeilichen Ermittlungen allgemeine Ratlosigkeit hervorrief, setzte sich nach und nach die Auffassung durch, dass gar nicht so wichtig sei, weshalb der junge Mann letztlich sterben musste, sondern, dass aus allen möglichen Gründen fruchtbare Lehren zu ziehen seien.

Dienstag, 24. Januar 2006

neues.

Ich habe heute etwas Neues erlebt. Was, das ist höchst unwichtig, es ist nicht grossartig noch geringfügig. Aber ich habe dabei sofort gespürt, dass es neu war, noch nie erlebt war. Ich habe das sogleich erkannt; mit der Sicherheit, mit der man den Geruch von Zitronenputzmittel erkennt.

Montag, 9. Januar 2006

winterschnelldurchlauf.

Nun zier dich nicht, damit gewinnst du nichts, nicht einmal dich selbst. Komm her, zeig deinen Kopf. Man müsste Bilanz ziehen, man müsste sich eingehend befragen, man müsste endlich wieder den Platz finden, von dem aus man beobachten kann und was zu sagen hat, man müsste immer besser werden; sagst du. Dein Kopf ist ja ganz wirr, deine Stirn glüht beinahe; beruhige dich doch endlich, jetzt, wo du Zeit dafür hast. Du musst nicht den ganzen Berg auf einmal verschieben wollen, sonst stehst du ewig an der Wand. Na, komm, steh auf und gehe ein paar Schritte. Ein bisschen selber musst du schon stehen, im Liegen bist du zwar unschuldig, aber auch unbemerkbar, irgendwie unbedeutend.

Vorhin, eine Weile nach dem frühen Sonnenuntergang, ist vom Fluss her Nebel aufgezogen; er ist durch die Strassen gezogen und an den Häuserwänden emporgestiegen, bis er über den Dächern gefror und in staubfeinen Körnern zu Boden fiel und nicht schmolz. Innerhalb einer Viertelstunde war alles, der gefrorene Strassenboden mit den Salzspuren, die kahlen Bäume, die farbigen Autos und die überfüllten Metallabfallkübel, mit weissem Puderzucker überdeckt. Der Teerbelag wurde glitschig, und alle mussten ihren Schritt verlangsamen. Es gibt immer weniger Wasser in den Flüssen, Himmel und Boden sind erstarrt, und der Winter soll noch lange dauern. Manche sagen, sie mögen den Schnee nicht in der Stadt, nur auf den Pisten; und jetzt mag selbst ich ihn nicht mehr, denn er ist von fast überallher vertrieben worden und liegt nur noch als steifgefrorene und von Staub und Splitt schwarz überdeckte Moräne an der Bordsteinkante. Sektkorken und pinkfarbene Handzettel liegen da und dort darauf. Der gefallene Nebel wird das Grau für ein paar Stunden vertreiben, ehe er wieder verschwunden ist.

Die Zeit war nicht geil; ich selber aber ab und zu gleichwohl. Vielleicht kein Wunder, dass mir, wenn mir alles vergeblich wird, wenn mich von überallher die Nutzlosigkeit angähnt, nur Geilheit und Bequemlichkeit übrig bleiben. Und danach kommt nur mehr ein ratloser Blick auf die Bauchdecke, wenn ich merke, dass der Hunger durch Essen nicht mehr zu besiegen ist. Der Bauch hebt und senkt sich mit den Atemzügen, und die Brust erzittert unter den Herzschlägen; doch das ist alles, was mich bewegte.

Ich glaube, irgendeinmal wurde es dann auch Weihnachten. Selten habe ich sie so wenig kommen sehen; selten habe ich so erfolgreich verdrängt. Vielleicht aber auch lagen einfach schon viel zu lange die Nüsse und Mandarinen in der Fruchtschale, blinkten schon viel zu lange die Rentierfiguren aus den Fenstern, als dass ich, endlich im Dezember angekommen, darin noch etwas Besonderes hätte entdecken können. Es gab am Heiligabend natürlich dieselben Schnittwurstsorten wie immer, nur der Preis der Lyoner war wieder gestiegen. Eine kalte, bescheidene Platte, in der unsere Verhältnisse vor dreissig Jahren eingefroren worden sind. Heute könnte man sich natürlich jedes beliebige Fleisch in grossen Mengen leisten.

Die meisten Leute, die mit uns in der Kirche sassen und bekannte Lieder sangen, wuchsen in genau solchen Zeiten auf, als noch nicht alles möglich, bestellbar, erhältlich, erreichbar war. Sie hatten damals Wünsche an Weihnachten; wir kennen vorab Ansprüche und Wahrscheinlichkeiten. Sie freuten sich über Fleisch, sie liebten des Bratens Fettschichten, sie sorgten sich nicht. Zusammen lauschten wir zwischen den Gesängen den Erzählungen von den guten Dingen im Kleinen und im Grossen, die die schlechten besiegen würden; wir hörten, dass wir ausserordentlich grosses Glück gehabt hätten, und das seit nunmehr über zweitausend Jahren. Und ich dachte mir, vielleicht müsse das einfach so sein, dass man sich zwar das ganze Jahr nichts einbildete und die Gifte der Welt spie und schluckte, dass man sich aber wenigstens daran trösten konnte, an Weihnachten wenigstens ernsthaft versichert zu bekommen, dass man eigentlich Glück hatte.

Und ein paar Stubentage darauf feierte man das neue Jahr; ein Datum, dem längst insgeheim mehr ideelle und faktische Bedeutung zukommt als Weihnachten und Ostern zusammen. Ich habe muffig und gelangweilt gefeiert, weil ich müde war vor lauter Angst, durch Muffigkeit an langweiligem Silvester ein schlechtes Jahresomen zu setzen. Zumindest bringt das Neujahr eine Öffnung, währenddem die Zeit davor dem Abschluss gilt. Wie vieles schiebt man auf das kommende Jahr, wenn das gehende nicht mehr lange lebt, wie müssig erscheint jeglicher Anfang, wenn Sonne und Kalender sich dem Tief- oder Endpunkt nähern.

Früher, bevor diese kurzlebige Zeit anfing, hatten die Dinge noch Gewicht, noch einen Wert. Das hörte ich im Radio, als ich über die Neujahrstage nicht mehr machen mochte, als in der Küche zu sitzen und dem Programm zuzuhören. Vielleicht ist es auch einfach schwerer zu erkennen, was heute von Gewicht ist. Wer soll es heute wissen, wo man viel mehr erfahren kann, als je einer wissen könnte? Man weiss, dass man im Moment leben soll, doch hat es sich als sehr schwierig erwiesen herauszufinden, welche kurz- und langfristigen Strategien einem im Moment selber die grösste Befriedigung verschaffen. Überhaupt muss die Klage von der Kurzlebigkeit so alt sein wie die Veränderung überhaupt. Und doch spürt man es allenthalben – das wenigste von dem, was schnell kommt und wieder geht, kann Gewicht akkumulieren, Bedeutung erhalten. Und was von Maschinen oder Computern tausendfach hergestellt werden kann, atmet nur kalt; wir schätzen es nie wirklich und werfen es nötigenfalls ohne jegliche Traurigkeit weg. Gewicht hat vielleicht noch eine Begegnung mit Superstars, oder ein noch extremer ausgefallener Urlaub; aber auch das bald nicht mehr. Wir fliegen also durch den leeren Raum, und wir suchen nach Gewichten, die unser Herumflirren verlangsamen könnten. Als Trost bleibt nur die Hoffnung, dass die Gegenwart immer unsicher war, und die Gewichte immer erst später, für die Geschichtsschreibung, gegossen wurden.

Ich schritt und fuhr in letzter Zeit durch viele Bahnhöfe, durch die kalter Wind zog und in denen alle Leute mit Koffern und Einkaufstaschen beladen waren, Kopfhörer trugen und mit Telefonen hantierten. Ich nahm einmal mehr das kleine, weisse Frotteetuch aus dem Schlafwagen mit und fragte mich, ob man es nicht doch vielleicht auf dem Bett liegenlassen müsste. Ich fragte mich auch ständig, wie ich so viel hatte schreiben können. Ich fragte mich das genau so, wie ich immer überzeugt bin, etwas nicht mehr zu können, wenn ich es in dem Augenblick gerade nicht tue. Dabei wollte ich bloss die Frage vermeiden, warum plötzlich alles so vergeblich und lachhaft scheinen musste. Diese Vergeblichkeit hat immerhin den Vorteil eines süssen Fatalismus, auf dem ich reiten und viele Dinge tun kann; doch hat sie keinen Biss, sie hebt nichts hervor.

Ich habe so oft die Dinge betrachtet, und ich habe unter ihrem Schweigen gelitten. – Du hast nicht mehr zu ihnen gesprochen, das bestraften sie noch immer mit Stille. Lassen wir es, du wirst dich schon aufrichten, ich bin vielleicht auch manchmal ein bisschen streng zu dir. Es ist ein strenger Winter.

Mittwoch, 21. Dezember 2005

bettfreundschaft.

Ich muss wieder Freundschaft schliessen mit meinem Bett. Ich muss ihm die Zeit widmen, die es von mir will. Ich muss es sachte umarmen, und ich muss im Frieden zu ihm gehen, wenn ich schlafen will. Ich muss annehmen, was es mir an Gedanken und Träumen geben will. Ich muss es heiter begrüssen, dann werde ich es heiter verlassen.

Denn der beste Moment ist der vor dem Einschlafen, in dem die Gedanken noch verständlich, aber nicht mehr beherrschbar sind - in dem neue und verquere Gedanken herumschwirren in der Müdigkeit und sich manchmal im Geäste des Vorhandenen verfangen. Dass diese Gedanken so oft gleich wieder zerfallen, sich so rasch verflüchtigen und verlieren, ist diesem Moment zwischen den Welten geschuldet, das darf nicht verstören.

Donnerstag, 8. Dezember 2005

auf der strasse.

Das Geld liegt nicht auf der Strasse, sagt man, doch das Vertrauen der Menschen, das lag gestern da, auf dem staubigen Asphalt. Es war von den grossen Plakatwänden, die all unsere Strassen säumen und auf die es sich vor kurzem noch geflüchtet hatte, heruntergefallen. Wir mussten bloss zugreifen, alles Vertrauen lag vor unseren Füssen. Wir bückten uns, nahmen es auf und drückten es an unsere warme Brust. Es war heilfroh, sich an die Innenseite unserer Mäntel hängen zu können. Wir gingen in ein gemütliches Lokal, bestellten Bier und wollten reden. Es war schön, das Vertrauen bei sich zu spüren. Plötzlich hatten wir die Weltregierung inne, wir konnten über alles gebieten; es ging ganz einfach und rasch, ohne den kleinsten Widerstand – man war offenbar allseits erleichtert über unsere Machtergreifung. Wir gerieten bald in eifrige Hochstimmung, doch weil wir noch zwei, drei Biere tranken, und weil uns dann nicht so recht einfallen wollte, was wir nun tatsächlich tun sollten, haben wir es dann verschlafen. Im Schlaf nahm man uns das Zepter, das sich da noch kaum hatte wärmen können, wieder aus der Hand. Man merkte es am Morgen, überall in den Strassen standen nun Soldaten.

heute?

Wo war ich heute? Hat mich jemand umarmt, oder war das gar nicht heute? Habe ich heute überhaupt einmal an heute gedacht – oder nur an morgen? Bin ich heute meinem Ziel, bin ich irgendeinem Ziel näher gekommen? Habe ich ein Ziel, dem man näher kommen kann? War heute weniger alltäglich als der Alltag? Bin ich jemand anderer, wenn mich die Vertrautheit befremdet? Lerne ich manchmal aus meinen Fehlern? Welche Bilder haben Macht über mich? Wäre ich fähig, ein anderes Leben zu führen?

Mittwoch, 30. November 2005

kommen sie.

Schön, dass Sie zu uns gekommen sind! Nur zu, treten Sie ein und lassen Sie sich betören; ja, wahrlich, wir haben schlichtweg alles! Und ganz bewusst sagen wir nicht: was Ihr Herz begehrt, denn Sie wissen gar nicht, wie bescheiden Ihr Herz in all seinen Wünschen eigentlich noch ist – verglichen mit dem, was es alles haben könnte. Nun, Sie können das alles wirklich haben, wir haben nichts weniger als das Alles selber hier zu uns geholt. Natürlich nur für Sie, weil es uns eine Freude ist, Ihnen Glück und Erfolg zu bereiten. Sie dürfen sich ruhig etwas gönnen, und zwar tagtäglich, denn Sie haben ja nur sich, nicht wahr. Ihr Herz wird Sie lieben dafür, und Sie können auch noch mehr kriegen, denn wir haben einfach alles. Bei uns ist alles im Glanz, bei uns duftet’s immer frisch und neu. Unsere Regale sind überfüllt, Lücken werden binnen Minuten aufgefüllt, und überall haben wir Ihnen Promotionsboxen in die Regalgassen gestellt, damit Sie sich nie langweilen müssen. Da und dort werden Sie auch auf freundliche Hostessen unserer Lieferantenpartner treffen, die Ihnen an einem Informationsstand gerne ihre neuen Produkte präsentieren. Wir sind stets bemüht, aus Ihrem Einkauf ein Erlebnis zu machen; wir sehen Sie gerne länger bei uns verweilen, deshalb haben wir auch das Bistro eingerichtet, in dem Sie gemütlich in unserer Hauszeitschrift oder in unseren Katalogen blättern können. Um Ihre Kinder und um die Grossmutter kümmern wir uns selbstredend auch; wir haben spezielle Programme zur Animation aller Altersgruppen. Möchten Sie vielleicht lieber einen Film über unser Sozialengagement, unsere Kulturstiftung und natürlich über unsere neusten Produkte sehen? Bravo, denn Sie stehen ohnehin gerade vor dem hausinternen Vorführsaal. Und sonst können Sie diesen Film auch kaufen; diese Woche noch kriegen Sie ihn übrigens mit drei Prozent Rabatt, wenn Sie vier Ihrer Bekannten von den Vorteilen unserer Clubkarte überzeugen können (was ja nun wirklich ein Kinderspiel ist). Zu Ihrer Sicherheit haben wir übrigens da oben überall elektronische Späher angebracht, unser Ordnungsteam guckt durch diese Kameras, damit Sie sich bei uns nicht sorgen müssen vor den bösen und wüsten Gestalten dieser Welt. Wir lesen den Namen von Ihrer Kreditkarte und lassen ihn auf dem Kassenbildschirm aufscheinen; so kommt es, dass Sie stets persönlich verabschiedet werden. Geben Sie zu, Sie schätzen das, wenn unsere hübsche Kassenstudentin Sie dazu auffordert, bald wieder einmal vorbeizuschauen. Vielleicht fiel Ihnen noch gar nie auf, dass wir die Sprachregelung unserer Mitunternehmerinnen und Mitunternehmer hinsichtlich des Kundinnen- und Kundenkontaktes alle Tage variieren, monatlich komplett überarbeiten und den neusten Anstands- und Modetrends angleichen. Wir wollen bei Ihnen sein, ja, ganz persönlich bei Ihnen, und wir wollen Ihnen das geben, was Sie sich erträumen. Bei uns sollen Sie Ihre Traumlandschaften wiederfinden, bei uns sollen Sie Kind, Mann und Frau zugleich und in Reinform sein. Bei uns sollen Sie sich nichts ausreden oder abschlagen müssen. Wir schreiben uns alle edlen und hehren Prinzipien dieser Welt auf die grossen Fahnen, draussen auf dem Parkplatz. Wir haben immer das Passende parat; und Sie dürfen sich ganz sicher sein, dass wir die Prinzipien alle ohne grössere Mühe auch unter einen Hut bringen, ohne darauf verzichten zu müssen, jedes Jahr die Kassen noch voller zu füllen. Wir beraten Sie kompetent und umsichtig, wir sind für Sie da; wir sprechen Ihre Sprache und erklären Ihnen alles gut verständlich. Und falls trotz all unserer Vorkehren jemals etwas nicht weit über Ihren Ansprüchen liegen sollte, so seien Sie zunächst versichert, dass Ihnen hieraus keinesfalls ein Schaden erwachsen wird, und seien Sie daran erinnert, dass wir uns ständig von neuem anspornen, die Bemühungen um die Qualität unserer Produkte und Dienstleistungen noch weiter ins Unermessliche hineinzusteigern. Ohnehin erklären wir Ihnen auf Faltblättern gerne unsere Welt, unsere Entscheidungen und unsere Philosophie. Wir geben Ihnen fürs Leben gern Tipps für Ihr Leben, und wie Sie es noch schöner ausschmücken können. Sie als unsere Kundin oder unserer Kunde sind uns schliesslich am wichtigsten. Wir existieren für Sie, wir handeln für Sie.

Montag, 21. November 2005

werde ich?

Werd' ich dir von den winzigen Blümchen erzählen, die in den ersten Löchern der Schneefelder spriessen, wenn du dann zwischen den Schläuchen liegst? Werde ich dir von den Sturzbächen erzählen, von ihrer Frische und ihrer endlosen Kraft, wenn du dann nicht mehr gehen kannst? Werde ich Dir von der warmen Stube erzählen, deren Holz den Ofenrauch all der Jahre ausatmet, wenn du deine Augen nicht mehr öffnen kannst? Oder werde ich nur schmal und feige daneben stehen; nichts sagen, um dich nicht traurig zu machen? Wird es schon im nächsten Frühling so weit sein?

Sonntag, 20. November 2005

Enten sehen.

Darf ich mich zu Ihnen setzen? – Aber ich bitte Sie, junger Mann, Sie sehen doch, es ist auf dieser Bank hinreichend Platz für uns vorhanden. Kommen Sie, die Sonne wird bald hinter den Bäumen verschwinden, geniessen wir noch diesen kargen Rest! Schieben Sie den Stock ruhig zur Seite, oder geben Sie ihn mir einfach. – Danke. Es ist wirklich besonders schön, die letzten Sonnenstrahlen eines Winternachmittags auf dem Gesicht zu spüren. Und diese Ruhe! Im Sommer machen die Enten hinten am See immer ein Riesengeschnatter! – Ja, das Geschnatter, ich höre es jetzt noch fast, so kurz ist das für mein Gehör erst her…Und doch knirscht das Gras am Morgen jetzt schon, und der Erdboden, ja sogar die Hügelchen aus Regenwurmkacke, sie sind hart und vereist. – Ich sehe den Enten hier immer gerne zu; besonders, wenn sie wassern. Der letzte Moment, diese Spannung, bevor sie aufsetzen und zischend ihre weisse Schaumspur über die schwarze Wasseroberfläche zeichnen … ich werde wohl nie auf das Geheimnis kommen; dieser Anblick beraubt mich für eine Sekunde meines Bewusstseins. Ich verharre in meinem Starren. … Wissen Sie, ich bin Schauspieler, und ich bin sehr unglücklich darüber, denn dieser Beruf hat mich meiner Persönlichkeit beraubt. Mit jeder Rolle, die ich einübte, mit jedem Theaterstück, das ich mir ansah, mit jedem Film, den ich studierte, gruben sich all die Charaktere tiefer in mich ein. Ich kann mich selber zwar noch ausmachen, doch diese anderen Menschen sind mir überlegen, ich bin grau und öd neben ihnen. Und so falle ich aus purer Ratlosigkeit immer tiefer in die eine oder andere der in mir verinnerlichten Rollen. So finde ich in jeder Situation einen Ausweg. Nur wenn die Ente ihre Füsse ausstreckt und gleich zu Wasser gehen wird, wenn mich nur noch diese Anspannung beherrscht, dann kann ich nicht mehr an Schauspiel denken.

Ich weiss, was Sie meinen, mit dem Wassern der Enten. Ein faszinierender Augenblick von wunderbarer Schönheit! – Darf ich Sie fragen … Waren Sie … waren Sie immer schon blind? – Ja, und nein. Ich wurde blind geboren, und vor zwei Jahren wurde mir ein Gerät implantiert, mit dem man mich zum Sehen brachte. Ein Chip, neueste Hochtechnologie, ein Versuch. Ich habe die Enten fliegen sehen, und ich habe die Kinder auf dem grossen Brunnen spielen sehen. Zuerst hatte ich Freude an der Bereicherung meiner inneren Bilder, ich war verhext von all den Farben und Details. Doch zumeist fühlte ich mich überfordert, überfüttert. Ich musste lange lernen, welche Dinge wie aussehen, und eigentlich fand ich mich nie zurecht. Ich schloss immer mehr wieder meine Augen und lebte wie bisher. Irgendwann habe ich mir den Chip dann ausschalten lassen. Ich bin ein alter Mann, und mir hat nicht besonders gefallen, was ich sah. Es hat mich verwirrt, es hat mich beunruhigt und nervös gemacht. Und es half mir auch kaum je weiter. Nur die Enten hier im Park, und die Kinder, an die erinnere ich mich gerne. … Und Ihr verhaltenes, staunendes Lächeln wäre mit Bestimmtheit auch ganz niedlich anzusehen.

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Einspruch!
" .. Wir haben alle verlernt, unsere Gier zu zügeln...
wvs - 17. Mai, 14:08
Sie tippen vollkommen...
Sie tippen vollkommen richtig; aber gleichwohl: Ich...
moccalover - 17. Mai, 11:29
Da ist unsere Sprache...
- bedauerlich, aber wahr - doch noch zu eingeschränkt....
wvs - 15. Mai, 00:13
Ja,
und doch ist Gier immer Gier, und selbst als Wissensgier...
moccalover - 15. Mai, 00:03
Wäre ....
es "Gier nach Wissen" anstatt "Gier nach Geld" und...
wvs - 13. Mai, 15:14
wer hat das angerichtet?
Die Ursache? Es ist nicht die Gier. Es ist der Glaube...
moccalover - 12. Mai, 22:39
Wo auch immer ....
Sie dies lesen - oder wann - ich wünsche ein spannendes,...
wvs - 31. Dez, 16:06
Es ist ....
das Wesen der "Arbeitsteilung" die Arbeitenden von...
wvs - 21. Nov, 20:34
Mit zunehmendem Alter...
erkenne ich genau dieses 'zu langsam schreiben für...
wvs - 21. Nov, 20:23
dem gedanken folgen.
sobald ich versuche, alles in mehr oder minder stummes...
moccalover - 19. Nov, 22:36
unternehmensethik.
es ist doch nicht das unternehmen, das ethisch sein...
moccalover - 19. Nov, 22:34
und was das heisse, wenn...
und was das heisse, wenn jemand jemand sei.
moccalover - 19. Nov, 22:33
danke. wenn nur die umsetzung...
danke. wenn nur die umsetzung so einfach wie die erkenntnis...
moccalover - 19. Nov, 22:31
wer das eigentlich sei
wer das eigentlich sei
Reh Volution - 10. Nov, 07:32
da steckt viel wahrheit...
da steckt viel wahrheit drin.
me. (Gast) - 7. Nov, 21:10

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